Plädoyer für eine neue Säule der Entwicklungshilfe



Von Thomas Spieckermann

Die heutige Form der westlichen Entwicklungshilfe ist ein Ergebnis des erfolgreichen Marshall-Plans, mit dem die USA nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Europa maßgebliche Hilfe beim Wiederaufbau geleistet haben. In jenen Zeiten eines globalen Neubeginns schien nicht nur der Aufbau Europas, sondern der aller Regionen der Welt im Interesse der reichen Staaten zu sein: »More than half the people of the world are living in conditions approaching misery. Their food is inadequate. They are victims of disease. Their economic life is primitive and stagnant. Their poverty is a handicap and a threat both to them and to more prosperous areas.« (Harry S. Truman 1949) Seither flossen über eine Billion Dollar nach Afrika. Die Vergabe der Gelder orientierte sich an Leitlinien und Strategien, die im Schnitt alle zehn Jahre neu formuliert wurden – überwiegend durch Mitarbeiter der Weltbank. Auf die Annahme, die Unterentwicklung beruhe auf Kapitalmangel, man müsse den Ländern nur ausreichende Geldmengen zur Verfügung stellen, damit eine wirtschaftliche Entwicklung einsetze, folgte in den 70ern die sogenannte Grundbedürfnisstrategie. Diese besagt, dass sich Entwicklung und Wachstum einstellen werde, wenn die elementaren Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt seien – der Fokus verschob sich also von der Volkswirtschaft auf das Individuum. Nach den Wirtschaftskrisen der 1980er Jahre folgte in den 90ern die neue Leitlinie der »nachhaltigen Entwicklung«. Gemeint ist hier das Prinzip der »Hilfe zur Selbsthilfe«: die Finanzierung von Projekten durch Geberinstitutionen, welche regional eigenverantwortlich durchgeführt werden, an denen die Menschen vor Ort finanziell beteiligt werden und so auch partizipieren sollen. Beschäftigung soll geschaffen, eigenständiges Wirtschaften gefördert werden. Als neuester Trend kamen jüngst die Initiativen verschiedener Prominenter hinzu - Bono, Bob Geldof, Madonna und andere setzen Benefiz-Konzerte und Teile ihres Privatvermögens dazu ein, Aktionen in Entwicklungsländern durchzuführen. Mit teils dreistelligen Millionensummen werden Projekte angestoßen, denen in den seltensten Fällen eine Erfolgsgeschichte beschieden ist. Das Ergebnis von 60 Jahren Entwicklungshilfe ist ernüchternd. Auf der 55. Generalversammlung zogen die Vereinten Nationen im Jahr 2000 eine verheerende Bilanz: Über eine Milliarde Menschen leben in absoluter Armut, jeder fünfte Mensch hat weniger als einen Dollar am Tag, mehr als 700 Millionen Menschen hungern und sind unterernährt. Vor diesem Hintergrund ist die Diskussion über Sinn und Unsinn, über die richtigen Mittel und Strategien der Entwicklungshilfe zu einem global kontrovers diskutierten Thema geworden. Ökonomen wie William Easterley oder Dambisa Moyo fordern einen radikalen Stopp der Entwicklungshilfe und eine Öffnung der westlichen Märkte für afrikanische Exporte. Die Entwicklungshilfe untergrabe die lokale Eigeninitiative der Menschen und die Verantwortung der lokalen Politiker; ihrer Meinung nach entwickeln die Menschen kein Vertrauen in die eigenen politischen Vertreter und fordern stattdessen Investitionen von westlichen Staaten. Exporteinnahmen durch Agrarprodukte brächten dagegen Geld in die Staatskassen, wodurch die Staaten handlungsfähiger und unabhängiger von Finanzspritzen würden. Die Befürworter der Entwicklungshilfe, wie zum Beispiel Jeffrey Sachs, Sonderberater der UNO-Millenniumsziele, fordern hingegen
deutlich mehr Geld und Engagement der reichen Geberländer. Die Summen,
die bislang geflossen seien, reichen ihrer Ansicht nach nicht aus, um Strukturen nachhaltig zu verbessern und Armut zu bekämpfen. Neben diesem Ansatz sind gegenwärtig die Vergabe von Mikrokrediten, eine Idee von Friedensnobelpreisträger Mohamed Yunus, und die Armutsforschung der Ökonomin Esther Duflo die jüngsten Felder im Kampf gegen die Armut. Die Debatte über Entwicklungshilfe findet aber auch vor einem anderen Hintergrund statt. Allein in Deutschland arbeiten über 100.000 Arbeitnehmer im Sektor der Entwicklungshilfe – sei es in Regierungs- oder Nichtregierungsorganisationen wie z.B. dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), der GIZ , dem THW, der Welthungerhilfe, dem Deutschen Roten Kreuz, den kirchlichen Organisationen usw. Auf der internationalen Bühne beschäftigen sich große Behörden mit Entwicklungshilfe, wie z.B. die Weltbank, der IWF, das UNDP, die EU usw. Das BMZ wiederum schreibt Entwicklungshilfeprojekte aus, bei deren Durchführung deutsche Wirtschaftsunternehmen beteiligt sind. Es existiert also ein riesiger Apparat, der kein genuines Interesse daran hat, das System der Entwicklungshilfe zu reformieren. Auch auf der Seite der Entwicklungsländer ist die Situation kompliziert. Entwicklungshilfegelder machen in vielen afrikanischen Ländern einen Großteil des Staatshaushaltes aus. Diese Gelder fließen unabhängig von Exporten und Steuereinnahmen. Die Pflege mittelständischer Unternehmen, die Schaffung von Investitionsanreizen hat dadurch keine Dringlichkeit. Viele Baumaßnahmen – z.B. von Schulen oder Krankenhäusern – werden darüber hinaus von internationalen Institutionen finanziert und durchgeführt. Dadurch sinkt der Erfolgsdruck auf die Politik, ebenso aber das Vertrauen in die eigenen afrikanischen Regierungen. Ein weiteres Problem sind die geringen Gehälter für Regierungsmitarbeiter im Vergleich zu denen internationaler NGOs. Gut ausgebildete Leistungsträger stellen sich deshalb oftmals nicht für Regierungsämter zur Verfügung, was seinerseits Neid und Korruption innerhalb der Regierung fördert. Werden die Mittel für Entwicklungshilfe allerdings reduziert, sind die Leidtragenden nicht die Regierungen, sondern in erster Linie die bedürftigen Menschen, deren Entwicklungsprojekte eingefroren werden. Jedes gestoppte Mikrofinanz-, Energiegewinnungs- oder Bildungsprojekt lässt die Erreichung der Millenniumsziele in größere Ferne rücken. In diesem Zusammenhang drängen sich einige Fragen auf: Warum definieren westliche Geberländer Entwicklungshilfeprojekte und passen sie ihren Etats an? Warum stellen ausschließlich westliche Wissenschaftler und Politiker Leitlinien der Entwicklungshilfe auf? Warum definieren nicht afrikanische Intellektuelle Strategien der Entwicklungshilfe? Warum schreiben nicht afrikanische Regierungen ihnen notwendig erscheinende Projekte zur Finanzierung durch die Geberinstitutionen aus? Warum gibt es keine afrikanische interstaatliche Organisation, die gemeinsam formuliert, was für ihre Staaten und eine ganze Region förderlich ist? Oder allgemein formuliert: Warum prägen nicht afrikanische Intellektuelle den Diskurs? Und warum wird Kunst nicht als ein elementarer Faktor in die Entwicklungshilfe einbezogen? Theater ist gerade in Afrika ein bedeutender Bestandteil der Zivilgesellschaft. Es ist nicht nur ein Ort, der Menschen versammelt, eine Bühne, die Themen, Emotionen und Geschichten transportiert – Theater entsteht durch das Engagement von Menschen, deren Überzeugungen weithin ausstrahlen, die Multiplikatoren in vielerlei Hinsicht sind. Durch kein Projekt, durch keinen Vortrag, durch keine entwicklungspolitische Auflage kann man abstrakte Themen wie zum Beispiel Good Governance, demokratisches Verständnis oder Kampf gegen Korruption so gut und nachhaltig kommunizieren wie durch Menschen, die mit ihrer Kunst ihr Publikum erreichen – wieder und wieder, bei jeder Vorstellung und bei jeder Inszenierung. Der langfristige Diskurs zwischen Menschen verschiedener Kulturen und durch das Medium der Kunst vermag Verständnis für andere Strukturen und Inhalte fördern, Denken verändern, einer Gesellschaft Impulse geben. Und dieser Dialog strahlt auch in nicht unbeträchtlichem Maße in die Geberländer zurück. Denn die Auseinandersetzung befruchtet auch unsere Gesellschaft – schließlich haben die Intellektuellen Afrikas auch uns viel zu sagen.