Theaterpädagogik –oder müssen wir nicht erst einmal die herrschende Pädagogik infrage stellen?

1. Wann schweigt der Mensch? Wann hört ein Mensch auf zu sprechen? Wann entbehrt das Subjekt einer jeglicher Form der Äußerung?
Wenn es nie gelernt hat sich zu äußern? Wenn es nie gelernt hat zu sprechen? Wenn es dumm ist?
Vieles von dem, was wir heute in der Theaterpädagogik denken, tun oder machen steht in einem engen Zusammenhang zu zwei Lateinamerikanern, die begonnen haben eine „Pädagogik der Unterdrückten“ und ein „Theater der Unterdrückten“ zu formulieren und zu initiieren: Paulo Freire und Augusto Boal. Doch etwas ganz zentrales scheint mir zunehmend verloren gegangen zu sein: die Radikalität, die Parteilichkeit, die Skepsis im theaterpädagogischen Spiel. Die Skepsis gegenüber der Welt ist die Voraussetzung für ein kritisches Bewusstsein.

2. Eine Grundfrage die sich Paulo Freire gestellt hat, ist die Frage woher kommt die Entkräftung, die Teilnahmslosigkeit der Unterdrückten. Wir könnten hinzufügen, woher kommt bei uns die Lähmung der Hauptschüler, die Aphatie der Realschüler, die Tatenlosigkeit der Gymnasiasten bei ständig steigendem Leistungsdruck? Freire trifft hier eine Grundentscheidung. Können wir damit etwas anfangen?
Die Kultur des Schweigens der lateinamerikanischen Bevölkerung ist immer schon eine Folge der Unterdrückung. Es ist nicht die Aphatie der Massen, die Dummheit, die zur Herrschaft der Eliten führt, sondern es ist die Herrschaft der Eliten, die die Massen aphatisch macht. Die Theorie von der natürlichen Unterlegenheit der Unterdrückten ist eine oft genug bewusste Zwecklüge der Unterdrücker, ein Mythos also, einer von den vielen Mythen, mit deren Hilfe sich Kolonialherrschaft und Klassenherrschaft aufrecht erhalten hat. Und es gelingt, weil die Unterdrückten diese Mythen und die Depression von Macht und Angst verinnerlichen.
Und das gilt für alle, die dumm gehalten werden, die keine Musterschüler werden, die keine Eliteschüler werden, alle die haben den Mythos von der eigenen Dummheit übernommen. Freire sagt, dass das wichtigste Instrument dieser kulturellen Invasion, dieser Besetzung des Bewusstseins der Unterdrückten mit den Mythen der Unterdrückung, die Erziehung im weitesten Sinne ist:
Das institutionelle Bildungswesen ebenso wie die informellen Lernprozesse, die sich im Klima von Gewalt und Angst ständig vollziehen. Aber lässt Freire sich übertragen auf unsere Kultur, auf unsere doch so entwickelten kulturpolitischen Gebilde, auf die Durchlässigkeit der Erziehungswege im baden-württembergischen Schulsystem oder in den Gesamtschulen. Freires Theorie der Kultur des Schweigens ist nicht neu. Sie ist gedanklich interessanterweise eine Fortsetzung dessen, was Dietrich Bonhoeffer in „Wiederstand und Ergebung“ geschrieben hat:

3. „ Dummheit ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher     Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt sich, dass jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch- psychologisches Gesetz. Die Macht der Einen braucht die Dummheit der Anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, dass bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern, dass unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und dass dieser nun – mehr oder weniger unbewusst – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden.“

Daraus folgt doch, dass Erziehung in erster Linie autonome Sektoren erobern muss. Freire sagt, „Erziehung kann niemals neutral sein. Entweder ist sie ein Instrument zur Befreiung des Menschen, oder sie ist ein Instrument seiner Domestizierung, zu einer Abrichtung für die Unterdrückung.“
Das alles kling wie eine alte Sprache und sie ist auch alt, sie entstammt der Terminologie der 60’er Jahre, hat an ihrem emanzipatorischen ja revolutionären Grundgehalt nichts geändert.

4. Lernen ist für Freire nicht das Fressen fremden Wissens, sondern die Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation als Problem und die Lösung dieses Problems sind Reflexion und Aktion. Lehren ist entsprechend nicht programmieren, sondern problematisieren, nicht das Abkündigen von Antworten, sondern das Aufwerfen von Fragen, nicht einnisten des Erziehers im Zögling, sondern Provokation des Zöglings zur Selbstbestimmung. Die pädagogische Lage, die Klassenzimmerlage, verändert sich von Grund auf. Lehrer und Schüler stehen sich nicht mehr in  unaufhebbarer Rollenverteilung gegenüber. Der Lernstoff ist ja die Lebenssituation des Schülers und seiner Erfahrung von dieser Situation, sein Bewusstsein mit allen darin enthaltenen Widersprüchen: Seine eigenen Wörter, Wert, Urteile und Vorurteile. In dem der Lehrer eben dieses Bewusstsein des Schülers zum Problem macht, wird er notwendig seinerseits zum Schüler des Schülers, wie der Schüler in gewisser Weise zum Lehrer des Lehrers wird, denn es geht ja um seine Erfahrung, um seine Probleme und ihre Lösung, die nur er selbst leisten kann. Wir sprechen also vom dialogischen Lernen, von der Lebenswirklichkeit der Schüler und ihrer Veränderung. Das dialogische Lernen ist etwas anderes als das ständige Abfragen und Etikettieren, als die permanente Benotung. Es ist ein Dialog, es ist ein Denken in Widersprüchen.
5. Wenn ich sozusagen fast dreißig Jahre versetzt noch einmal in den Schriften des Paulo Freire gelesen habe, so entdecke ich eine unglaubliche Klarheit, die man nicht mit Naivität verwechseln darf, die aber daran erinnern, was Theaterpädagogen und Theaterpädagoginnen eigentlich sein sollten: Anti- Pädagogen, Gegner von geschlossenen Systemen, Öffner in geschützten autonomen Räumen, also keine neutralen Vermittler, keine Öffentlichkeitsarbeiter, sich mit Lehrern und Schulleitern und Eltern gutstellende Personen, sonder, ja sondern was? Ich zitiere Freire:
„Lehrer, Professoren, Erzieher sind keine Techniker, sie sind keine neutralen Intellektuellen, sie sind vor allem Politiker und Künstler – auch wenn sie sich dessen oft nicht bewusst sind.
Mit anderen Worten: Tätigkeit und Aufgabe des Pädagogen sind und bleiben immer politische, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. In meinen Augen ist ein Pädagoge dann ein guter Pädagoge, wenn er begriffen hat, dass sein Handeln immer politisches Handeln ist und er Schritt für Schritt bewusster seine Aufgaben in engagierter Weise wahr nimmt. Das bedeutet aber nicht, dass er als politisch bewusster und engagierter Mensch das Recht hätte, seinen Schülern seine politische Position, seine Meinungen und seine Einsichten aufzuzwingen. – Ich habe versucht, mein Leben in diesem Engagement zu leben. Ich weiß nicht, ob ich zu Ihnen sagen kann: „ Ich bin ein revolutionärer Pädagoge.“ Vielleicht kann ich es noch nicht von mir sagen. Aber in diesem Engagement begründen sich alle meine Überlegungen, Anstrengungen, mein Handeln. „Ich möchte noch eine Bemerkung zu der Rolle des Pädagogen als Politiker und Künstler machen. Der Pädagoge trägt keinen Koffer voll Wissen in sich, um das Wissen an jene zu verteilen, die noch nichts bekommen haben. Vielmehr ist der Pädagoge, z.B. der Lehrer, in einem ständigen Austausch, einem ständigen Entwicklungsprozess mit seinen Schülern. …Darum darf der Lehrplan nicht  vom Lehrer alleine gemacht werden, er ist nicht sein Besitz, sonder er muss vom Lehrer und von den Schülern gemeinsam gemacht werden. Mit anderen Worten: Erziehung ist immer ein Erkenntnisakt, eine bestimmte Erziehungstheorie, die in der Praxis umgesetzt wird.“


6. Kehren wir noch einmal zurück in das Europa des 18. Jahrhunderts. Es ist das Europa der Revolution, der Literatur und der Aufklärung. Es ist das Zeitalter in dem das heutige Theater und zahlreiche seiner Klassiker erfunden und alles was wir über Erziehung über Pädagogik sagen, seinen Anfang nahm.
Postman spricht davon, dass es drei Vermächtnisse gebe, die mit Erziehung und schulischer Bildung zu tun hätten:

eine Konsequenz der Erfindung der Kindheit, ist der Gedanke, dass die Schule auf einem Verständnis des Wesens der Kindheit basieren muss, den unterschiedlichen Stadien, die wie durchlaufen.

das zweite ist der Gedanke, dass eine gebildete Bevölkerung für den Staat eine wichtige Ressource darstellt -ich füge an- und man von daher tunlichst auf die Inhalte achtgeben muss, damit sie im Staat bleibt.

das dritte interessiert mich am meisten, die Annahme, dass ein gebildeter Mensch, seine Vernunft gebrauchen und von daher eine skeptische Weltsicht haben muss.

7. Stellt man die Frage nach der vorrangig mit der Aufklärung verbundenen Geisteshaltung, so lautet die Antwort Skepsis, Zweifel, Reserve, Bedenken, Ungläubigkeit.
Moderne Pädagogen verwenden das Wort kritisches Denken und beginnen die Geschichte schon wieder abzuflachen, klein zu machen. Nein, wir haben die Idee der Aufklärung in der Erziehung, die Idee der Skepsis aus guten Gründen in die Mottenkiste der Geschichte verpackt, weil auch wir wissen, dass es gefährlich ist:

„Würden wir unseren Kindern gestatten, sie sogar dazu ermuntern, kritisch zu denken, wäre fast mit Sicherheit eine Folge, dass sie die bestehenden Autoritäten in Frage stellen würden. Man könnte geradezu davon sprechen, dass kritisches Denken also Skepsis sich als Unterminierung des Gedankens von der Bildung als nationaler Ressource auswirkt, weil eine freie denkende Bevölkerung die Ziele ihres Nationalstaats ablehnen und das reibungslose Funktionieren seiner Institutionen stören könnte.“
Neil Postmann spricht in seinem Buch Die Zweite Aufklärung dieses Thema an, mehr noch, er klagt ein, dass endlich wieder Pädagogik eine Kind- und nicht Themenzentrierte Aufgabe hat und als wichtigstes immer neu zu lösendes Problem, wie man das Lernen leichter machen kann und nicht wie viel in einen Kopf und einen Körper hereinpasst.
Eine wirklich aufgeklärte Pädagogik der Skepsis aber ist auch bei vielen Eltern nicht gewünscht, denn sie involviert das Risiko, dass die Kinder für den häuslichen Frieden gefährlich werden und sie suggeriert, dass es keine Garantie gebe, dass sie funktioniert. Aber genau das ist doch auch im Sinne der alten Väter der Demokratie, dass wir Risiken eingehen müssen, dass Risiko einer emanzipatorischen Erziehung besteht darin, dass sie sich gegen den Erzieher, den Vater, die Mutter, den Staat wendet.
Wie aber lehrt man Vernunft und Skepsis, Leidenschaft und Lust. Die Lehrer sagt Postman sind normalerweise dafür nicht ausgebildet und betrachtet man so manche so manchen Pädagogen in den 50ern Plus, so sind sie geradezu das Gegenteil, der affirmative Zement, der auch noch begonnen hat die Kindheit ganz aufzulösen.
Die Theaterpädagogik schwimmt so mit, behauptet von sich, nur weil sie darstellendes Spiel machen würde, anders zu sein, theatrale Formen nahe zu bringen, Theater als Lebensinhalt.


8. Boal hat einmal geantwortet auf die Frage, ob sein Theater der Unterdrückten, das ja unter repressivsten Bedingungen in Brasilien seinen Anfang nahm, hier überhaupt eine Basis hätte, übertragbar sei:  Oh I think so, cause you have the cop in your head.

Will sagen, das doch am Anfang unserer Arbeit, die richtige Frage stehen muss, die Frage an die Theaterpädagogen lautet, mit welchen Unterdrückungsformen haben wir es eigentlich zu tun, hier, heute im 21. Jahrhundert in einer demokratisch verfassten Gesellschaft oder ist das Wort nur eine alte Metapher.

9. Danach, haben wir das Feld zu beackern,  Postmanmacht uns einen ersten fast simplem Vorschlag, einen methodischen, „er ist nicht besonders kontrovers und dennoch derjenige, bei dem die geringste Aussicht besteht, ernst genommen zu werden. Ich meine die Möglichkeit, dass wir tatsächlich Kindern etwas von der Kunst und Wissenschaft des Fragenstellens beibrächten. Niemand, nehme ich an, wird bestreiten, dass all unser Wissen aus dem Fragen resultiert, ja, dass das Fragen das bedeutsamste geistige Werkzeug ist, das dem Menschen zur Verfügung steht, nicht in de rschule gelehrt wird?
„Fragen Sie doch“, wie oft haben sie den Satz schon gehört und gemerkt, dass er nur Rhetorik ist, dass der Fragesteller keine Fragen will, dass endlich Schluss ist mit Fragen.
Noch einmal Postman:



Was geschieht, wenn ein Schüler, der einen Geschichtskurs absolviert die Frage stellt: “Wessen Geschichte ist das?“ Was geschieht, wenn ein Schüler, dem man eine Reihe Fakten gegeben ha, fragt: “Was ist eine Tatsache? Was unterscheidet sie von einer Meinung? Wer entscheidet das?“ Dann geschieht natürlich, dass Schüler nicht nur Geschichte, Definitionen und Fakten lernen, sondern auch lernen, woher diese Dinge kommen und weshalb das so ist. Ein derartiges Lernen ist eine Voraussetzung für Nachdenklichkeit und dessen was daraus folgt: Skepsis.

Aber daran, so Postman weiter, hat die Schulbürokratie kein Interesse. Sie wollen, dass Schüler Antwortgeber sind und nicht Fragesteller, sie wollen Schüler die keine Skeptiker sind und keine Experimente machen. Sie wollen die Quantität der Antworten und nicht die Qualität der Frage.
Das ist die herrschende Pädagogik gegen die sich die Theaterantipädagogik stellen muss. Und wo kommt sie dann hin?
Na, an den Anfang, an die unerledigten Geschichten, an die Zeit in der Sokrates vor allem eines lehrte, Fragen zu stellen, radikales Denken, als er mit Euripides über den Marktplatz ging, Euripides, der erste griechische Dramatiker, der sich von den Göttern losgelöst eines ins Zentrum all seiner Stücke stellte, etwas das uns bis heute beschäftigt, ohne dass wir gar nicht Leben können: die Konflikte zwischen Menschen. Werden sie benannt, können sie produktiv sein, werden sie groß werden sie uns zerstören.
So schließe ich mit Augusto Boal und wünsche viel Freude: if there is no conflict, there is no theatre.


Von Christoph Nix














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