Öffentliche Mitteilung der Jury des Günther-Rühle-Preises bei der „Woche der jungen Schauspieler“ in Bensheim 2015: "Herztier", Theater Konstanz



1. Die Inszenierung "Herztier" vom Theater Konstanz ist uns als eine sehr stimmige Gesamtkomposition von Textfassung, räumlicher und medialer Gestaltung und einer hochengagierten Arbeit der Schauspieler in nachdrücklicher Erinnerung geblieben. Wir finden es ganz außerordentlich, wie sich diese zwei jungen Darsteller einer Diktatur-Erfahrung genähert haben, von der sie aus eigenem biografischen Erleben wahrscheinlich nichts oder so gut wie nichts wissen. Umso mehr schätzen wir, dass es ihnen gelungen ist, Klischees in der Zeichnung von Figuren und Situationen zu vermeiden, was geradezu einen Seltenheitswert hat, wenn man Produktionen aus Film, Fernsehen und leider auch aus dem Theater zu diesem Thema Revue passieren lässt. Dass Regie und Darsteller trotz des persönlichen und historischen Abstandes zum Stoff sich nicht auf ein bloßes Erzählen oder zitierendes Spiel zurückziehen, sondern versuchen, die Erfahrungen der Figuren auch emotional deutlich zu machen, finden wir sehr mutig. Die Deformationen, aber auch die Sehnsüchte der Figuren werden für den Zuschauer unmittelbar erfahrbar gemacht.

2. Eine Besonderheit dieser Produktion war für uns ebenfalls, wie die dichte Sprache Herta Müllers im Spiel der beiden physisch wird. Eine Szene ist uns besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben: die bis in die Fingerspitzen gestreckten Hände bei Lolas Partei-Ausschluss und das nochmalige Recken, um den anderen mit Einverstandenheit geradezu zu übertrumpfen. Da wird eine einzige Geste paradigmatisch für das Verhalten von Menschen in Diktaturen.

Das Theater Konstanz gratuliert dem Gewinner des Günther-Rühle-Preises 2015, dem Schauspieler Thomas Halle in der Inszenierung „Ich bereue nichts" des Badischen Staatstheaters Karlsruhe.