Interview mit der Regisseurin Sara Ostertag - Brüder Löwenherz



Du hast gesagt, ihr macht mit „Löwenherz" auch quasi eine Familien-Produktion. Theater für alle. Was verstehst du darunter? Für Kinder? Erwachsene? Und das Thema: Auch Tod? Ist das nicht schwierig, für alle gleich darzustellen?

Für alle gleich darzustellen funktioniert grundsätzlich nicht. Aber was man machen kann, ist, Erzählformen zu
finden, die vielschichtig sind und mit verschiedenen Mitteln arbeiten, so dass sich unterschiedliche Menschen an unterschiedlichen Dingen orientieren können. Produktionen spezifisch für Kinder sind immer auch Produktionen, die auch ein erwachsenes Publikum auf eine Art involvieren. Man schaut gemeinsames und versteht
oder sieht gemeinsam auch unterschiedliche Dinge.

Wie ich gehört habe, gibt es beispielsweise auch bei Lehrer*innen gewisse Aufregungen, das sei doch schwierig für Kinder. Findest du das auch? Du hast doch schon mehrfach Kinder- und Jugendproduktionen gemacht und bist auch mehrmals mit dem österreichischen Stella-Preis ausgezeichnet worden.

Meistens habe ich die Erfahrung gemacht, dass es für die Erwachsenen sehr viel schwieriger ist als für die Kinder, weil sie viel mehr mit der Transformation von Leben umgehen, weil sie das aus ihrem eigenen Leben, ihrem eigenen Spiel und dem Erfinden von Geschichten viel eher kennen, dass man Figuren entstehen und wieder verschwinden lassen kann. Daher, das ist manchmal mein Gefühl, haben Kinder im Theater einen viel anderen Umgang. Was mir auch sehr wichtig ist: Dass es manchmal auch schön ist, Angst zu haben und etwas Schönes ist, traurig zu sein, weil es ein Gefühl ist, das man hat und es auch schön ist zu bemerken, dass man das fühlen kann. Und das Traurigkeit oder Angst sich verändern. Aber das ist auch ein Teil von uns. Ich finde es nicht spezifisch schwierig, weil es anwesend ist gleichermaßen zwischen Erwachsenen und Kindern.

Kann es sein, dass das Kinder anders, harmloser verstehen? Wenn ich bei uns ums Haus sehe, wie sie spielen mit Plastik-Schusswaffen „Peng du bist tot" , einer fällt hin, steht wieder auf und alle lachen. Entsteht daraus auch ein anderer Umgang mit dem Thema, weniger bedrohlich?

Es ist nicht weniger ernsthaft, es ist aber spielen, wobei sie lernen, sich etwas beizubringen und damit umzugehen. Kinder spielen ja auch Spiele, um soziales Verhalten zu lernen. Mit Verlust oder Angst zu spielen ist eine Art, das für sich selber fassbarer zu machen. Darum finde ich gut, dass es auch Stücke darüber gibt. Du hast gesagt, dass die Kinder bei den Aufführungen ganz gebannt sind und dass die Angst vor dem Tod erst später entsteht.

Hast du da entsprechende Erfahrungen? Im Leben?

Ja. Vielleicht speziell für Kinder, dass sie das ganz anders verstehen, die Bedeutung des Wortes Tod und des Vorgangs. Sie spielen „peng du bist Tod" und sie können das noch gar nicht so einordnen wie Erwachsene.

Genau. Man hat als Erwachsener natürlich unterschiedliche Lebenshintergründe und Erfahrungshorizonte als Kinder, daher verbindet man das auch mit unterschiedlichen Dingen. Ich glaube, dass es oft das Problem ist, dass es für viele Erwachsene auch problematisch selbst ist, mit ihrem emotionalen Haushalt umzugehen und den zu verbalisieren und dass es darum für sie auch schwierig ist, irgendwann mit Kindern darüber zu sprechen. Das ist vielschichtig: Es kann Tod sein, es ist dieselbe Sache mit Sexualität oder Gewalt, es kann für Erwachsene schwierig sein, das für sich selbst zu formulieren und dass sie eher Angst haben vor dieser Erklärungsnot, weil sie sich dadurch emotional selber zugänglicher machen müssten.

Können Eltern mit ihren Kindern locker, entspannt und fröhlich in „Löwenherz" gehen?

Ja klar. Es ist immer wichtig, das es etwas gibt, was einen nachdenklich macht, wenn vielleicht auch unruhig. Sonst wären Theater und Kunst selbstverständlich auch für
Kinder uninteressant. Kunst muss mich mit etwas konfrontieren, sonst wäre es langweilig.

Was hast du aus deiner wiederholten Arbeit mit Kindern und Jugendlichen für dich gelernt?
Gelernt, das Sinnlichkeit ein wichtiger Faktor ist für mich, das Zulassen verschiedener Dinge, die man erstmal nicht zusammenbringen würde, ganz neuen Sinn kreieren würden. Und ich habe auch verstanden durch Kinder, das man Geschichten nicht komplett erzählen muss, wo es Luft gibt, Dinge nicht zuende erzählt werden müssen, das man assoziativ bleibt, Dinge selbst ausfantasieren kann.

Sollen Eltern ihre Kinder speziell vorbereiten auf „Löwenherz" oder einfach reingehen und abwarten?

Ich selber gehe meistens in Stücke hinein und schaue, was mit mir passiert. Das ist natürlich ein spezieller Fall, weil viele Leute dieses Buch gelesen haben...

Ich muss meine Kinder aber nicht spezifisch auf das Thema „Tod" vorbereiten, ehe wir da reingehen, sondern man kann als Vater abwarten, wie sie darauf reagieren?

Ja, aber das würde ich bei jedem Thema immer sagen. Ich finde es spannender zu sehen, was etwas mit jemandem macht und dann zu wissen, dass es die Zeit gibt, um sich damit zu beschäftigen.