Wochentipp des Dramaturgen



Liebes Publikum!

Immer mal wieder haben wir das Glück, Ihnen, unserem treuen Publikum, etwas ganz Besonderes außerhalb des eigenen Repertoire präsentieren zu können. Diese Woche freue ich mich sehr, Ihnen das preisgekrönte Kammerspiel Blackbird des britischen Theaterautoren David Harrower zu empfehlen! Denn am kommenden Samstag, 17. November um 20 Uhr, gastiert die Waggonhalle Marburg auf der Werkstattbühne mit ihrer Inszenierung dieses verstörenden Kammerspieles, das 2007 den britischen Laurence Olivier Award für Best New Play und nun in der Regie von Matze Schmidt neulich den 2. Platz bei den Heidelberger Theatertagen 2018 gewann!

Täter oder Opfer?

Die Handlung des Stückes ist faszinierend. Blackbird zeigt die Begegnung zweier Menschen, deren Leben von einer gemeinsamen Erfahrung geprägt ist. Diese fand 16 Jahre bevor das Stück beginnt statt. Una und Ray waren damals ein Liebespaar, allerdings war sie zwölf und er 38. Als man sie zusammen ertappte, wurde er wegen Verführung einer Minderjährigen festgenommen. Also zwei scheinbar klare Rollen. Oder? Hier sind wir meiner Meinung nach an dem Punkt, der dieses Stück so herausragend macht. Es ist von David Harrower wirklich genial geschrieben, denn im Laufe der Unterredung verkehrt sich das allzu einfache Rollenschema Opfer/Täter und offenbart die Geschichte einer ganz und gar unmöglichen Zuneigung. Er ist eben nicht nur ein Pädophiler. Und sie ist nicht nur ein Opfer.

16 Jahre später also, zu Beginn des Stückes, lebt Ray unter einem anderen Namen und arbeitet in einer Firma, die Geräte für Zahnarztpraxen herstellt. Er hat seine Strafe abgesessen, ist mit einer neuen Frau zusammen und hat sich ein neues Leben aufgebaut. Anders als Ray kommt Una nicht mit dem klar, was damals geschehen ist. Als sie bei einem Zahnarztbesuch zufällig Rays Foto in einer Zeitschrift sieht, entschließt sie sich, ihn aufzusuchen. Ein packender Ausgangspunkt für diese Thrillergeschichte, die 2016 von dem australischen Regisseur Benedict Andrews mit Rooney Mara und Ben Mendelsohn unter dem Titel Una verfilmt wurde.

Moral und Unmoral

Blackbird ist ein bedrückendes, flirrendes und provokantes Theaterstück, in dem die Zuschauerperspektive auf Moral und Unmoral ständig verschwimmt. Insofern gibt es auch Parallelen zu Eine Art Liebeserklärung, die momentan von Anne Simmering auf der Werkstattbühne mit großem Erfolg gespielt wird. Wenn Ihnen also der Monolog über die Lehrerin Faye und ihre Affäre mit ihrem Schüler Tommy gefallen hat, lohnt es sich auf jeden Fall, in Blackbird zu gehen. Aber aufpassen: Außer kommendem Samstag, gibt es nur eine einzige Möglichkeit, das Stück in Konstanz zu sehen, nämlich am 15. Dezember. Also jetzt schnell Tickets sichern!

Ich wünsche Ihnen einen anregenden Abend auf der Werkstattbühne!

Eivind Haugland

Dramaturg

Hier gehts zum Ticketverkauf

PS: Für Konstanzer Studierende mit Kultursemesterticket sind alle verfügbaren Plätze eine Stunde vor Vorstellungsbeginn kostenfrei!