Zwischen Baumkuchen und Brecht:
Theaterpädagogik am Theater Konstanz
von Felix Strasser
„Schau mal, Kannste anfassen, Streicheln, Leben ...theaterpädagogische Arbeit an den Theatern in Baden-Württemberg.
Theaterpädagogen sind wichtige Brückenbauer: Sie vermitteln zwischen einem Publikum, dem das Theater noch fremd erscheint und das oft unter Berührungsängsten leidet, und einem Theater, das alle Schichten der Gesellschaft ansprechen will. Deswegen arbeiten Theaterpädagogen oft in Extrembereichen, nutzen das Theater als Experimentierfeld und loten nicht selten die Grenzen theatraler Arbeit aus (...)“
So formulierte ich das Arbeitsfeld der Theaterpädagogen an den Theatern, für die Baden-Württembergischen Theatertage 2007 und war irgendwie stolz darauf, eine für mich griffige Formulierung gefunden zu haben.
Nach der letzten Vorstellung von „Projekt Schwabenkinder“, einer Inszenierung in welcher Jugendliche zusammen mit Theaterprofis auf der Bühne standen, ließ ich alles stehen und liegen und verschwand in die Sommerpause.
Um jedoch nicht gänzlich in das vorhersehbar tiefe Loch am Ende der Spielzeit zu fallen, entschied ich mich dafür, die erste Woche meiner Ferien als Betreuer einer Jugendgruppe aus Altshausen, das liegt am Fuße der Schwäbischen Alb, mit an den Balaton zu fahren, um gewissermaßen aus der Arbeit, sanft in die Ferien zu gleiten.
Und als ich so zwischen den Spielzeiten, abends, zusammen mit den ungarischen Betreuerinnen und Betreuern, nach ausgiebigem Volleyballspiel, unzähligen Trettbootralleys und verheerenden Baumkuchenorgien beim Pálinka saß, holte „es“ mich doch ein.
„Und was hast Du noch einmal für einen Beruf?“, wollte Eva die ungarische Köchin, die das beste ungarische Gulasch kochte was ich jemals gegessen habe, wissen.
„Und was hast Du noch einmal für einen Beruf?“, wiederholte ich in Gedanken und blickte mich um.
Da war sie also wieder, die Lieblingsfrage eines jeden Theaterpädagogen: die Frage nach seiner Existenzberechtigung, nach seinem Sein. Die Frage, die mich seit Beginn meiner Liebe zum Theater begleitet und auf die ich so viele Antworten gehört und auch unzählige gegeben habe. Die Frage, die an Kunst- und Pädagogischen Hochschulen sowie Universitäten diskutiert wird und wie gesagt, viele Antworten findet. Was ist das überhaupt für eine eigenartige Bezeichnung: Theaterpädagogik, Kunst und Pädagogik, verträgt sich das, bzw. hängt das nicht immer miteinander zusammen, oder ist das nicht wie der Teufel und das Weihwasser…?
Während ich nachdachte streifte mein Blick die Gesichter am Tisch, die mich alle erwartungsvoll anschauten. Ich sah in die Augen von Köchen, Lehrerinnen und Lehrern, einem Arzt, einem Automechaniker und dem Hausmeister und begann halb deutsch, halb englisch und irgendwie auch ungarisch meinen Kollegen klar zu machen, dass ich einen absolut ehrenwerten Beruf an einem Stadttheater ausübe und keiner von diesen Straßenkünstlern sei, die wir noch am Tag zuvor in Budapest vor der Matthiaskirche, von Kopf bis Fuß weiß angemalt als Marmorstatuten, bestaunen durften.
Das war es nämlich, was sie zunächst dachten, als ich begann weit auszuholen – ich glaube irgendwo beim Theater der Jesuiten in Konstanz vor 400 Jahren, weiter über die Lehrstücktheorie und das epische Theater bei Brecht, den Mitteln des Schauspielers bei Hawemann und schließlich bei mir und meiner alltäglichen Arbeit am Theater Konstanz.
In dieser Nacht, in der ich schließlich resigniert vor den unzähligen Stechmücken in meiner Hütte kapitulierte und verzweifelt versuchte mich vom immer näherkommenden Summen und Surren der kleinen Blutsauger abzulenken, bildete ich mir ein, mit einer eigenen Kreation autogenem Trainings nichts mehr hören und fühlen zu müssen. Ich vergrub mich schwitzend unter meiner Wolldecke. Presste die Augen zu und spannte abwechselnd alle Muskeln meines Körpers an und lies nach wenigen Sekunden wieder los. Doch die Hitze unter der kratzenden Wolldecke wurde unerträglich und so deckte ich mich wieder auf. Dann nahm das Kopfkissen und versuchte mir in stickiger Dunkelheit eine Art Ohrenschützer aus meinem Kissen zu bauen, was mir ganz gut gelang, da der Klang herannahender Blutsauger verstummte. Dann begann ich angestrengt über die Frage des Abends zu vegetieren: „Und was hast Du noch einmal für einen Beruf?“
Und ich schlief ein…
Als ich am nächsten Tag Eva an der Essensausgabe treffe, sieht sie mich an und spricht das aus, was ich befürchtet hatte. „Felix, du siehst grauenhaft aus!“
Ich erklärte ihr, dass ich die letzte Nacht erfolglos gegen Horden von Schnaken gekämpft hatte und parallel über eine stimmige, griffige Berufsbeschreibung eines Theaterpädagogen nachgedacht hatte.
„Warum?“, wollte sie wissen. Ich erwiderte darauf, dass ich das Gefühl gehabt hätte, gestern abend in leere und ratlose Gesichter geschaut zu haben.
„Aber wieso denn? Du arbeitest am Theater. Ich glaube du lebst auch in einem Theater. Du machst Theater und machst das, weil Du es wichtig findest, dass es Theater gibt. Du hast Angst davor, dass das Theater einmal nicht mehr da sein könnte. Deswegen arbeitest Du auch mit den Jugendlichen. Wegen der Zukunft.“
„Hmm, vielleicht.“, sagte ich, nahm mir mein „Zigeunerschnitzel“ und setzte mich auf eine Bank.
Während ich so mein Schweinefleisch und Massen an Paprika und Reis verschlang, dachte ich über ein neues Vorwort nach: „Schau mal, Kannste anfassen, Streicheln, Leben ...theaterpädagogische Arbeit an den Theatern in Baden-Württemberg... Wegen der Zukunft!“
„Klingt ja fast wie ein Werbespruch einer schwäbischen Bausparkasse...“, dachte ich. Und dann fiel mir Herbert Wehner ein, der einmal Hans-Jochen Vogel nach verloren gegangener Wahl einen Zettel zugesteckt hatte. Auf dem stand „Trotz alledem: Weiterarbeiten und nicht verzweifeln“. Vogel hat den Zettel lange in seiner Brieftasche mit sich herumgetragen. Werde ich wohl auch machen, Herbert!
Zu Hause in Konstanz angekommen, versuchte ich für mich noch einmal klar zu bekommen, was meine Arbeit in Konstanz bedeutet, wie ich sie definieren würde und warum ich Sie für richtig halte.
Wie bereits gesagt, Theaterpädagogen sind wichtige Brückenbauer: Sie vermitteln zwischen einem Publikum, dem das Theater noch fremd erscheint und das oft unter Berührungsängsten leidet, und einem Theater, das alle Schichten der Gesellschaft ansprechen will. Sie halten den direkten Kontakt mit dem Publikum und haben unmittelbaren Zugang zu ihm. „Das Kunstwerk im Sinne eines symbolischen – und nicht so sehr ökonomischen Gutes (auch das kann es sein) existiert überhaupt nur für diejenigen, die die Mittel besitzen, es sich anzueignen, d.h. es zu entschlüsseln“, so der Soziologe Pierre Bourdieu. Den Theaterpädagogen an den Theatern geht es darum, die Bedingungen der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung und Kommunikation herzustellen und ästhetische Kompetenz zu fördern. Konkret heißt das: Die Ermöglichung eines Dialogs zwischen Kunstwerk und Rezipienten. Ähnlich wie man zum Spielen eines Instrumentes Noten lernen muss oder die Konzepte postmoderner bildender Künstler kennen sollte, um deren Werke erschließen zu können, müssen auch die verschiedenen Zeichen des Theaters verstanden werden, um zeitgenössisches Theater nachzuvollziehen. Denn gerade die darstellende Kunst bricht oft mit den traditionellen Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten. So bekommt das Theater die Chance, sich nicht nur ein Publikum der Zukunft zu erschließen, sondern auch an der Bildung eines Publikums mitzuwirken, welches seinerseits Ansprüche an sein Theater hat.
Die Zielsetzung theaterpädagogischer Arbeit an einem Theater hängt stark vom Theaterverständnis der verantwortlichen Personen ab. Das gesamte Feld theaterpädagogischer Angebote ist natürlich breit: Führungen im Theater, die Organisation und Betreuung von Probenbesuchen, Vor- und Nachbereitungen von Inszenierungen, die Zusammenarbeit mit Schulen im Sinne von Beratung und Organisation sowie Hilfestellung bei der Durchführung von Schulprojekten, Öffentlichkeitsarbeit, Lehrerfortbildungen und -beratungen, Spielplanberatung und Kooperationen mit den unterschiedlichsten Institutionen. Ein besonderes Anliegen meiner Arbeit in Konstanz ist es, das Theater als eine Art politische Plattform für Jugendliche zu sehen. Das „Jugendzimmer“ des jungen theaters konstanz hat es sich bspw. zur Aufgabe gemacht, ein Ort für Jugendliche zu sein, an dem aktuelle politische Themen kontrovers diskutiert und die Ergebnisse durch die örtliche Presse veröffentlicht werden.
An den meisten deutschen Theatern gibt es Jugend- und/oder Theaterclubs. In diesen wird Theater gespielt, Theater probiert und über Theater gestritten und somit ein wichtiger, praktischer Zugang zum Theater gefunden. Am Theater Konstanz arbeiten mehrere Jugend-, und Kindertheaterclubs, sowie ein Erwachsenen-, ein Senioren- und ein Lehrertheaterclub, welche alle unter professionellen Bedingungen Theater machen. Mein spezieller Versuch hier in Konstanz besteht darin, durch gemeinsames Arbeiten, nicht pädagogisch oder belehrend auf die Leute zu zu gehen, sondern an einem konkreten Gegenstand in den Dialog mit ihnen zu treten. Damit ist die Theaterpädagogik am Theater Konstanz die Schnittstelle für ein gemeinsames Nachdenken, über ästhetische, politische und literarische Fragen. Wir als Theaterschaffende wollen Theater für diese Stadt machen! Durch die Theaterpädagogik haben wir die Möglichkeit aus erster Hand zu erfahren, was die Menschen umtreibt. Dies fließt direkt in unsere Theaterarbeit ein. Sowohl „Maria Stuart“ als auch „Ronja Räubertochter“ finden so ihre Anknüpfungspunkte in der Stadt.
Die praktische Theaterarbeit mit den Amateuren hat einen noch unmittelbareren Bezug zum Leben in dieser Stadt. Innerhalb dieser praktischen Theaterarbeit stellt die Jugendclub-, und Kinderclubarbeit das zentrale Segment am Theater Konstanz dar. Der Jugendclub ist fruchtbarer Ort der Kommunikation zwischen Zuschauern, Jugendlichen und professionellen Schauspielern, hier begegnen sich Menschen im künstlerischen Handeln. Nur der ästhetische Dialog zwischen den Interessierten hält das Theater mit dem Publikum zusammen.
Die größte Chance der Theaterarbeit mit Jugendlichen liegt in der künstlerischen Suche ohne Produktionsdruck, da die Jugendlichen freiwillig, ohne Vertragsdruck und nur aus der Leidenschaft und dem Idealismus heraus arbeiten. Dabei wirken die Jugendclubs nicht nur durch ihre Produktionen nach außen – in der Spielzeit 2006/07 waren das am Theater Konstanz insgesamt vier –, sondern besonders durch die Befassung mit den Themen rund um „ihr“ Theater in allen Lebenslagen und an allen Orten. Eine private öffentliche Diskussion entsteht unweigerlich. Ein weiterer vom Theater gewünschter Effekt tritt zwangsläufig ein: „Plötzlich gehen Jugendliche allein ins Theater, ohne Schulorganisation wie sonst üblich“, so formulierte es Peter Galka, denn das Theaterpublikum – das lässt sich Land auf, Land ab feststellen – überaltert immer mehr. Theaterpädagogische Arbeit an den Theatern lässt sich jedoch noch stärker in gesellschaftspolitischen Dimensionen sehen. Die Forderung nach mehr Demokratie, der Wunsch nach Mitwirkung, ist die Triebfeder unserer Gesellschaft. Daraus resultieren zwei zentrale Konzepte von Kulturpolitik: „Kultur für alle“ und „Kultur von allen“. Weil Theaterpädagogen an den Häusern Theater nicht nur verkaufen, sondern „theatral“ arbeiten, haben die Theater diesen kulturpolitischen Anspruch nachvollzogen.
Für die jugendlichen Spieler ist die Annäherungen an die theatralische Welt eine faszinierende Aufgabe: Kognitive Prozesse werden bei den Spielern ausgelöst, Reflexion über Text findet statt, Rollen und Botschaften werden diskutiert. Im Rahmen des Jugendclubs werden emotionale wie ästhetische Experimente mit eigenem Darstellungsvermögen durchgeführt und die Spieler gewinnen durch die Ensemblearbeit Erfahrungen in einem gruppendynamischen Prozess. Letztendlich, so formuliert Klaus Doderer, erproben die Jugendlichen ihre Leistungsfähigkeit gegenüber einem Kunstwerk, das ästhetische Mitschwingung verlangt und die Freiheit der Gestaltung fordert.
Die theaterpädagogische Arbeit und insbesondere die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wird die kommenden Spielzeiten des Konstanzer Theaters wesentlich mitgestalten, damit Theater in Konstanz eine Zukunft hat.
Die Brücken dafür werden gerade gebaut…
Felix Strasser ist seit der Spielzeit 2006/07 der Theaterpädagoge des Theater Konstanz und leitet seit der Spielzeit 2007/08 das junge theater konstanz. Kontakt: StrasserF@stadt.konstanz.de