Shakespeares „Romeo und Julia" in Konstanz. Ein Spiel mit Licht und Schatten. Doch die Lichtblicke überwiegen
Es beginnt mit dem Ende. Romeo und Julia sind tot, die Capulets und Montagues, die verfeindeten Trauerfamilien, beklagen den Verlust ihrer Kinder. Doch aus dem gemeinsamen Leid wird schnell wieder Aggression, die jungen Männer beider Seiten gehen sich an den Kragen, schlagen sich durch bis zum Anfang von Shakespeares berühmter tragischer Liebesgeschichte, wo alles begann.
Regisseur Stefan Otteni stellt für seine Inszenierung von „Romeo und Julia" am Stadttheater Konstanz ganz bewusst den Schluss an den Anfang und lässt am Ende wieder von vorn beginnen. Denn es ist die Endlosschleife von Macht, Hass und Gewalt zu deren Entstehung wohl bis heute das männliche Sexualhormon Testosteron maßgeblich beiträgt. „Sie lieben den Hass, weil sie die Liebe hassen" wird Shakespeare den Pater Lorenzo sagen lassen, der als Stimme der Vernunft, als Moderator, aber auch als verhängnisvoll Handelnder in das Geschehen eingreift.
Stefan Otteni verzichtet auf alles, was er bei der klinisch-nüchternen Analyse der Veroneser Tragödie für verzichtbar hält. Die Bühne (Anne Neuser) ist leer bis auf einen dunklen Kubus, aus dem sich bei Bedarf ein Vorbau herausfahren lässt, denn ganz ohne Balkon ist „Romeo und Julia" auch in Konstanz nicht zu spielen. Ansonsten gilt das gesprochene, oder das gebrüllte Wort. Ein gespenstisches Kammerspiel, dessen räumliche Abgeschlossenheit sich beklemmend auf die handelnden Personen niederschlägt und nach Ausbruch schreit. Die reine naive Liebe zweier junger Menschen passt nicht in diese erstarrte Welt, sie muss die Mauern aus Konvention, Vorurteil, Skrupellosigkeit und Machtstreben einfach sprengen. Shakespeare wäre nicht Shakespeare, würde er der klassischen Strenge seiner Stücke nicht auch etwas theatertauglichen Mummenschanz gönnen. So beim Ball der Capulets, bei dem die Weichen gestellt werden sollen, um Julia, die Tochter des Hauses standesgemäß zu verheiraten.
Und hier bricht die Konstanzer Regie nun mit ihrem eigenen strengen Grundkonzept. Der Jahreszeit und der Region geschuldet, wird aus dem Ball der Capulets ein Treffen der Alet, Blätz, Schopfschrat und wie die Hästräger der Bodensee-Fasnacht sonst noch heißen mögen. Dämonisch treten sie auf, mit ihrem rhythmisch stampfenden Tanz (Joshua Monten) mischen sie die sonst so minimalistisch strenge Inszenierung auf.
Was zunächst als Fremdkörper erscheint oder wie ein billiger Gag daherkommt, ist vielleicht gar nicht so abwegig. Triebstau und Entladung, Affekt und Eifersucht, Flucht in Masse und Maske, enthemmte, alkoholisierte junge Männer, Shakespeare und Regisseur Otteni kennen wohl auch die Ausfallerscheinungen von Fasnacht oder nächtlichen Disco-Parkplätzen. Doch zurück nach Verona, dort sind Romeo und Julia nach mörderischen Verstrickungen als Paar zunächst wieder getrennt, und dann, im Tode wieder vereint. Es ist ein Spiel mit Widersprüchen.
Und diese schlagen bis auf Stefan Ottenis Inszenierung durch. Sie setzt ganz auf die Sprache, verwendet aber die wenig poetische Übersetzung von Wolfgang Wiens und Sven Eric Bechtolf. Sie konzentriert sich auf die Personen, aber die Personenregie scheint nicht immer bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Sie strebt Spannung, Tempo und Dynamik an, hat aber auch Längen. Da ist das stille Kammerspiel, das sich dann mit überchoreografierten Kampfszenen (Klaus Figge) spektakulär in Szene setzen will. Wir sehen großartige Bilder, aber auch banale Hilflosigkeit.
Einhellig positiv ist aber die Leistung der beiden Hauptdarsteller. Jessica Rust verkörpert in vielen feinen Nuancen die reine unverbildete Liebe der Julia, deren schwärmerisches Sehnen, das Nebeneinander von Selbstbewusstsein und Schwäche. Ihre natürliche Körpersprache verschafft ihr viel Ausstrahlung. Auch Max Hemmersdorfer gelingt als Romeo mit seinem differenziert tiefgründigen Spiel ein beiendruckender Auftritt. Ebenso wie Neuzugang Zeljko Marovic, der mit seiner sympathisch frischen Spielweise auf sich aufmerksam macht.
Susi Wirth überzeugt als Amme einmal mehr mit der ihr eigenen Art, komplizierte Sachverhalte lakonisch einfach zu pointieren, ebenso wie Kristin Muthwill, die auch als Whisky trinkende Lady Capulet vor allem das Spiel ohne Worte so glänzend beherrscht. Thomas Fritz Jung muss als Pater Lorenzo etwas hinter seinen Möglichkeiten zurückbleiben, weil die Regie seiner Rolle die letzte Feinarbeit versagt. „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche" lässt Shakespeare seine Julia sagen, um Romeo davon zu überzeugen, dass die Nacht noch nicht vorbei und der Morgen nicht angebrochen sei. Auch in der Konstanzer Inszenierung geht es um Licht und Schatten. Doch hier war es ganz klar doch eher die Lerche. Viel Beifall des Premierenpublikums.