Am Küchentisch mit...



Jörg Dathe verabschiedet sich von Konstanz und sprach vorher noch mit Lutz Rauschnick

=Der Küchentisch ist nicht nur ein ritueller Platz für die Gestaltung sozialer Nähe, sondern auch eine Bühne für die Selbst-Inszenierung und die eigene Kreativität. Ein persönlicher Begegnungsort, an dem ich Schauspieler Jörg Dathe getroffen habe, der gemeinsam mit seiner Frau Bettina nach zwei Spielzeiten das Konstanzer Theater Richtung Potsdam wieder verlassen hat.=

Die Wohnung im Obergeschoss des Hauses am Lutherplatz hat etwas von Christo, fast alles verpackt, zig Kisten, nur der karge Tisch in der Küche steht noch funktionierbar, das Ziel ist das Ost-Theater in Potsdam, an dem Betty bereits probt. „Was ist Glück für euch? Diesen Begriff hast du mal verwendet, als ihr gemeinsam von Luzern weggegangen seid nach Konstanz." Kleiner Schluck vom kühlen Weißwein, dann spricht der 54-Jährige vom Beruf, seine Bedeutung für Theatermenschen speziell dann, wenn sie ihn ausüben dürfen - selten überbezahlt. „In Luzern stand das mal an. Es kam ein neuer Intendant, Benedikt von Peter, und du wusstest: Wenn es zweimal klingelt an der Türe, dann muss etwas unterschrieben werden, es kommt der Brief und da steht dann drin: Ich habe nicht die Absicht, Sie weiter an diesem Theater zu beschäftigen und bitte Sie, zum Nicht-Verlängerungsgespräch am Mittwoch um 16 Uhr zu erscheinen."  Dort wurde dem nahe Dresden Geborenen u.a. mitgeteilt: „Grund ist zu starke Persönlichkeit, aber Danke fürs Geleistete. Er hat dann noch eine chinesische Verbeugung gemacht als täte es ihm wahnsinnig leid." Und so wusste Jörg Dathe: In drei Monaten stehe ich dem freien Theatermarkt wieder zur Verfügung. Wer dann nichts hat, sieht sehr alt aus, vorsichtig formuliert. Aber am nächsten Tag rief Regisseurin Johanna Wehner an und fragte, ob er und Betty nicht nach Konstanz kommen würden. „Da habe ich ein bisschen gedacht, es gibt vielleicht doch einen, der von oben herab ein wenig die Geschicke lenkt. Vielleicht. Dieser Umschwung vom einen Moment zu einem anderen, wo man sich sagt, ich kann wieder weitermachen - das ist für mich Glück."

„Also ehrlich, Jörg, das mit der Persönlichkeit macht mich ein bisschen fassungslos. Das spricht für eine ziemliche Gnadenlosigkeit..." Zweites kleines Gläschen Weißwein am kargen Küchentisch, bevor der sympathische Gastgeber mir Ex-Laiendarsteller die Szene erklärt. „Ich sag mal so: er hat es vielleicht so gemeint, dass wir in einem Alter sind, wo wir zu viel Geld verdienen. Dabei verdienten wir nicht viel mehr als hier. Oder ihr seid in einem Alter, da werdet ihr unserem jungen Team gefährlich, wenn junge Regisseure kommen, dann gibt es mit euch Ärger... oder sowas. Das ist nicht so lustig." Umso positiver, „wenn dann jemand kommt und sagt: Wir wollen euch!"

Irgendwann, das ist eine überlebensnotwendige Erfahrung, ist es im sozialen Gefüge der Menschen wichtig, dass man Wurzeln schlagen kann. Wie war das bei euch? „Wir haben gedacht, in Luzern wäre das ein bisschen so - aber man ist dort auch Ausländer. ... Dabei stand ich kurz vor der Einbürgerung! War schon so eine Art Schweizer. Aber es gibt viele wunderschöne Orte wie hier Konstanz. Wenn wir jetzt woanders hingehen, wird das ganz anders sein, rauher, vielleicht unkultivierter, die fast mediterrane Lebensart, die Art, kulturell miteinander umzugehen, zu kommunizieren, ist eine ganz andere als im ehemaligen Osten. Ich komme aus Sachsen, aus Pirna."

Zwischendurch gehen wir mal auf den Balkon, milde Abendsonne im (Stadtteil) Paradies - da kann man sich dran gewöhnen oder? „Ihr habt immer wieder DDR-Liederabende gemacht, vielleicht, um unbewusst Heimat zu bewahren?"  Jörg wird sehr nachdenklich: „Das kann man sich als Westdeutscher nicht so richtig vorstellen mit der Wende, aber es ist von einem Tag auf den anderen ein Schlussstrich gemacht worden: Alles, was DDR war, stand im Geruch, opportunistisch, blödsinnig zu sein, Stasi-Zuträger zu sein. War auch mit der Musik so: Hinterwäldlerisch! Wir wollen damit zeigen, dass es da auch große Schätze gibt, die es zu heben gilt, da sind wir noch nicht am Ende, wo man über Texte staunt und auch die musikalische Qualität."

Heimatbewusstsein für das Selbstwertgefühl?

Vor dem letzten kleinen Weißwein kommen noch viele Stichworte von Jörg Dathe.

- Meine Mutter ist 83 und wohnt bei Dresden in einem kleinen Dorf, das ist immer ein blödes Gefühl, wenn da mal was passiert.

- Ich bin nicht sicher, wie es hier weiter geht, in zwei Jahren beginnt die neue Intendantin und sie ist vielleicht nicht bereit, die Verträge zu verlängern, aber es ist auch für uns notwendig, weiter zu arbeiten.

- Vielleicht ist es in Potsdam auch ein bisschen heimischer. Und wir können den Leuten auch ein bisschen was geben, damit sie wieder auf andere Gedanken kommen als immer nur auf dieses rechtsnationale Zeug.

Ja, wir haben noch lange geredet an diesem Abend zwischen Küchentisch und Nachtbalkon. „Es war nicht so, dass wir uns nicht wohl gefühlt hätten, die Menschen sind hier sehr nett und wir werden Konstanz sehr vermissen. - Es ist wirklich ein Beruf, den man abends zuhause nicht ablegen kann. - Wer keine Zweifel hat, kann nicht auf dem Weg sein, irgendwann mal richtig gut zu werden. Das gehört dazu. - Leute, die immer von sich selber begeistert sind, kommen auch nicht wirklich vorwärts. - Konstanz ist, da spreche ich auch in Bettys Namen, insgesamt ein gutes Haus mit positiven Wirkungen nach außen. Hervorragend die Arbeit, die den Fokus hat, nach außen zu verlegen. - Ich bin auch dankbar, in Malawi gewesen sein zu dürfen, wir machen auch weiter mit dem Afrika-Verein. - Wir hatten eine schöne Zeit hier, entspannte Leute, Lebenskultur, entspannte Menschen, die einem nichts Böses wollten: Es war wirklich gut."