Interview mit Tanja Spinger und Christoph Nix



Südkurier

Tanja Spinger übernimmt im Dezember 2012 die Leitung des Jungen Theaters. Im großen Samstagsgespräch sprechen sie und Intendant Christoph Nix über ihre Pläne mit dem Kinder- und Jugendtheater.

Frau Spinger, nach Stationen in Göttingen, Stuttgart und Bremen kommen Sie nun nach Konstanz - warum?

Tanja Spinger: Über meine bisherigen Tätigkeiten als Theaterpädagogin am Theatern in Göttingen und Stuttgart und zuletzt als Leiterin der Theaterschule „Junge Akteure" am Theater Bremen bin ich mit der Kinder- und Jugendtheaterszene in Deutschland sehr vertraut geworden. Es reizte mich natürlich sehr, nun selbst einmal die Leitung einer Kinder- und Jugendtheater sparte zu übernehmen. Also habe ich mich umgesehen und bin jetzt in Konstanz gelandet.

Herr Nix, wie sind Sie auf Frau Spinger aufmerksam geworden?

Christoph Nix: Wir hatten nach unserer Ausschreibung rund 50 Bewerbungen. Sechs davon, alle sehr interessant, haben wir eingeladen zum Gespräch. Frau Spinger war da die Beste.

Was sind denn Ihre Pläne mit dem Konstanzer Jungen Theater?

Spinger: Es ist für mich erst mal wichtig, mir einen Überblick über die verschiedenen Spielortmöglichkeiten des Theaters verschaffen. Das wird dann auch die Planung zur neuen Spielzeit beeinflussen, um zu sehen, wo ist was möglich und was kann man entwickeln. Es soll auf dem Spielplan natürlich weiterhin Angebote für alle Altersklassen geben. Im Idealfall schafft man es, tolle Reihen für Familien mit Kindern ab drei Jahren zu etablieren, um nachmittags oder am Wochenende Theater zu erleben. Genauso möchte ich aber auch unbedingt mit dem Jungen Theater einen Ort schaffen, mit dem sich Jugendliche und junge Erwachsene identifizieren können. Was mich zudem sehr interessiert, ist das Stichwort „Bürgerbühne": Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, mit einer mobilen Bühne in die Stadtteile zu gehen, um auch die Jugendlichen abzuholen, die nicht von selbst in die Clubs kommen.

Wie steht das Konstanzer Kinder- und Jugendtheater aus Ihrer Sicht da?

Spinger: Es ist sehr gut angesiedelt in der Stadt, es gibt ein großes Interesse und eine große Offenheit. Und das finde ich erstmal total toll. Bislang war ich es eher gewohnt, bei leeren Häusern und offenen Strukturen zu beginnen. Hier habe ich jetzt das Gefühl, dass es schon ganz viel gibt auf dem ich aufbauen kann. Jetzt müssen wir gucken, wie wir das alles strukturieren können.

Herr Nix, was erwarten Sie von der neuen Chefin des Jungen Theaters?

Nix: Mir ist ganz wichtig, dass wir mit Frau Spinger den Bereich Kinder- und Jugendtheater nicht nur stabilisieren, sondern ausbauen wollen. Nach wie vor habe ich die Absicht, eine zweite Theaterpädagogenstelle einzurichten. Wobei ich das mit der Landesförderung unter den Grünen derzeit etwas kritisch sehe. Ziel war eigentlich, dass wir für diese Stelle eine Dauerförderung bekommen, weil wir das aus dem Budget nicht zahlen können. Aber ich bin nicht sicher, ob das klappen wird. Wir überlegen auch, ob es eventuell ein Schwerpunkt werden könnte, in der Theaterpädagogik die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern zu stärken.

Frau Spinger, passt das zu Ihren Plänen?

Spinger: Ja, durchaus. Es ist mir wichtig, dass man ein Image kreiert, dass die Menschen das Theater spüren als einen Ort, an dem gemeinsam gedacht wird, ein Ort, an dem eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen und Stoffen stattfindet. Das Junge Theater ist für mich immer auch eine Öffnung in die Stadt, und damit meine ich nicht nur die theaterpädagogischen Angebote wie Workshops in Schulen. Das Junge Theater geht ja bereits mit seinen Produktionen gezielt in Schulen und Kindergärten. Mit einer „Bürgerbühne" möchte ich den Menschen einen Anknüpfungspunkt bieten, eine künstlerische Plattform für alle theaterinteressierten Menschen.

Zuletzt gab es Sorgen um das Junge Theater aus der Kommunalpolitik und auch von Seiten der Landesarbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendtheater - können Sie diese Sorgen zerstreuen?

Nix: Niemand muss sich Sorgen machen. Das ist eine Chimäre. Aus welchem Grunde sollte ich auch nur im Ansatz darüber nachdenken, das Junge Theater zu schließen? In meiner ganzen Biographie bin ich immer jemand gewesen, der Kinder- und Jugendtheater gegründet hat, warum sollte ich jetzt also eins schließen?

Eine Sorge war, dass die Jugendlichen ihren festen Ort Spiegelhalle verlieren.

Nix: Das war aber nicht unsere Absicht. Unser Problem ist doch, dass das große Haus derzeit zu ist und wir an verschiedenen Orten in der Region spielen und da müssen wir auch einige Programmpunkte in die Spiegelhalle legen. Und für viele Regisseure ist die Spiegelhalle einfach der spannendere Ort für eine Inszenierung. Aber dass die Spiegelhalle weiter der örtliche Schwerpunkt für das Kinder- und Jugendtheater bleibt, ist für mich gar keine Frage.

Sie versuchen die Spiegelhalle also für mehrere Zielgruppen zu etablieren?

Nix: So könnte man es sagen. Aber noch mal: Schwerpunktmäßig bleibt es ein Ort des Jungen Theaters. Außer den Vorstellungen finden hier ja auch die Proben des Jugend-, und Generationenclubs statt, die Spiegelhalle ist Heimat der Clubs. Und die Spiegelhalle ist Ort für Diskussionen mit Jugendlichen, wie beim Jugendpolitischen Nachtcafé, und für Veranstaltungen wie „Hall of Fame". Andererseits haben wir aber auch gemerkt: Es war gut, dass Kinder- und Jugendtheaterstücke auch auf anderen Bühnen wie der Werkstatt zu sehen waren. Die Werkstatt hat eine andere Nähe, eine andere Intimität, die im Übrigen auch von den Kindern und Jugendlichen sehr geschätzt wird. Deshalb wollen wir weiter mischen. Und um die Spiegelhalle als Ort für Jugendliche wirklich zu etablieren, dann müsste da eine Kneipe laufen, dann müsste da ein Büro sein, dann wüssten die Jugendlichen, sie könnten jederzeit hingehen und würden dort ihre Leute treffen, wie bei einem Jugendtreff auch. Mit so etwas stoßen Sie bei anderen Gastronomen in der Stadt aber schnell auf Widerstand.

Also wird die Spiegelhalle in der Vision dann doch wieder ein Ort für Jugendliche?

Nix: Herr Lünstroth, es war nie anders gedacht.

Herr Nix, zuletzt war es aber immer wieder aufgebrochen worden.

Nix: Naja, weil es natürlich auch ein Ort ist, an dem das Theater insgesamt spielt. Das war nie anders. Wo ist die Grenze? Wann beginnt ein Stück ein Jugendstück zu sein? Das ist doch heute alles nicht mehr so klar zu ziehen.

Spinger: Meine Vision wäre, ohne dass ich bereits alle Räume hier gesehen hätte: Zu schauen, wo kann es einen festen Ort für die Jugendclubs in der Stadt geben? Kann man das irgendwo bündeln? Das kann ein Probenraum, eine coole leere Halle, in die man einen Tanzboden verlegt, sein.

Nix: Wir brauchen einfach ein neues Theaterhaus. Und wir haben möglicherweise dazu auch schon einige Modelle entwickelt, ohne da jetzt schon zu viel zu verraten. Unser Grundproblem ist unsere Zerfleddertheit. Spannend wäre eine Mischung aus Theater- und Konzerthaus. Vielleicht gibt es da ja noch mal einen großen Wurf.

Lassen Sie uns noch einmal inhaltlich werden. In einer Vorlage zu einer Kulturausschuss-Sitzung haben Sie im Juli das Selbstverständnis so skizziert: „Junges Theater bedeutet in unserem Selbstverständnis nicht nur Theater für Kinder und Jugendliche, sondern auch Theater für junges und jung gebliebenes Publikum, Forum für junge Künstler und Plattform für neue Formate" - mal ehrlich, kann ein Junges Theater das alles überhaupt leisten?

Spinger: Natürlich machen wir spezifisches Kinder- und Jugendtheater, aber bislang implizierte das immer gleichzeitig auch so ein bisschen, dass man andere Zuschauer damit ausgrenzt. Deshalb beginnen wir es anders zu benennen und sagen: Wir machen Theater für junges Publikum. Damit meint man dann vor allem, dass es sehr viele Stilistiken und Erzählweisen im Kinder- und Jugendtheater gibt, die auch andere Zuschauer ansprechen können, bestes Beispiel ist da doch die erste Premiere „Tschick". Das funktioniert sowohl für die Schulen und trotzdem ist es ein Stück, das für alle Konstanzer von Interesse ist.

Nix: Ich kann mir hier verschiedene neue Formate und Formen vorstellen, Schreibwerkstatt, Film, performative Aufführungen. Aber da will ich auch gar nicht so sehr reinreden. Das hängt auch immer davon ab, was die Neigungen der Jugendlichen sind und wo deren Interessen liegen.

Spinger: Ich möchte auch versuchen grenzüberschreitende Formate einzubringen, die über das reine Sprechtheater hinausgehen. Performative Elemente, Videoinstallationen, Hörinstallationen, Aufsuchen theaterfremder Orte, um auch in die Stadt hineinzugehen.

Herr Nix, wie viel Freiheit gewähren Sie denn der neuen Leiterin?

Nix: So wie wir unsere Spielpläne eben machen. Frau Spinger macht Vorschläge, wir diskutieren sie im Team. Auch jetzt war die Abteilung bei der Auswahl beteiligt. Bei allen Dingen habe ich aber auch ein Veto.

Aber es ist kein eigenes Budget für das Kinder- und Jugendtheater geplant?

N ix: Das hat das Haus nie gehabt. Und ich finde es auch besser so. Die Budgetierung ist nicht immer die Lösung. Wenn ich jetzt sagen würde, ich mache ein Produktionsetat für das Kinder- und Jugendtheater, müsste ich das sofort aus dem normalen Budget nehmen, weil ich gar keine freien Mittel habe. Das halte ich nicht für klug. Insofern planen wir zusammen, und investieren nach Bedarf. In dem Moment, in dem wir budgetieren, ist der Spielraum enger.

Spinger: Was ich gut finde ist, dass man hier erstmal über Inhalte redet und dann gemeinsam entscheidet, was will man machen, wie viel Produktionen und welche sind einem wie wichtig und in welcher Größe und Form.

Das Konstanzer Modell der integrierten Sparte galt mal als beispielhaft für die Entwicklung auf mehr Eigenständigkeit - hat sich dieses Modell überholt?

Spinger: So wie ich die aktuellen Entwicklungen an den verschiedenen deutschen Theatern sehe, würde ich sagen. Ja. Das Deutsches Theater Berlin hat das Junge DT neu entwickelt, ebenso das Junge Schauspiel Düsseldorf. Beide treten ohne eigenes Ensemble an, beides ist integriert in die Dramaturgie-/Leitungsebene des Theaters.

Als Chefin einer integrierten Sparte trauen Sie sich aber zu, im Zweifel die Interessen des Kinder- und Jugendtheaters durchzusetzen?

Spinger: Ja, klar. Dafür bin ich ja da.