Dramaturgie der Dämmerung



Der Titel »Vor Sonnenuntergang« bezieht sich auf die Zeit der Dämmerung. In Kürze wird die Sonne unweigerlich untergehen. Die Dunkelheit wird kommen. Doch noch kann man im Dämmerlicht die Umwelt wahrnehmen, noch ist der Tag nicht zu Ende.

Gerhart Hauptmann, der bedeutendste Vertreter des Naturalismus und einer der wichtigsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts, schließt mit dieser Titelgebung einen Zyklus seines eigenen Schaffens. Sein erstes Drama »Vor Sonnenaufgang« brach 1889 mit den bis dahin geltenden künstlerischen Tabus und mit gesellschaftlichen, moralischen und religiösen Werten: Erstmals wurden soziale Verelendung, Alkoholismus, Sexualität und Selbstmord auf der Bühne dargestellt. Als Skandalstück brachte es Hauptmanns literarischem Schaffen und dem Naturalismus im deutschen Theater den Durchbruch. Dagegen ist »Vor Sonnenuntergang« ein lebensmüder Titel. Es scheint, als schließe sich nun der Bogen des Tages, der Bogen des Ruhmes und der Bogen des Lebens für den bereits 69-jährigen Dichter. Die Uraufführung fand am 16.2.1932 im Deutschen Theater unter Max Reinhardt statt. Hauptmanns Vorschlag, die Gesellschaft seines Dramas in braune Uniformen zu kleiden, geht nach Einar Schleef als »letzte Auflehnung des bürgerlichen Theaters in die Theatergeschichte ein«. Reinhardt redete ihm die braunen Uniformen aus, zu groß war für ihn die Gefahr, dass die anderen braunen Uniformen im Parkett auf der Bühne ihre Spiegelbilder erkennen könnten.

Die orakelhafte Namensgebung von Hauptmanns Tragödie sollte Recht behalten - die Dunkelheit hielt Einzug in Deutschland. Auch wenn der Dichter selbst noch 13 Jahre weiterlebte, begannen ab diesem Zeitpunkt seine unrühmlichen Tage: die Tage des Stillschweigens und des Mitläufertums im Nationalsozialismus.

Das Stück beginnt im Hochsommer, an einem unglaublich heißen Tag im Juli. Die Sonne steht senkrecht am Firmament. Es ist Mittag. Der 70-jährige Geheimrat Matthias Clausen gibt eine große Geburtstagsparty. 500 Gäste sind geladen. Jazzklänge durchdringen das Haus. Den Kindern des Geheimrats sieht man die Überraschung an: Bis vor kurzem lebte ihr Vater zurückgezogen von der Gesellschaft in Trauer um die vor drei Jahren verstorbene Ehefrau. Jetzt feiert er ausgelassen. Ob die junge 17-jährige Blondine, die über die Tanzfläche wirbelt, etwas mit der Genesung des Geheimen Rates zu tun hat? Die Kinder sind misstrauisch und versuchen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die Liebe ihres Vaters zu der Kindergärtnerin Inken Peters zu verhindern. Sie fürchten um ihr Erbe und ihre Existenz.

Gerhart Hauptmann entwirft in seinem Werk »Vor Sonnenuntergang« eine Tragödie über Altersliebe und Alterseinsamkeit, die gerade in Zeiten des demographischen Wandels neue Aktualität gewinnt. Der Dichter folgt seinem Protagonisten und zeigt ihn in seinem Kampf um einen Neuanfang, um Lebensqualität und Selbstbestimmung bis zu seinem Untergang. Von Akt zu Akt neigt sich der Tag im Drama mehr dem Ende zu, werden die Temperaturen kälter. Hauptmann führt seine Dramaturgie der Dämmerung konsequent zu Ende: Der Schlussakt spielt in einer kalten stürmischen Novembernacht und endet mit Wahnsinn und Tod.

»Kannst du begreifen, was für ein Abgrund ein Leben von siebzig Jahren ist? Niemand kann ohne Schwindel hinabblicken!« gesteht Matthias Clausen. Neben Hauptmanns eigenen Ängsten vor dem Alter und dem Tod fließen seine zwei großen Vorbilder Goethe und Shakespeare in die Tragödie ein. Nicht nur tragen die Hauptmannschen Figuren Namen aus dem Goethekreis und zitieren Goethe wörtlich, auch die Handlung basiert auf Goethes letzter unglücklicher Liebe. Der 73-jährige Geheimrat Goethe verliebt sich während eines Kuraufenthaltes in Marienbad in die 18-jährige Ulrike von Levetzow. Die Familie soll laut Schillers Witwe seine Heiratsgedanken »auf eine undelikate, harte Art aufgenommen haben, statt ihm Anteil zu zeigen. Der Sohn soll hart zu ihm gewesen sein. Die Schwiegertochter Ottilie bekam Krämpfe. Alles ist in Verzweiflung. Das ist nicht der Weg sein Herz zu besänftigen.« Nach Ablehnung des Heiratsantrags verleiht Goethe seinem Liebeskummer in der »Marienbader Elegie« Ausdruck. Voller Verzweiflung hat Goethe festgestellt: »Ein alter Mann ist stets ein König Lear!« Hauptmann greift in »Vor Sonnenuntergang« das Lear-Motiv Shakespeares auf: die egoistische Undankbarkeit der Kinder den Eltern und dem Altern gegenüber, sowie die Verzweiflung über den Verrat der Kinder und den daraus resultierenden Wahnsinn. »Ein neuer Lear« will Hauptmann eigentlich die Tragödie nennen, dann aber rückt er die Kritik an der Gesellschaft und der Zeit in den Vordergrund. Hauptmann, der für seine genauen Milieustudien 1912 den Nobelpreis für Literatur erhielt, zeigt uns mit der Familie Clausen eine Gesellschaft, die dem Materialismus huldigt und auf Kosten anderer lebt. Diese parasitäre oder vampirhafte Existenz ist bezeichnend für unsere moderne Gesellschaft. So sieht Brecht bereits in Goethes Faust das Synonym des entwurzelten modernen Menschen: »Das historisch Neue an diesem Menschen sind seine Begierde und sein Bemühen, sich zu entwickeln, seine Fähigkeiten auszubilden und sich alles einzuverleiben, was Natur und Gesellschaft sich will entreißen lassen.« In seinem Bunde mit dem Teufel zeigt sich Faust »rein verbrauchend, plündernd und unproduktiv «. Auch die Kinder Clausens sind unfähig, ihre eigene Existenz zu erarbeiten. Diesen Mangel gleichen sie aus, indem sie von dem Einkommen und der Liebe ihres Vaters leben und zehren. Um sich am Leben zu erhalten, müssen sie jemanden aussaugen, sich anderes Leben einverleiben.

In seinem Roman »Space Vampires« lässt Colin Wilson seine Hauptfigur sagen: »Der Vampirismus ist verbreiteter als sie denken. Er bildet die Grundlage in der Natur ebenso wie in den zwischenmenschlichen Beziehungen.« Auch Arthur Schopenhauer beschreibt den Menschen als ein vampirisches Wesen, dessen »Haupt- und Grundtriebfeder der Egoismus, d. h. der Drang zum Dasein und Wohlsein ist.« Die eigene Familie mutiert zum Alptraum Matthias Clausens. Seine Kinder scheinen mehr und mehr die Gestalt von »Dämonen« anzunehmen. Er selbst droht in der »schauervollen Nacht« zu versinken. Voller Grausen stellt der alte Mann fest: »Aber dann kommt die Nacht! Dort unten schwitze ich Blut und Wasser. Dort unten hausen Gespenster wie Vampire, dort unten wird zum Vampir, was oben ein Engel gewesen ist.« In der Dämmerung gehen Licht und Dunkelheit in einander über, vermischen sich. Die Urangst des Menschen setzt ein: Der Tag geht und die Nacht kommt. Mit der Nacht kommen die Monster.