Das Märchen vom letzten Gedanken und zu den Vorgängen der letzten Wochen



Proteste und Demonstrationen begleiteten die Premiere von »Das Märchen vom letzten Gedanken«. Die Inszenierung basiert auf dem Roman von Edgar Hilsenrath, der die Massentötung und -vertreibung der Armenier im Osmanischen Reich während des 1. Weltkrieges behandelt. Wie brisant und kompliziert der Umgang und die Aufarbeitung der Katastrophe von 1915 sind und wie verdrängt die Thematik in der Gesellschaft ist, haben die Reaktionen auf die Premiere deutlich gemacht. Das türkische Generalkonsulat hat in einem Brief gefordert, seine Stellungnahme öffentlich zu machen (siehe Link unten). Am Tag der Premiere selbst gab es vor dem Theater eine Demonstration von Bürger/Innen mit türkischem Migrationshintergrund. Ihr Protest richtete sich gegen das Plakat der Inszenierung und die Bezeichnung  der Ereignisse von 1915 als »Völkermord«.

Die Dramatisierung des Romans von Edgar Hilsenrath auf den Spielplan zu setzen, war eine bewusste Entscheidung des Theaters, sich mit einem verdrängten und nicht aufgearbeiteten geschichtlichen Trauma auseinanderzusetzen. Für das Theater Konstanz steht außer Frage, dass die gezielten Massaker an den Armeniern 1915 ein Völkermord waren. Doch endet die Aufarbeitung nicht bei Begrifflichkeiten und dem Theater Konstanz geht es nicht um juristische Termini. Edgar Hilsenrath schreibt in seinem Roman: »Viele werden nach Wörtern suchen, mein Lämmchen, sagt die Märchenerzählerin, um dein Schicksal zu begreifen. Sie werden es Massaker nennen, die Gelehrten werden sagen, es heiße Genozid. Irgendein Klugscheißer wird sagen, es heiße Armenozid, und der allerletzte Fachidiot wird in Wörterbüchern nachschlagen und behaupten, es heiße Holocaust... Was sie nicht wissen, mein Lämmchen, ist, dass jeder Mensch einmalig ist«. Das erste Ziel sollte Empathie gegenüber dem Leid des Anderen und der Wille zur Auseinandersetzung und Aufarbeitung sein. Sibylle Thelen formuliert in ihrem Buch »Die Armenierfrage in der Türkei« als zentralen Gedanken: »Einzuwenden, die Massenvertreibung und -tötung der Armenier im Osmanischen Reich sei doch längst weltweit erforscht worden; einzuwenden, dass die Historiker heute mehrheitlich von Völkermord sprächen; einzuwenden zudem, dass ihre Untersuchungsergebnisse ausreichten, um den Begriff auch für 1915 zu gebrauchen - das alles einzuwenden ändert nichts an einer entscheidenden Realität: Geschichte kann den Menschen nicht nur verkündet werden. Sie muss von ihnen auch verstanden und verinnerlicht werden können, damit Schuld, Leid und Verantwortung einen angemessen Platz im kollektiven Verständnis finden. Nicht nur die Türkei tut sich damit schwer - gerade in Deutschland kennt man das.«

Die Unwissenheit in Deutschland  und der Türkei über den Genozid an den Armeniern ist erschreckend. Die enge Zusammenarbeit des Deutschen Reiches mit dem Osmanischen Reich und die deutsche Duldung der Massentötungen und Deportationen sind in unserer Gesellschaft überwiegend unbekannt. Die türkische Geschichtsschreibung schweigt über dieses Kapitel des Krieges und argumentiert mit Kriegsnotwendigkeit. Geschichte soll und muss aufgearbeitet werden - dies ist aber nur möglich in einem Miteinander und in einem Dialog. Das Theater Konstanz reagierte deswegen auf die Proteste auf zweierlei Weise: Intendant Christoph Nix traf sich mit Vertretern der türkischen Gemeinde Konstanz zum Gespräch. Zur Deeskalation und um einen Diskurs zu ermöglichen, wurden die Plakate abgehängt. Des Weiteren verlas Christoph Nix am Premierenabend das Schreiben des Generalkonsuls. Der Intendant stellte das Schreiben  in den Kontext der problematischen Aufarbeitung mit der Aufforderung zu Auseinandersetzung und Dialog. Auf die Inszenierung und ihre künstlerische Freiheit hatten die Proteste jedoch keinen Einfluss.

Wir sind der Überzeugung, dass Theater die Aufgabe hat, Tabus anzusprechen, Diskurse zu eröffnen, Geschichte erlebbar und erklärbar zu machen. Nur so können wir uns für eine heterogene und zugleich demokratisch pluralistische Gesellschaft in einer europäischen Gemeinschaft einsetzen. Deshalb ein Aufruf an alle, die sich provoziert und ungerecht behandelt fühlen, die geschichtlich interessiert und neugierig sind, die aus unnötiger Angst vor Protesten bisher nicht ins Theater kommen: Seht euch die Aufführung an und diskutiert mit uns darüber! Wir bieten Einführungen und Nachgespräche an. Besucht die Podiumsdiskussion am 13. April um 20 Uhr! Es kommen Seyhan Bayraktar, Erdal Dogan, Pakrat Estukyan (Redaktion AGOS) und Dr. Raffi Kantian (Deutsch-Armenische Gesellschaft) aus USA, Istanbul und Deutschland, um über die Thematik zu diskutieren. Moderieren wird Wolfgang Koydl von der Süddeutschen Zeitung Zürich.


Schreiben des Zentralrates der Armenier in Deutschland an Intendant Nix


Der Brief des türkischen Generalkonsulats


»Kern der Sache« von Hans-Lukas Kieser


Das Märchen vom letzten Gedanken
Das Märchen vom letzten Gedanken© Ilja Mess