»Borderline« also



Vorwort der Dramaturgie Spielzeitheft 2012/2013


Was hat dieser aus der Psychologie stammende Begriff als Motto für die Spielzeit eines Theaters zu bedeuten?

Im medizinischen Sinn handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, die im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen zutage tritt. Sehr allgemein gesprochen beeinträchtigt sie Bereiche der Gefühle, des Denkens und des Handelns und zeigt sich durch negatives und teilweise paradox wirkendes Verhalten, besonders durch ein Leben in Extremen.

Versucht man eine Abstraktion dieses Phänomens auf eine gesamtgesellschaftliche Situation, ja vielleicht auf ein ganzes Land, herzustellen, kann man nur in groben Thesen weiterdenken.
Deutschland hat Jahrzehnte des Ringens mit sich selbst hinter sich, Versuche einer (Neu-)Positionierung nach dem Trauma des Nationalsozialismus: Der beginnende Kalte Krieg, die Teilung Deutschlands und die Anbindung an den Westen, die Geburtsstunde der EU ; es folgten die Verdrängung der Vergangenheit während der Jahre des Wirtschaftswunders, die Auschwitz- Prozesse, die 68er-Revolution, der deutsche Herbst und sein blutiges Ende im Terrorismus. Dann die Wiedervereinigung, das langsame Zusammenwachsen von Menschen aus zwei Staaten. Dann die Globalisierung, die Krise der EU und die notwendige Neudefinition von Deutschland und Europa angesichts einer sich rapide wandelnden Weltordnung mit gewichtigen neuen Weltmächten wie China und Indien.

Deutschland, durchaus ein Leben in Extremen, auch in Beziehungen mit unseren Nachbarn. Ein Begriff, der unterschiedlichste Emotionen in diesem Kontext weckt, ist der Begriff Heimat. Es ist ein deutscher Begriff, für den es keine Übersetzung gibt - das Englische z.B. kennt diese Vokabel nicht. Fragt man in Deutschland nach einer Definition von Heimat und nach einer emotionalen Bewertung des Begriffs, öffnet sich ein breiter Fächer. So wie auch historisch der Begriff Heimat unterschiedlich besetzt ist: Denkt man an Heimatfilme aus der 50ern und 60ern, sieht man eine Idylle, die das Grauen des Krieges vergessen lässt. In den 70ern und 80ern scheint der Begriff als konservativ, rückwärtsgewandt, ideologisch desavouiert. In den letzten Jahren scheint es zu einer Renaissance der Heimat zu kommen. Vielleicht weil man in einer globalisierten Welt, in der man die Kapitalströme und Vernetzungen nicht mehr verstehen kann, so einen Ort, einen Begriff fassen kann, der einem wieder Geborgenheit gibt.

Heimat. Was ist das? Was kann das sein? Nach einer Spielzeit über Afrika stellen wir diese Frage mit starkem Bezug zur Region, zum Bodensee. So gegensätzliche Protagonisten der Geschichte und Gegenwart des Bodenseeraums wie Wilhelm von Scholz oder Norbert Heizmann kommen auf der Bühne zu Wort. Daneben stehen aber auch große Klassiker, die immer wieder die Frage danach stellen, in welcher Welt, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. »Geben Sie Gedankenfreiheit! « ist der idealistische Aufruf im »Don Carlos«, eine Gesellschaft zu schaffen, die auf Freiheit und Gerechtigkeit basiert. Eine hehre Definition von Heimat?

Der Begriff »Borderline« bedeutet auf Deutsch Grenzlinie. Dies ist die zweite Bedeutungsebene unseres Spielzeitmottos. Die Grenze geht in Konstanz buchstäblich quer durch die Stadt, und die Menschen überschreiten sie. Die Deutschen auf dem Weg zur Tankstelle nach Kreuzlingen und weiter in die Berge zum Skifahren, die Schweizer zum Lago-Einkaufszentrum und in die Restaurants zum Essengehen. Grenzstädte haben einen besonderen Reiz. Man kann sich mit dem Trennenden und dem Gemeinsamen auseinandersetzen. Und so geht der zweite Fokus der Spielzeit über die Grenze in die Schweiz und von dort, mit den Worten des Schweizer Germanisten Peter von Matt, zurück nach Europa, denn Europa sei die Heimat der Schweiz.

Lukas Linder schreibt für das Theater Konstanz und das Stadttheater Schaffhausen eine Komödie über Ressentiments und Vorurteile von Schweizern und Deutschen. Daniel Mezger, Eva Rottmann, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch erweitern das Spektrum und werfen Blicke in unser Nachbarland, das eine ganz andere Geschichte hinter sich und damit auch eine andere Mentalität und einen anderen Blick auf den Begriff »Heimat« und die Deutschen hat.

Sich an Gegensätzen zu reiben, über unterschiedliche Standpunkte nachzudenken und zu streiten und sich so näher zu kommen, zumindest aber neue Impulse zu erhalten in einer Auseinandersetzung mit der Region und ihren Grenzen, das wäre ein gutes Vorhaben für eine neue Spielzeit.

Wir wünschen Ihnen reiche und kurzweilige Stunden in unserem Theater.

Ihre Dramaturgie