Heimat süße Heimat - Über das Leben der Grenzvölker



Vorwort des Intendanten Christoph Nix Spielzeitheft 2012/2013


In Konstanz und Kreuzlingen über Heimat zu sprechen, hat einen besonderen Reiz. Die meisten lieben ihre Gegend, die Berge und den See, ihre Häuser und Obstplantagen. Wer das Glück hat, hier aufgewachsen zu sein und ein kleines Stück Land zu besitzen, ist privilegiert, ist noch eine Immobilie darauf, hat er fast schon ausgesorgt. Vor diesem Hintergrund könnte der Mensch im Süden Deutschlands oder im Nordosten der Schweiz eigentlich sehr zufrieden sein.

Und doch verbindet man Heimat oft mit einem Gefühl des Verlusts. Heimat als ein Ort der Kindheit. Ein Elternhaus irgendwo, ein Dachboden vielleicht, auf dem ein Koffer steht, den wir öffnen und heraus fallen Bilder und Gerüche der Vergangenheit. Das ist sehr persönlich, aber der alltäglichen Erfahrung vieler Menschen entspricht es nicht mehr.

Der Kältestrom des Kapitalismus hat den meisten Menschen alles genommen: Häuser, Familienstrukturen, Arbeitsplätze und Religionen. Zurück bleibt der „flexible Mensch", der ökonomisch funktioniert. Je mehr Geld er hat, desto besser kann er den inneren Verlust kompensieren oder mittels Ersatzhandlungen sublimieren.

Wonach suchen wir? Nach einem Heimatbegriff in einem Land, in dem dieser kontaminiert ist. Zu schnell ist die Generation unserer Eltern und Großeltern zu den Fahnen der Nationalen gelaufen. Dies ist ein deutsches Problem. Unseren Schweizer Nachbarn scheint es leichter zu fallen, über Heimat nachzudenken. Geholfen hat ihnen die Neutralität, die nicht unmittelbare Verwicklung in Kriege und doch ist auch hier, im Thurgau, ein Ort des „bösen Nationalen". Wovor haben deren Anhänger Angst?

Wir werden beginnen mit »Die Stunde, da wir nichts voneinander wußten« - mitten in Kreuzlingen - und wir werden eine alemannische Komödie spielen - »Lametta«, mitten in Konschtanz. Wir wollen den Himmel aufmachen, auf der Suche nach Identität und dem Bösen und haben dazu einige Klassiker im Gepäck - vor allem Schweizer Klassiker wie Frisch und Dürrenmatt, aber auch junge Schweizer Autoren wie Linder und Mezger.

Der Philosoph Ernst Bloch fand für sich einen Ort, der ihm zur Heimat wurde: Tübingen. Am Ende seines Werkes »Das Prinzip Hoffnung« hat er einen Heimatbegriff formuliert, der für Deutsche und Schweizer gelten könnte:

Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.

Christoph Nix