Interview mit Lukas Linder



Autor des Stücks »Der Bären wilde Wohnung«


Lukas Linder setzt sich an den Rechner und tippt eine Antwort

Lukas, Du bist im Schweizerischen Uhwiesen bei Schaffhausen geboren und aufgewachsen, hast in Basel studiert, hast am Autorenlabor in Düsseldorf gearbeitet, ein Stück von Dir in Darmstadt zur Uraufführung gebracht. Du bist also auf beiden Seiten der deutsch-schweizerischen Grenze zuhause. Was waren Deine ersten Gedanken, als Du den Stückauftrag der Theater Konstanz und Schaffhausen bekommen und begonnen hast, über das Thema - über das Verhältnis der Schweizer und Deutschen zueinander - nachzudenken?

Lukas Linder: Nun ja, ich dachte zunächst einmal an die Menschen, die ich kenne. Und welche von ihnen Schweizer sind und welche Deutsche, und was sie voneinander unterscheidet. Dann habe ich sofort losgelegt und ein Stück geschrieben über die Deutschen und Schweizer, die ich kenne. Als das Stück fertig war, stellte ich fest, dass es um alles Mögliche ging, aber nicht um das Verhältnis von Schweizern und Deutschen. Versagt auf der ganzen Linie! Aber das ist genau das Problem an diesem Thema: Sobald man einen Menschen kennt, spielt der nationale Hintergrund keine Rolle mehr. Wie aber schreibt man ein Stück über Menschen, die man nicht kennt? (Linder ist mit dem letzten Satz offensichtlich zufrieden. Genüsslich lehnt er sich im Stuhl zurück und erwartet die nächste Frage mit selbstgerechter Ruhe.)

Der Text, der nun vorliegt, hatte einige Vorläufer. Du hast auf verschiedenen Wegen versucht, Dich dem Stoff zu nähern. Wie würdest Du den Weg beschreiben, den Du als Autor auf dem Weg zur jetzt vorliegenden Fassung hinter Dich gebracht hast?

Linder (dozierend): Die Geschichte „Zwei Paare treffen sich in scheinbarer Harmonie und dann fliegen die Fetzen" ist ja schon in zahlreichen grossartigen Theaterstücken erzählt worden. Zunächst habe ich schon auch versucht, mich an Dramen wie „Wer hat Angst vor Virginia Woolfe" oder „Der Gott des Gemetzels" zu orientieren. Allein schon deswegen, weil ich selber gerne solche Dramen schreiben könnte. Ich sagte mir natürlich: Wenn du so etwas schreibst, hast du für den Rest deines Lebens ausgesorgt. (Er wird fröhlich, seine Augen leuchten, sein Mund umspielt ein gieriger Ausdruck. Er sabbert ein wenig) Ich hörte auf, Lotto zu spielen und machte mich euphorisiert ans Werk - um schnell zu merken, dass es nicht geht. (Er wird traurig) Erstens, weil ich es leider nicht kann. Weil ich leider nicht in der Lage bin derartige Stücke zu schreiben und es auch niemals sein werde (Er ist in einem Loch). Zweitens habe ich auch gemerkt, dass der psychologische Realismus von Stücken wie „Der Gott des Gemetzels" der falsche Ansatz ist, um über den Deutsch-Schweizer Diskurs nachzudenken, der meiner Meinung nach eben überhaupt nichts Realistisches am Hut hat, sondern hochgradig irreal, künstlich und absurd ist. (Er schnäuzt sich in ein geblümtes Taschentuch. Hat sich wieder gefangen)

Das Stück „Der Bären wilde Wohnung" ist für meine Begriffe kein Text, der in der Form einer reinen Komödie mit den Mitteln von Klischees und Stereotypen unter Deutschen und Schweizern funktioniert. Er benutzt diese Elemente quasi als Startimpuls und überhöht sie dann in eine Art Traum/Alptraum. Wie bist Du auf diese Form gekommen? Und warum hat Dir ein psychologisch-realistisches Spiel mit deutsch-schweizerischen Figuren nicht genügt?

Linder: Ich wollte halt gerne über die Frage nachdenken, warum der Mensch so grosse Probleme mit Nähe hat. Weil ich glaube, dass diese Furcht vor Nähe grundlegend ist für den Umgang mit dem Anderen - nicht nur mit dem Deutschen oder dem Schweizer, sondern ganz allgemein mit dem Fremden. Nur sollte dieses Nachdenken halt auf keine Moralisierung herauslaufen, weil ich es gut nachvollziehen kann und auch von mir selber kenne, dass man nicht Angst vor dem Fremden hat, sondern vor seiner Nähe.

Sie schweifen ab. Ich habe eigentlich nach der Überhöhung ins Albtraumhafte gefragt.

Linder: Gut, dass Sie mich erinnern. (Er steht auf und hebt den Zeigefinger zum Zeichen, dass jetzt endlich etwas Wichtiges kommt.) Für die Darstellung grösstmöglicher Nähe bei gleichzeitig grösstmöglicher Distanz bietet sich der Traum ganz wunderbar an. Der Traum ist absolut offen, die Grenzen sind aufgehoben, es kann jederzeit alles geschehen. Gleichzeitig ist der Traum auch sehr geschlossen. Unglaublich intim. Im Traum ist alles nah. Nichts geschieht in der Ferne. Alles betrifft den Träumenden unmittelbar. Und nun muss man sich vorstellen, dass diese Nähe und Unmittelbarkeit real wäre. Dass sie kein Traum wäre, aus dem man wieder aufwachen könnte. Das habe ich ein bisschen in dem Stück versucht.

Im Zentrum des Stücks steht Herr Bär, der Schweizer Hausbesitzer, dessen Frau ihn verlassen hat. Frau Hamann kommt zum Verkaufsgespräch, beide trinken Wein, sie zieht sich um und Herr Hamann findet ein Diktiergerät. Soweit eigentlich die reale Ebene der Handlung. Der Rest spielt in der Fantasie von Herrn Bär. In dieser wird er von Herrn Hamann buchstäblich in die Ecke gedrängt. Dessen Rhetorik ist ihm über, vermeintliche Männergespräche stellen ihn letztlich bloß, seine Exfrau ist von Hamann fasziniert, die scheinbar offene Art der Partnerschaft der Deutschen überfordert ihn. Inwieweit sind das typische Vorstellungen, Reaktionen oder Ängste von Schweizern gegenüber Deutschen? Oder inwieweit ist es auf der anderen Seite eine universelle Geschichte aus einer dörflichen Umgebung, die des Unterschiedes zwischen den Ländern gar nicht bedarf?

Linder: Ich halte diese Vorstellungen, Reaktionen und Ängste für absolut irreal. Aber natürlich sind sie auch real, dadurch, dass sie tagtäglich in den Medien und in den Gesprächen kursieren und unsere Wahrnehmungsweisen strukturieren. Beklemmend wird es dann, wenn einem das Gefühl vermittelt wird, es sei tatsächlich so und müsse auch so sein: Wenn der Schweizer die Kuh im Wohnzimmer melkt und der Deutsche in eine Knackwurst beissend zur Tür hereinkommt. Es gibt ja nichts Schlimmeres, als wenn genau das geschieht, was man befürchtet hat.

Letzte Frage. Die Figur eines Conferenciers beginnt das Stück und unterbricht es auch. Er kündigt den Zuschauern ein Stück aus längst vergangenen Zeiten an, als es auf der Welt noch Nationen gegeben habe. Wie kamst Du auf diese Figur und auf den Rahmen, der durch sie gesetzt wird?

Der Conferencier war für mich nötig um das Traumspiel einzuläuten. Seine Figur vergrössert den Spielraum des Geschehens ins quasi Unermessliche. Weil er da ist und in der Wahrnehmung der Zuschauer existiert, ist die Bühne nicht nur ein Zimmer in einem Haus, sondern die ganze Welt, wenn wir sie uns träumen.
(Der Bus kommt. Linder nutzt die Gunst der Stunde für einen nonchalanten Abschied. Stellt aber fest, dass er erst noch eine Fahrkarte lösen muss. Hantiert nervös am Automaten rum. Der Bus fährt ab. Linder kommt zurück.)

Linder: Haben Sie noch eine Frage für mich?