ES GIBT STÜCKE! SPIELT SIE!



Dirk Laucke über Autorenförderung im deutschsprachigen Raum

Zu wie vielen Stückwettbewerben haben Sie im Laufe der Zeit Beiträge eingereicht, und welche Bedeutung hatten diese Wettbewerbe für Ihre Entwicklung als Dramatiker?

Dirk Laucke:
Mit meinem Stück "alter ford escort dunkelblau" habe ich mich 2006 beworben, als es fertig war - und zwar bei gleich drei Wettbewerben. Zwei davon waren sogenannte Stückemärkte, bei der anderer Ausschreibung handelte es sich um einen Preis. Für den einen Stückemarkt erhielt ich eine formlose Absage – nicht mal in die engere Auswahl gerückt. Beim nächsten Stückemarkt schickte man mich mit demselben Text immerhin noch mal ins Förderprogramm, einen Workshop, wo wir überlegt haben, was man am Text noch machen könnte. Ich hab nichts mehr am Text gemacht. Warum? Weil ich unterdessen schon wusste, dass ich damit jene dritte Ausschreibung, den Preis gewonnen hatte. Und wenigstens den kann ich ja nennen: den Kleistförderpreis der Stadt Frankfurt/ Oder. Mit dem Preis verbunden war eine garantierte Uraufführung, in dem Fall am Theater Osnabrück; die hat Regisseur Henning Bock bravourös gemeistert. Und von da ab zog das Stück ein paar Runden: Eingeladen als Gastspiel zum Heidelberger Stückemarkt (War ich dann doch dort! Ups, verraten ...) und zu den Mülheimer Theatertagen, Nachspiele, obwohl die auch nicht ad hoc kamen, sondern mit der Zeit. Mit dem Stück wurde ich dann auch von der Fachzeitschrift Theater Heute zum Nachwuchsautor des Jahres 2007 gewählt und die Hörspielfassung, die ich für den MDR schrieb, hat auch abgeräumt: den Zonser Hörspielpreis.
Und was lernen wir aus so einem Start? Dass die Bewertung von Theaterstücken eine subjektive Sache ist. Und: dass ich mich nicht mehr so schnell bewerben werde! Nicht, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Und daran habe ich mich bislang gehalten. Seitdem habe ich keinen Theatertext mehr bei einer Ausschreibung eingereicht. Zum einen, weil die meisten Preise damit verbunden sind, dass die Uraufführung noch "frei" sein soll – und ich fast immer das Glück hatte, dass diese sofort wegging oder aber gleich aus einer Auftragslage heraus an ein Haus gebunden war. Zum andern: Wie soll man denn so eine schizophrene Situation von Zuspruch und Absage länger aushalten? Zu meinem Glück war ich damals schon naiv genug oder praktisch genug veranlagt, mir weniger aus Worten und Ehrungen zu machen als aus der Möglichkeit, tatsächlich von meinem Traumberuf Autor leben zu können. Und in diesem Sinne habe ich mir konsequent das Schielen nach Erfolgen, aber auch das Ausruhen auf den erreichten Lorbeeren damit verbaut, dass ich bereits wieder am nächsten saß. Damals an zwei Stücken und an einer Arbeit mit Laien am Thalia Theater Halle, bei der ich mich auch in Regie versuchte (was auch gut ging.) Dennoch, der Kleist-Förderpreis hat für mich, wie gesagt, den Startschuss als Dramatiker gegeben, und das hat natürlich nachhaltig geprägt. Nicht nur, dass das Stück eine große Bekanntheit erreichte, sondern auch die Türen, die sich am Theater plötzlich auftaten – die haben mich verschiedene Einblicke nehmen lassen. Ich schätze, für mich persönlich bedeutete das soziale Gefilde, in das ich als 24jähriges Sensibelchen zufällig hineingeraten war, das größte Glück: Das Ensemble, das Regieteam und die Dramaturgie in der damaligen Konstellation am Theater Osnabrück haben mich sehr auf Augenhöhe empfangen und mir signalisiert, dass sie mein Stück mit demselben Impetus auf die Bühne bringen, mit dem ich es geschrieben habe – aus Lust am Rock'n Roll und Verständnis für die Figuren, so bekloppt die auch manchmal sind. Genauso froh bin ich, mit dem Stück beim Kiepenheuer-Bühnenvertrieb gelandet zu sein, zu dem ich vorher schon aufgrund eines Drehbuchs für einen Spielfilm Arbeitskontakt pflegte, statt blind zu einem der anderen, namhaften Interessenten zu rennen. Nein, hier gab es seriöses Interesse an der gemeinsamen Arbeit, schon vor einem Preis. Und gerade diese ernsthafte Auseinandersetzung darf nicht verloren gehen, erst dann fühlt man sich als Autor auch längerfristig einigermaßen sicher.


An deutschen Stadttheatern wird insgesamt ja immer mehr produziert. Es gibt eine bestimmte Sehnsucht nach Uraufführungen, mit denen die Theater sich gerne schmücken. Auch unser Autorenwettbewerb zielt ja auf die Uraufführung eines neuen Stückes ab. Leider werden die Stücke danach oft nicht mehr nachgespielt und verschwinden so sehr schnell wieder aus dem Bewusstsein bzw. von den Spielplänen. Reicht die Form der Förderung durch Wettbewerbe aus, oder fehlen Formate mit denen Autoren und ihre Stücke längerfristig unterstützt werden können?

Dirk Laucke:
Dass man in seinem Beruf einer Förderung bedarf, kann ja schon mal keine besonders dankenswerte Voraussetzung darstellen. Mir bleibt gar nichts übrig als oft genug und deutlich zu betonen, dass man als Dramatiker vom Spielen der Stücke lebt – oder dass das jedenfalls der Fall sein sollte. Und von daher freut mich jedes einzelne Nachspiel sehr, sehr, sehr! Nicht nur finanziell. Das zeigt mir, dass ich offensichtlich doch irgendetwas richtiger gemacht habe, als ein "neues" Stück heraus zu hauen. Natürlich ist das nicht immer, sogar eher selten der Fall. Und so schreibe ich Auftragswerke – für die ich immerhin in der luxuriösen Lage bin, die Themen vorzuschlagen – meist sind das so Exposees – oder aber diese gemeinsam mit dem Theater zu entwickeln. Ich könnte nicht zu jedem beliebigen Thema ein originäres Kunstwerk aus dem Hut zaubern – und auch nicht bei allen Stoffen reizt mich die Recherche. Nein, es bleibt ja eine gewisse egomane gefühlsmäßige Bindung, die muss da sein. Und am liebsten ist dem Autor doch sowieso, mit der eigenen Idee zu kommen … Das ist also eine Form von Zusammenarbeit, die ich nicht unbedingt Förderung, sondern Handel bezeichnen würde – und als solcher hat er natürlich sein Für und Wider. Zum einen geht das Theater ein gewisses Risiko ein: Wird das Stück auch gewünschter maßen gut und fristgemäß fertig, sodass eine Planung (Besetzung, Bühnenbild, Premierentermin) geschehen kann? Zum anderen erwartet der Autor natürlich eine tolle Platzierung und eine überaus phantastische Uraufführung, sodass das Augenmerk der Presse dem Text wie dem Autor zu mehr Aufmerksamkeit und letztlich doch wieder zum Nachspiel, zu Gastspielen oder zu weiteren Aufträgen verhilft usw. Was genau ein Publikumserfolg wird – wüssten wir die Antwort im Vorhinein, wir wären alle reich.
Aber zur Frage: Das Paradoxe ist: die deutsche Autorenförderung ist bereits so vorbildlich – in anderen Ländern stehen die Autoren mit offenen Mündern da, wenn sie erfahren, wie es hierzulande läuft - , dass wir es vielleicht zu einer Art Überproduktionskrise getrieben haben. In den 1990er Jahren fing der run auf die jungen Autoren an, inklusive Uraufführungs-Hype und Fördermaßnahmen. Das war offensichtlich notwendig, da nur eine erlesene Zahl von Autoren an den Theatern vorkam. Inzwischen wird man den vielen Autoren und Stücken gar nicht mehr unbedingt gerecht. Was für die Theater den schlichten Vorteil hat: billig, und schnell ist der nächste bei der Hand. Für die Autoren ist genau dies die Kehrseite der Medaille, quasi der Pakt, den wir mit den Förderungen eingegangen sind. Wir können es auch Marktwirtschaft nennen, die allerdings nicht so 'frei' ist, auf die schützende Hand der kommunalen und sonstigen Subventionen zu verzichten. Wo die schon verbrannt ist aufgrund anderer, schwer wiegender Haushaltslöcher, zuckt sie nun bei der Kultur zurück und muss sparen, sparen, sparen … Gegenwärtig ist das an einigen Theatern in Deutschland der Fall, was auch mich trifft: Eine Premiere für die nächste Spielzeit ist geplatzt, weil ein Haus die "Sperre" verhängt bekam. Und es steht zu befürchten, dass diese Abwärtsspirale der Schließungen Betriebsbeschränkungen weiter gehen wird. Nur wie lautet die Antwort der Theater? Schneller, mehr müssen wir produzieren, um zu verdeutlichen, dass wir vorkommen und wie bedeutsam wir sind … Wie in allen Bereichen der Gesellschaft – ob in der Stadtplanung oder im Umgang mit Ressourcen wie Wasser und Energie – höhlt auch in der Kulturindustrie das Tempo der freien Ökonomie den Sozialstaat aus. Wer ist schuld? In dem Fall nicht die privaten Investoren. Der Drang nach Uraufführungen, nach dem Neuen entspricht dieser Notlage nur. Sie ist aber zugleich geschönt mit dem Attribut der großen Freiwilligkeit und imitiert lediglich, was wir nicht anders mehr gewohnt sind: Im Fernsehen wird umgeschaltet – Ach, schon wieder eine neue Serie! Oh, schon wieder ein neuer Sender! -; im Theater wechseln wir die Angebote, fürchte ich, fast schneller als sie vom Publikum angenommen werden können. Wahrgenommen ja, das werden wir, denn im Feuilleton sind wir aufgetaucht. Und wenn es nur eine Online-Meldung war. Meiner Ansicht nach kann das einzige Gegenprogramm nur in der Qualität und in ernsthafter Auseinandersetzung liegen. Es ist nicht nur langfristig billiger, vorhandene Stücke, auch von uns 'jungen' Autoren zu zeigen; die Qualität mancher Werke ist auch eine kleine Garantie, dass sie vom Publikum angenommen werden.
Und was ist mit den noch jüngeren Autoren? Sollen die nun wieder weg geschubst werden? Nein, sucht sie euch gut aus und bezahlt sie von Anfang an besser, dann haben sie für ihre Arbeit mehr Zeit – Schreiben dauert! - dann werden sie euch noch bessere Stücke liefern!


Der Gewinner des Autorenwettbewerbs der Theater Konstanz und St. Gallen wird neben dem Preisgeld auch ein Stipendium bekommen, in Form eines Arbeitsaufenthalts am Theater Konstanz, um seine Stückidee in Zusammenarbeit mit Regie, Dramaturgie und Schauspielern fertigzustellen. Wie wichtig ist es (allgemein oder Ihnen im Besonderen), den Theaterbetrieb zu kennen oder nah dran zu sein?

Dirk Laucke:
Das klingt doch mal nach was. Wobei ich nicht sicher bin, ob dies für alle Autoren in allen Punkten die besten Voraussetzungen sind. Mancher mag ja gar nicht dauernd reden und in allzu großen Kontakt mit der Produktion treten. Manchmal kann genau das die größten Blockaden verursachen. Bei anderen wiederum gibt es keinen besseren Weg, als solche Blockaden aus dem Weg zu räumen. Ich denke, das ist eine von Fall-zu-Fall-Geschichte, nicht nur, was die Autoren anlangt. Auch eine entsprechende Kompetenz und Feingefühl von Seiten des Theaters sind da wichtig. Einzuschätzen, wann man den Autor in Ruhe lässt und auf sein Gefühl und seine Fertigkeiten zu vertrauen, das ist ein schwieriger Balanceakt. Mir persönlich (geht eigentlich unpersönlich? So ein Blödsinn, also nochmal …) Mir liegt ein Austausch mit Spielern und Regisseur und Dramaturgie – allerdings nur graduell. So wichtig – und spaßig oft – es auch ist, den Kontakt am Theater zu halten, umso bedeutsamer scheint mir die Abschottung. Heißt: Klare Schonzeiten vor dem sozialen Klimbim! Nichts geht einem Autor mehr an die Nieren als ein Gezerre an ihm und seinem Stoff; das setzt die Latte oft sehr hoch und die liebe schüchterne Autorin oder der Autor neigt dann dazu, allen gerecht werden zu wollen (was Blödsinn ist) oder aber gar keinem. Gefährliches Fahrwasser also, das ihr betretet. Das mir aber richtig erscheint: denn ein Verständnis für die Produktionsabläufe und -bedingungen am Theater, sollte ein Dramatiker schon drauf haben. Immerhin schreibt unsereins ja nicht für den Abdruck, sondern dezidiert für dieses Medium Theater. Gerade die Reibung, die eine Schauspielfrage zum Beispiel in Bezug auf eine Rolle erzeugt, durchleuchtet den Text mehr als dramaturgisch-theoretisch erörterte Punkte. Da ich nun mal zufälligerweise Geschichten mit Figuren drin schreibe, kann ich mit so etwas gut umgehen und bin zum Beispiel bei Konzeptionsproben immer sehr Ohr, wenn die Spieler den Text zum ersten Mal lesen (das ist ja dann oft auch mein erstes Mal, bei dem jemand anderes den Text von sich gibt) und ich merke beim Hören, was aufgeht und was nicht. Gelegentlich mache ich dann noch ein paar Striche, ändere hier und da Kleinigkeiten. So was. Leseproben, wenn zeitlich noch etwas am Text zu machen ist, erachte ich daher für sinnvoll.


Aus dem Gewinn des Wettbewerbs resultiert ein Stückauftrag an den Autor. Sie haben schon viele solcher Stückaufträge für Theater erarbeitet, wie sind ihre Erfahrungen mit dieser Form der Zusammenarbeit, wo sehen Sie Chancen und Gefahren? Kann man seinem eigenen Schreiben treu bleiben?

Dirk Laucke: Erübrigt sich.


Es gibt eine Vielzahl an Fördermaßnahmen für Autoren – welche Formate helfen den Autoren wirklich, was wünschen sich die Autoren von den Theatern? Hilft das Modell Autorenwettbewerb Konstanz St. Gallen? Das unseres Partnertheaters Sala Beckett aus Barcelona, L’obrador d’estiu, der Sommerworkshop?

Dirk Laucke:
Zum Sommerworkshop des Sala Beckett wurde ich auch einmal eingeladen, ähm: 2007 Das war eine großartige Erfahrung! Nicht nur, weil es im schönen Katalonien in einem abgelegenen Bergdorf statt fand, sondern dass wir Dramatiker aus allen Teilen Europas plus einem aus Kanada dort aufeinander trafen, hat meine Gedanken über Theater und Europa nachhaltig geprägt. Damals waren als Gastdozenten geladen unter anderem Martin Crimp und Biljana Srbljanovic. Wir haben an unseren gegenwärtigen Arbeiten gesessen, ganz egal, ob es dazu schon eine Uraufführung gab oder nicht. Und der ohnehin unterschiedliche Umgang von Autoren mit Stoffen wurde durch kulturelle Prägungen ergänzt, die meine Sicht öffneten. Ebenso wie ich saßen damals Jason Hall und Sylvain Levy an Stücken über Militär/Grenze/Umgang mit dem Fremden – ein Bezug auf den Afghanistan-Einsatz der Nato-Staaten. Jedoch, wir packten es dermaßen unterschiedlich an, dass ich nur staunen konnte. So etwas ist eine wahnsinnig tolle Erfahrung, die ich noch nicht in Deutschland mitgemacht habe. Vielleicht halte ich aber auch zu wenig die Augen für so etwas auf.


Wie sehen Sie Entwicklung für die Zukunft zeitgenössischer Dramatik?

Dirk Laucke: Weiß ich zu wenig drüber.


Für das Theater Konstanz haben Sie mitgearbeitet am Projekt „Berlin 1989“, 2009 schrieben Sie „Für alle reicht es nicht“ für das Festival „After the Fall“. Bietet sich eine gesellschaftliche Umwälzung dieser Dimension sich als Stoff für die zeitgenössische Dramatik an? (Wird die Außengrenze der EU und die Flüchtlingsproblematik damit das nächste große Thema, wie es mit Jelineks „Schutzbefohlenen“ schon der Fall ist?)

Dirk Laucke:
Gute Steilvorlage: Am Projekt "Berlin 1989" mit dem Jugendclub haben wir letztlich mit den Jugendlichen einige Geschichten entwickelt und zu einem Stück gefügt, die um den Mauerfall kreisten, aber vor allem mit dem Evergreen Freiheit und gesellschaftliche Selbstbestimmung zu tun hatten. Das Stück endete mit eines Monolog Berliners mit türkischer Herkunft, der während der Eröffnung der Grenze an der Bornholmer Straße in die Menge geriet und rassistisch attackiert wurde. Das ist nicht nur ein realer Vorfall, sondern auch ein Verweis auf unsere Herangehensweise und was die Jugendlichen (und mich) im Kontext eines solchen Themas bewegte. Genauso, behaupte ich mal, habe ich 2009 mit "Für alle reicht es nicht" einen Beitrag zur Flüchtlingsproblematik geliefert. Daher der Titel: Eine Anspielung an die Das-Boot-ist-voll-Rhetorik der Neunziger Jahre bis heute. Und wieso? Der Auftrag des Goethe Instituts und des Staatsschauspiels Dresden war doch ein Stück über den Mauerfall. Was soll ich sagen? So reagieren wir Autoren nun auf Aufträge … Für mich war klar, dass diese Umwälzung in der europäischen Geschichte untrennbar verbunden ist mit der Migrationsbewegung aus der ehemaligen "Dritten Welt" und von den Orten an denen das ehemalige Mächtespiel des kalten Krieges plötzlich seine Folgen zeigte. Die Parallelität des Abfeierns einer gefallenen Mauer und den neu errichteten Grenzsicherungsanlagen entlang des Mittelmeeres haben mich dazu genauso bewogen wie der Rassismus in Ostdeutschland. Heute haben wir Pegida, aber der Rassismus war ja schon vorher da. Es fällt im Stück sogar der Satz: "Das Mittelmeer ist ein Massengrab" – was weniger meine prophetische Gabe hervorheben, sondern verdeutlichen soll, dass das Problem schon lange vor uns liegt. Das Stück wurde seinerzeit zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen und es wurde nur einmal – wenn auch am renommierten Deutschen Theater Berlin – nachgespielt.
Es gibt also Stücke! Spielt sie! Ich erinnere mich an einen Text von Anne Habermehl, das diese Autorin während des Studiums an der Universität der Künste geschrieben hat: Darin finden deutsche Urlauber einen angespülten, fast ertrunkenen afrikanischen Flüchtling am Strand. Spielt es! Auch Frau Jelinek arbeitete, soweit ich mich erinnern kann, schon mehrfach zu dem Thema. Ich erinnere mich an einen Text, der konkret Bezug nimmt auf die Abschiebung eines Flüchtlings aus Österreich, der von den zuständigen Beamten bei diesem Prozedere mittels "Affenschaukel" (so der Polizeijargon) mit Motorradhelm umständlich gefesselt wurde und, da er keine Luft bekam, sich zu wehren versuchte; er erstickte mit mehreren Rippenbrüchen. Der Text ist kurz, aber man kann ihn spielen. Mir fällt noch mehr ein. Maxim Billers "Kühltransport" nimmt Bezug auf erstickte Flüchtlinge in einem Container auf der Überfahrt von Calais nach Dover. Man kann es spielen. Als "Zoni" verehre ich den Heiner Müller – und bei dem lauert die für uns gegenwärtige Lage in vielen Stücken. Darüber hinaus finden wir: Die Rache der ehemalig Kolonialisierten wird der Terrorismus sein. "Erst wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen", heißt es in der Hamletmaschine. Und was passierte letztes Jahr in Frankreich? Polizisten werden niedergestochen. Zwei Jugendliche maghrebinischer Herkunft vergewaltigen und foltern ein jüdisches Pärchen in deren Wohnung. In Deutschland liefern sich Salafisten mit Kurden und deutschen Polizisten Messerstechereien auf den Straßen. Mit Fleischermessern drangen Anhänger der Hamas in eine Synagoge in Jerusalem und töteten die Betenden! Autoren sehen so etwas schon, wenn es nicht wörtlich zu nehmen ist! Und wir schreiben natürlich darüber. Ob sich das nun saisonal als Trend niederschlägt oder koinzidiert mit den Aufmachern in der Presse – uns doch egal. Manchmal fallen Tagesgeschehen und Stücke aber zusammen und die Auswertung findet entsprechend statt – et voilà: Das Motto der Saison ist geboren. Und um die Frage noch deutlicher zu beantworten: Gesellschaftliche Umwälzungen bieten seit jeher die Stoffe von Stücken. Naja, eigentlich bieten sie lediglich die Folie. Den das konkrete Individuum handelt oder handelt nicht innerhalb dieser fälligen oder geschehenen Umwälzungen. Und es muss ja nicht immer der Mauerfall sein, nein, schon unsere Arbeitswelt sieht heute anders aus als noch vor zwanzig Jahren. Der Freiheitsbegriff verändert sich. Das führt zu Kollisionen in Familien und am Arbeitsplatz …. Stoffe über Stoffe!


Allgemein: Warum brauchen wir zeitgenössische Dramatik auf den Spielplänen, welche Themen oder auch Formen kann sie bieten, die die klassische Literatur nicht bietet?

Ach, hätte man die Herrschaften Lessing/Goethe/Schiller/Büchner/Lenz das doch gefragt! Vielleicht hat man. Ich habe kein Ahnung, wie sie geantwortet haben, aber sie haben ihre Stücke jedenfalls zu einem Zeitpunkt geschrieben als sie noch keine Klassiker waren und durchaus Bezug nahmen auf die gegenwärtige soziale Lage ihrer Zeit. Und sie haben sie (den ganzen "Faust" nehme ich mal aus) fürs Theater geschrieben, wofür einige Stücke (Lenz' "Soldaten", Büchner durchweg) auch dieselbe Kritik erhielten, die man heute manchmal auch noch hört: Das ist ja keine Form! Wo bleibt das Schöne? Unsittlich! Wen interessieren diese Leute da unten? Auch Schnitzlers "Reigen" und Horvaths "Geschichten aus dem Wienerwald" möchte man in diesem Sinne vor ihren heutigen Apologeten schützen. Fakt ist: Dramatiker schreiben Dramatik, weil sie gerne Dramatik schreiben. Ob "wir" das brauchen oder nicht – wer kann das beantworten? Ich jedenfalls brauche das Schreiben wie übrigens auch das Wissen um und die Lektüre der Klassiker.


Welche Haltung wünschen Sie sich vom Publikum gegenüber zeitgenössischen Stücken?

Dirk Laucke:
Dieselbe Haltung, die das Publikum bereits hat. Ich gehe nicht davon aus, dass jemand seinen erarbeiteten Lohn ins Theater trägt mit der Absicht, sich über die moderne Dramatik zu ärgern. So blöd sind die Menschen nun auch wieder nicht. Und die Klassiker werden ja gespielt; die neuen Stücke finden in der Regel doch ein aufgeschlossenes Publikum. Finden sie es nicht, haben wir etwas falsch gemacht. Oder die Lage ist einfach nur in Gänze beschissen, aber was soll ich dem Publikum sagen? Ich müsste viel eher ihm zuhören!
Und insofern habe ich auch eher einen Appell für Theatermacher parat: Nicht zu glauben, dass man schlauer als das Publikum sein könnte, Es muss ja nicht sein, dass dieses mit Fachbegrifflichkeiten operiert, aber das Publikum merkt schon, wenn in einer Geschichte irgendetwas schief hängt, oder wenn es jetzt zu viel agitprop-mäßig beackert wurde, das hinterlässt ein schales Gefühl. Nämlich eines, das der Dramatiker David Mamet mit "Und weiter?" beschreibt. Viel zu oft, das sage ich jetzt mal pauschal, werden Themen angerissen, um sie genannt zu haben, aber letztlich wird darüber nichts neues gesagt, außer dass "Flüchtlinge auch Menschen sind" (Thank you, Mr Mamet) oder ähnliches. Zur Revolution wird Theater nicht anstacheln. – Zum Glück, denke ich mittlerweile, denn ich will nicht mehr wissen, wie die aussähe. Viel interessanter scheint mir da der Konflikt der agierenden Personen, in welchem das Publikum immer noch selber die Hoheit hat, zu entscheiden, ob das nun gut war oder schlecht, verständlich oder an den Haaren herbeigezogen. Deswegen mag ich Geschichten. Man kann darin viel weniger Lügen als in der sogenannten Postdramatik. Letztere kann man ins unendliche ziehen oder nach fünf Minuten beenden und alles ist gesagt, Herangehenssache. Geschichten halten die Balance zwischen Vergnügen (z.B. Sprachwitz oder Situation) und Spannung (worunter ich antizipierendes Denken, inklusive gesellschaftlicher Bedingungen verstehe – wer will denn noch mehr verlangen?) Das Publikum geht ja zum Beispiel mit den Nachrichten um die Weltlage ins Theater und es wird dieses Bewusstsein auch noch haben, wenn ein Theaterstück im weitesten Sinne den Umgang mit Fremden oder Krieg oder Freiheit oder die Geschlechterfrage oder die Rolle von Arbeit umkreist. Soll heißen: das informative Moment in der modernen Dramatik darf meines Erachtens wieder abnehmen. Das Engagement verrät den Unengagierten


Am 6. Juni wird in St. Gallen der Gewinner gekürt. Am gleichen Abend wird auch der Mülheimer Dramatikerpreis verliehen, für den Sie mit "Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute" in der Inszenierung des Schauspiels Stuttgart nominiert sind – ein Auftragswerk, das sich mit Gewalt und Rassismus auseinandersetzt. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg!

Ihnen aber auch!!!