Das Theater Konstanz in Grönland



Zweiter Teil: Erfolgreiche Premiere in Grönlands Hauptstadt Nuuk

Erfolgreiche Premiere - wie oft liest man diese zwei Worte? Doch woran lässt sich der Erfolg messen? An den Zuschauerzahlen, an den Eintrittsgeldern oder am tosenden Beifall? Alles drei traf ohne Zweifel für die Premiere von „Das Kind der Seehundfrau" im Katuaq-Center im grönländischen Nuuk zu. Doch gibt es etwas, das darüber hinaus wirkt? Im Anschluss an die Vorstellung und stehende Ovationen kam es zu einem überaus interessanten Nachgespräch: Es meldete sich eine Zuschauerin und sprach die Hauptdarstellerin Kimmernaq, die die Rolle der Seehundfrau auch schon in Konstanz spielte, auf ihre Erlebnisse in dem fremden Land, die Arbeit am Theater Konstanz und welche Dinge sie sonst noch erlebte, an. Die Frage führte tiefer in das Lebensgefühl der Grönlander, als es zunächst vielleicht den Anschein haben mochte. Aus Kimmernaq brach es heraus: Die Grönländer, die vor allem unter der dänischen Übermacht zu leiden haben, brauchen sich nicht zu verstecken. Sie sind nicht weniger wert, sie verschlingen auch nicht viel Steuergeld, wie von den Dänen behauptet. Vielmehr sollten sich ihre Landsleute vom starren Blick auf die stolzen Dänen  lösen und den Blick in die weite Welt werfen. Am Konstanzer Theater ist sie mit offenen Armen empfangen worden, mit Respekt vor der Geschichte und den Bräuchen ihres Landes. Ja, es war in dieser Stadt ein überwältigendes Interesse da, die eine absolute Begegnung auf Augenhöhe ermöglichte. Die Grönländer seien ein kreatives und liebenswürdiges Volk. Dies sei ihr durch die Zusammenarbeit mit den Menschen des Konstanzer Theaters, insbesondere auch hier in Nuuk,  besonders bewusst geworden. Lässt sich Erfolg besser beschreiben?

 

Probenbilder


Erster Teil: Ankunft in Grönland

Auf Kuba, in Togo, Malawi und Burundi, sogar in Kanada war das Theater Konstanz schon und begeisterte jeweils mit den „mitgebrachten" Inszenierungen. Jetzt die Idee, dass das Stück „Das Kind der Seehundfrau" auch in dem Land spielen soll, das diese traumhafte Sage um eine Seehundfrau und deren Familie hervorgebracht hat. Ein Land, das auf halbem Weg von Europa nach Amerika liegt. Ein Land, das von Dänemark „mitverwaltet" wird. Ein Anhängsel also? Keinesfalls - ein Land mit einer großen, eigenen Identität und Stolz, der Ödnis zu trotzen. Ein karges und raues Land, das die Crew des Theater Konstanz erwartet. Anflug über Kopenhagen, auf einen ehemaligen Militärflughafen der Amerikaner, dann weiter in einer Propellermaschine bis in die Hauptstadt.  80% der Insel sind von Schnee und Eis bedeckt. Doch blüht hier eine außergewöhnliche kulturelle Vielfalt. Nur 56.000 Menschen leben insgesamt auf Grönland, 20.000 davon in der Hauptstadt Nuuk. Drei Schauspielschüler gibt es aktuell an der heimischen Akademie, so erzählt uns die grönländische Schauspielerin und Sängerin Kimmernaq, die im letzten Jahr in Konstanz zu Gast bei der Produktion war und nun in ihrer Heimat bei unserer Inszenierung mitwirken wird. Die Schüler erfüllen Kimmernaq mit Freude, weil sie selbst dort Schülerin war und sie gemeinsam zeigen können, dass das Land mehr zu bieten hat als Fischfang und Schnee. Viel geht es bei einem Willkommenskaffee in ihrer Wohnung um Identität, um das Nachempfinden von Traditionen und Geschichten ihrer Vorfahren. Dabei das moderne Leben nicht außer Acht lassen. Wie passen die alten Trommeltänze, der Schamanismus und das heutige Lebensgefühl zusammen? Alle sprechen Englisch miteinander und doch fasziniert die Sprache der Inuit viel mehr. Die Postkarten von Nuuk zeigen nur die alten dänischen Siedlungen mit ihren bunten Häusern. Aber wie sieht es hinter der bunten Fassade aus? Die Selbstmordrate ist in Grönland so hoch wie in fast keinem anderen Land. Kimmernaq sagt, dass vor allem viele junge Leute keine Perspektive haben und als einzigen Ausweg den Freitod sehen. Hier kann die Kunst eine Hilfe sein, sich ausdrücken zu können, etwas Hoffnung zu geben. Unsere Proben im modernen Katuaq-Center haben begonnen. Hier gibt es ein Kino, eine Restaurant und vor allem ist es ein Platz für Begegnungen. Kimmernaq berichtet, dass es genau diese Gemeinschaftsräume braucht, damit die Einsamkeit nicht gewinnt. Ein ruhiges Land ist es sicher, aber viel mehr als reine Kulisse eben auch. Es wird spannend, wie die Menschen die Premiere unseres gemeinsamen Stücks am Samstag aufnehmen werden.

Anreise und erste Eindrücke