EIN TANZ FINDET ZU SICH SELBST



Im März bringen die Regisseurin Christine Eder, die Bühnen- und Kostümbildnerin Monika Rovan, die Choreographin Dani Brown und der Musikalische Leiter Andreas Kohl ein ungewöhnliches Stück auf die Bühne - »María de Buenos Aires«. Im Vorfeld berichten sie von der Probenarbeit:

Welche Geschichte erzählen Piazzolla und Ferrer in ihrer »Operita«?
CE: Im Wesentlichen ist es die Geschichte der Frauenfigur »Maria«, die allegorisch den Tango verkörpert. Von der Geburt im barrio geht ihr Weg in die Bordelle und später in die Salons von Buenos Aires, bis zu ihrem »Scheintod« (sinnbildlich dafür, dass auch der Tango totgesagt wurde, bevor Piazzolla ihn in den 60ern »reanimierte«), der stattfindet, weil sich Maria prostituiert, sich dem Whiskey, und den Drogen hingibt... nach diesem »Tod« geht's weiter mit Marias Wiedergeburt aus dem Reich der Totgeglaubten, von ehemaligen Liebhabern wird sie/der Tango wieder aus der Unterwelt heraufbeschworen, und ist, trotz allem, lebendig wie eh und je.

AK: Der Tango ist der Blues von Argentinien. Bekannte musikalische Elemente haben sich auf eine lange Reise gemacht und begegnen uns wieder. Was immer bleibt, ist die wohl typisch rioplatensische Spielart menschlicher Melancholie und Schwermut.

Wie seid ihr an die Inszenierung herangegangen?

DB: Das Libretto ist außergewöhnlich poetisch und sehr offen für Interpretationen, soll heißen, da gibt es eine Menge Möglichkeiten, ein großes künstlerisches Potential, dieses Stück von 1968 wieder neu »zu erfinden«, die Form mit neuer Phantasie zu füllen.

CE: Die Musik, die ich sehr mag, übt sich in unterschiedlichen Formen, Stilen und Mitteln, von eingängig-gassenhauerisch, bis disharmonisch-sperrig. Aber dann: poetische, verklausulierte, lyrisch-wahnsinnige Erzähltexte, deren Inhalt sich schwer entschlüsseln lässt: eine Liebeserklärung an den Tango, an Buenos Aires, an die soziale Realität der Einwanderer, der Unterschicht, an die Frauen, das Elend, das Leben, die Leidenschaft und: den Schmerz.

Wie entwickelt man als Ausstatterin eine Ästhetik für diesen Abend?

MR: Wir haben uns für eine ärmliche Ästhetik entschieden, die versucht, aus wenig mehr zu machen. Ich war schon in vielen Ländern Lateinamerikas unterwegs: So unvergleichbar diese Länder und ihre Städte auch sind, die Armenviertel sahen überall sehr ähnlich aus, weil es wohl immer die gleichen Materialen sind, die man im Müll findet und aus denen man versucht sich ein Haus zu bauen. Von diesen Eindrücken von Armut wird möglicherweise etwas auf der Bühne sichtbar werden.

DB: In meiner Arbeit dekonstruiere ich immer wieder bereits bestehende Formen, das ist eine Linie meiner künstlerischen Arbeit. Ich stelle die Form auf den Kopf, kehre ihr Innerstes nach außen. In diesem Fall spiele ich mit dem Tango und mit Tangomaterial und lasse daraus etwas Neues entstehen.

Wie wird sich »Maria« musikalisch in Konstanz anhören?

AK: Unser kleines Tango-Orchester besteht aus dem klassischen Tango-Instrument, dem Bandoneon sowie den Instrumenten Violine, Cello und Piano - aber ich setze auch eine Trompete ein; außerdem wird es auch afrikanische Trommeln geben. So spiegelt die Instrumentierung wider, wie der Tango in Argentinien zu sich selbst gefunden hat: in der Begegnung mit afrikanischen und indigenen Musikformen. Clara González aus Kuba ist dafür genau die richtige »María«. Wir kennen uns schon aus der gemeinsamen Arbeit am kubanischem Liederabend »Canciones a mi Habana«, den wir im März und im Mai auch wieder zeigen werden. In unserer Produktion treffen, genau wie in Buenos Aires damals, viele Nationalitäten aufeinander, unser Team besteht aus rund einem Dutzend unterschiedlicher Nationalitäten. Auf den Proben sprechen wir deutsch, englisch, spanisch, französisch...

CE: Gerade die Internationalität macht die Arbeit extrem spannend. Abgesehen vom Sprachmix hat auch jede/r der Beteiligten einen komplett anderen Background, komplett andere Zugänge zum Stoff, zum Leben, zu Tango, zum Theater... im besten Fall ergibt sich daraus eine wirklich ungewöhnliche »Bühnenmischung« für dieses komplexe Werk. Unsere Aufgabe ist es, einen Zugang dazu zu schaffen: für uns, die wir's machen, und für die, die es dann anschauen.


»MARIA DE BUENOS AIRES« AM THEATER KONSTANZ
1.4 / 5.4 / 8.4 / 9.4/14.4/17.4/18.4/28.4/29.4/30.4./2.5./8.5.2015 -


»CANCIONES A MI HABANA - LIEBESLIEDER FÜR EINE STADT« - KUBANISCHER LIEDERABEND IM FOYER DER SPIEGELHALLE
29.3. / 3.5. 2015