Reisende ohne Gepäck – Spielzeit 2006 – 2007 am Theater Konstanz
Das Theater muss den Willen haben, die Welt zu verändern. Nicht in der Erwartung, dass morgen eine andere Welt da ist, aber es müssen mit aller Energie gegen Dummheit, Stagnation, Gewalt, Unterdrückung andere Perspektiven aufleuchten.“
Peter Palitzsch
Meine Damen und Herren,
liebe Theaterfreundinnen und -freunde,
Sie sind neugierig habe ich gehört. Das gefällt mir. Ich bin es auch und deshalb freue ich mich auf unsere erste gemeinsame Spielzeit. Oft genug treibt man uns ja die Neugier aus. Die einen tun es, weil sie sowieso alles besser wissen und die anderen tun es, weil sie die Neugier für ein Laster halten. Falsch. Denn das Leben beginnt jeden Morgen neu. Nur hindern uns manchmal unsere alten Wunden, Ängste und schlechten Erfahrungen, die wir mit uns herumschleppen, am nächsten gespannt-vorsichtigen Schritt ins bunte Ungewisse.
Auch wir sind neugierig. Das haben Sie ja sicherlich schon gehört, denn wir sind neu, viele von uns sind neu, neue Spielerinnen und Spieler, ein neues Ensemble, Männer und Frauen aus Basel und Berlin, aus Friedrichshafen oder Rostock, aus Nigeria und aus Paris. Wir sind Reisende ohne Gepäck, haben nur unseren Körper dabei, unsere Stimmen und ein paar Reclamhefte und sind darauf angewiesen Sie für uns zu gewinnen. Das ist die uralte Aufgabe des Schauspiels: anzulegen, festzumachen in einer Stadt, und ihre Bewohnerinnen und Bewohner zu erobern, sie als Verbündete an Bord zu holen, um unbekannten Welten entgegen zu segeln, gemeinsam fremde Horizonte anzusteuern, Abenteuer zu wagen, dem Wind unter den Sternen und unseren Träumen zu folgen. Um immer wieder als andere in den Hafen zurückzukehren, als die wir zu unserer Reise aufgebrochen sind. Weiser und reicher an Beute, an Schätzen, an Begegnungen, Geschichten und Erfahrungen, die man nur hier, nirgendwo sonst machen kann.
Wir eröffnen die Spielzeit mit Brecht, weil er wunderschöne Geschichten zu erzählen hat, auch wenn er immer vorgibt sie zu verfremden. Da betritt die Grusche mit dem Kind den „Kaukasischen Kreidekreis“ – nichts anders hat sie dabei als ihr Mitgefühl, das sich wandelt zur Mutterliebe. Da irrt „Faust“ durch die Gassen: studiert hat er viel, alles im Rahmen der Regelstudienzeit, nur eines hat er nicht mehr, Identität und Sicherheit. Er sucht sie im Körper eines anderen Menschen, im Körper einer jungen Frau – so sind sie, die deutschen Männer: Reisende ohne Gepäck. Sind sie so? Und die Frauen? In was für einer merkwürdigen Welt lebt „Die Kluge“, die den König heiratet und seine Macht infrage stellt? Was für eine merkwürdige Welt könnte das sein, in der „Die Frau vom Meer“ sich zwischen bürgerlicher Ehe und mystischem Mann entscheiden muss – auch eine der Reisenden ohne Gepäck?
Das Stadttheater wird in dieser Spielzeit musikalisch und szenisch von diesen Klassikern und von Neoklassikern geprägt sein, vom Fächer der Vielfalt. Wir suchen nach Krisen, nach dem Schmerz und nach theatralen Formen der Erlösung. „Wie im Himmel“ (UA): da brechen Menschen im Kirchenchor gemeinsam aus, statt sich länger selbst zu verleugnen. „Fremdes Haus“: da sieht einer lieber der Vergangenheit offen in die kalten Augen, als die bequeme Lüge zu leben. „Ladys Night“: besser eine Männerstripshow aufziehen, als in depressiv machenden Arbeitsämtern zu versacken. Und schließlich „Was ihr wollt“: lieber, viel lieber mit Shakespeares Komödien in die Welt ziehen, als Tony Blairs schlechten Scherzen ausgeliefert zu sein.
Die Spiegelhalle wird mehr als zuvor zum Spielort von Jungem und Experimentellem Theater: Günter Grass wird 80 und wir feiern ihn mit „Katz und Maus“ (UA). „Electronic City“ von Falk Richter zeigt uns eine entäußerte Welt, gegen die wir nur ankommen, wenn wir sie bekämpfen. „Nelly goodbye“ ist das Drama, sterben zu müssen, wenn man jung ist, verdammt jung. Und wenn Sie „Kampfgruppe Benz“ sehen, werden Sie erstaunt sein, was Konstanz alles hinter seiner Fassade zu verbergen hat: unterdrückte Geschichte, eine Geschichte von Opfern, von Schuldgefühlen. „Kampfgruppe Benz“ ist allemanische Spurensuche im besten Sinn.
Die Werkstatt Inselgasse liegt nahe bei Atlantis, sie schenkt uns literarische Stoffe wie „Seide“ (UA), unterhaltsame Abende wie „Casanovas letzte Liebe“ oder „Gretchen 89ff.“. Die Akteure haben ihre Koffer vergessen und träumen von besseren Zeiten. Und manchmal liegen die in der Vergangenheit, so wie unsere Kindheit: Wir präsentieren Ihnen und unseren Kindern hier „Wie Findus zu Pettersson kam“ und „An der Arche um halb acht“, ein Projekt mit Religionslehrern der Stadt.
Hinter dem Theater ist vor dem Theater, denn werden wir Ihnen eine neue Spielstätte zeigen. Es ist ein Ort des weltlichen und des religiösen Theaters zugleich, denn zwischen Theater und altkatholischem Münster können Sie den zweiten Teil der allemanischen Linie sehen, den „Konstanzer Totentanz“, ein Theaterprojekt im Freien mit Laien und Ensemblemitgliedern, mit Konschtanzern und mit Fremden.
In Überlingen, über Überlingen und über Überlingen hinaus führt kein anderer Weg als das Sommertheater. Den werden wir weiter beschreiten, aber das Stück ist ein Geheimnis: chi sa – wer weiß? Vielleicht eine Uraufführung des Meisters der italienischen Komödie des Settecento, Carlo Goldoni, aufgefunden in den beschlagnahmten Koffern in der Grenzstation Emmishofer Strasse.
Nachtboulevard (Piaf und Bukowski), Theater und Psychoanalyse (150 Jahre Freud), Extras und Intras werden Ihnen präsentiert vom „Kleinen Theater Konstanz“, in dem sich 93 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und 93.000 Besucher bewegen werden.
Das Theater Konstanz hat sein Gesicht verändert. Es bleibt ein philosophischer Ort, der unterhält und gleichzeitig anstößig sein muss. Deshalb wollen wir Sie gewinnen, damit wir manchmal ein Wir sind, vielleicht nur für Sekunden, eine kleine Ewigkeit lang. Am Ufer steht die „Frau vom Meer“, sie winkt nur ein einziges Mal. Dann ist sie verschwunden.
Wir aber heißen Sie willkommen im Theater Konstanz, im „Zirkus von Oklahoma“, von dem Franz Kafka sagte, ein jeder fände hier seinen Platz und niemand müsse überflüssig am Rande stehen: Vorhang auf, das Spiel beginnt.
Ihr Christoph Nix