Interview mit Regisseur Wolfgang Hagemann - Der Reichsbürger



Die „Reichsbürger" zu inszenieren in Konstanz - wolltest du das? Nein, die Entscheidung hat das Theater getroffen, die ja den Spielplan machen, schauen, wann welche Schauspieler Zeit haben. Wenn das alles steht, werde ich angerufen, ob ich Zeit habe, es machen möchte und die Gage stimmt. Ich war gerade hier und arbeitete an „Du bist meine Mutter" und konnte so das Stück gleich mal lesen. Dann sieht man schnell, ob da irgendetwas ist, was einen anspringt. Da ich das Thema interessant finde und das Stück dazu passt, habe ich sofort ja gesagt.  Das Haus entscheidet auch über den Schauspieler, habe gelegentlich Mitspracherecht. Aber ich gehe davon aus, dass sie sich was dabei gedacht haben, ich muss mich darauf verlassen können. Kann ja auch nicht vorsprechen machen, wer ist der beste Reichsbürger.

 Ist Ralf Beckord der Reichsbürger, den du dir vorgestellt hast? Ralf ist nicht der Reichsbürger, den ich mir vorgestellt habe, weil die Reichsbürger muss ich mir nicht vorstellen, die verschiedenen Schattierungen dieser Mischpoke, dieses Nazipacks. Ich habe das Vertrauen, dass jeder Schauspieler des Hauses diesen Text in zehn Schattierungen erarbeiten könnte: Als den netten Menschen, der auf der Parkbank sitzt und mit jemand anderes plaudert; er könnte ihn als strammen Neonazi spielen, der rumbrüllt über Stunden, könnte den sehr stilisiert spielen - das ist schauspielerische Arbeit. Ich weiß vorher nie, wie ein Schauspieler auf meine Arbeit reagiert oder ich auf seine Herangehensweise, das ist immer ein Wagnis, was den Beruf spannend macht. Ich habe kein Rezept, da ich eher vom Inhalt ausgehe als von der Form. Für mich ist erstmal alles Chaos, ich weiß nicht, was mich erwartet.

Beim ersten Probentag beim Lesen höre ich zum ersten Mal die Stimme des Reichsbürgers, das ist ein ganz spannender Moment. Da merke ich schon, oh, der hat eine ganz andere Temperatur oder einen härteren Klang. Dann denke ich, der hat andere Stellen als ich, wo er aggressiv liest, ist das besser als das, was ich mir ausgedacht habe? Da fängt die Arbeit schon an, dass sich etwas verformt, Temperaturen ändern.

 Folgst du immer dem, was der Schauspieler vorgibt? Das mischt sich. Ein Schauspieler kann etwas, was ich nicht kann: Er kann oben auf der Bühne spielen, aber er kann sich dabei nicht zugucken, das funktioniert nicht. Wenn ich mir zugucke, wie ich Minigolf spiele, werde ich den Ball garantiert nicht ins Loch kriegen. Aber ich kann dem Schauspieler zuschauen. Das sind zwei verschiedene Aufgaben, die auf der Probe zusammen kommen. Es ist wahnsinnig schwierig wie in diesem Fall, 21 Seiten Text auswendig zu lernen und dann zu gestalten. Ich kann dann zuhören und von unten vielleicht sagen: Mach da mal eine Pause, setz da mal neu an, wo der Schauspieler vielleicht drübergegangen ist, weil er nur gelernt hat. Beispielsweise kann Ralf sehr emotional, sehr laut werden, da denke ich, das ist eine andere Farbe, da wäre ich vielleicht nicht drauf gekommen, das in jedem Reichsbürger auch ein Neonazi steckt, der dann auch mal richtig vom Leder zieht.

 Das hat Ralf angeboten? Ja und ich wäre blöd, wenn ich sagen würde, nee Moment, ich habe hier aber stehen: Er ist freundlich. Weil ich ja selber merke, wie mich das mitreißt. Es gibt den Satz: Der Regisseur ist immer der erste Zuschauer. Ich bin immer ganz gespannt, wenn auf der Bühne was passiert und ich merke, das geht in die richtige Richtung. Und ich bin schnell gelangweilt, wenn ich meine Rolle als Regisseur nicht spielen kann, sondern als Wolfgang Hagemann in einem dunklen Raum sitze, wo vorne mir jemand irgendwelche Worte aufsagt, das interessiert mich nicht. Ich spiele die Rolle des Regisseurs und er die des Reichsbürgers. Auf der Ebene trifft man sich. Da kommt ja noch der Ton dazu, das Bühnenbild, das ich selber gemacht habe und plötzlich klickt es ineinander wie ein Zahnrad.

Einen Text lernen und wiedergeben ist zunächst ein technischer Vorgang. Das muss immer mehr weg und dann kommt immer mehr eine wirkliche Figur zum Vorschein. Das hat auch damit zu tun, dass ein Schauspieler das toll finden kann, was er macht. Das genießt. Wenn er zu viel macht, wird er eitel und unerträglich. Das, was Ralf Beckord ausmacht, interessiert mich gar nicht - ich will nur den Reichsbürger sehen. Also ob sich Romeo wirklich in Julia verliebt, ist mir völlig egal: Es muss nur so aussehen.

Der Regisseur gibt natürlich auch die Richtung vor. Mir ist wichtig: Der Titel verführt natürlich dazu, dass man denkt, aha, Reichsbürger, das sind diese kleinen Idioten mit Aluhut, die irgendwelche Verschwörungstheorien verkaufen. Ich glaube - das Stück gibt keine Hinweise, es gibt keine Regieanweisungen - , mir ist wichtig zu zeigen, es gibt eine Verbindung zwischen Reichsbürgerei, AFD, Skinheads, Neonazis, Altnazis, besorgten Bürgern, konservatives Burschenschafts-Pack - dass man nicht sagt, aha, man hat eine Figur aus dieser Szene, ich wollte in dieser Figur auch Verbindungen aufzeigen, wie er reagiert, wie er angezogen ist, welche Körperhaltung er hat. Das hat Ralf auch sofort probiert.

 Gibt es etwas, worauf ihr hinarbeitet, wo ihr auf Publikumsreaktionen hofft? Das Stück spielt natürlich ein bisschen damit, dass der Reichsbürger seine Ideen verkauft und dass man denkt im Publikum, wenn er ein geschickter Verkäufer ist, der Schauspieler als Reichsbürger, dass man zu Dingen ja sagt, wo man hinterher denkt: Oh Gott, wozu habe ich mich denn da verführen lassen. Ich bin da sehr zwiespältig, so ganz 1:1 glaube ich das nicht, denn ein Zuschauer, der ins Theater geht, spielt auch eine Rolle, der zieht sich abends schön an, hat sein Timing, sagt sich: Um 19.30 Uhr muss ich da sitzen, dann hält er über eine Stunde den Mund meistens. Wenn sie angesprochen werden, zucken sie erstmal zurück, das ist ein komisches Gefühl, damit kann, muss man in dem Stück auch spielen. Es macht keinen Sinn, das komplett raus zu streichen. Wäre nicht sinnvoll. Der Reichsbürger ist eine sehr schön geschriebene, sehr vielfältige plastische Figur der neueren Theaterliteratur, der sehr viel erzählt über das eigentliche Thema hinaus. Da kann dieser Abend den Anstoß geben, beim nächsten Mal den Artikel in der Zeitung dann doch zu lesen, etwa über Reichsbürger. Oder wenn der Nachbar mal wieder darüber spricht, dass der Kapitalismus irgendwie die Diktatur dieser Gesellschaften ist oder - mit so einem Unterton - von Goldmann & Sachs spricht und den Juden gehört das Geld: Dass man dann einfach Stopp sagt. Das soll ermutigen, wenn es auch ein bitterböses Stück ist.

Welche Reaktion wünschst du dir nach der Premiere außer allgemeiner Zustimmung vom Publikum? Auch wenn ein Zuschauer ganz anderer Meinung ist, die Arbeit respektiert und nicht einfach rausgeht und sagt: So ein Scheiß, bescheuert.

 Schläfst du vor der Premiere so schlecht wie ich bei Vollmond? Das fängt irgendwann an, dass man nachts wach wird - habe mir auch noch das Ei gelegt, dass ich die Musik selbst ausgesucht habe und einen Ohrwurm habe, der mich quält seit Tagen, zwei sogar. Ja das ist so. Das gehört zum Stress. Ich dachte, das hört mal auf, wird weniger. Aber es wird mehr. Keine Ahnung warum. Das ist so.