30.01.2012, Thurgauer Zeitung

Mutter Afrika


Gefangen in der Welt der Sklaverei


Das Junge Theater Konstanz hat mit Ad de Bonts Stück «Mutter Afrika» die Kindersklaverei zeitlos inszeniert. Denn wer glaubt, sie sei längst überwunden, irrt sich.

«Mutter Afrika - was ist Zeit?», fragt der Chor aus Musiker und Spielern zu Anfang und summt bedrohlich. Wann kommt die Freiheit, fragen sich die Mädchen Aba und Finette bei einem Schwatz am Ziehbrunnen, als sie Wasser holen für ihre Sklavenhalter: «Die Freiheit kommt zu spät.» - «Die Freiheit kommt nie zu spät, das gibt es nicht. Weil ich es nicht will. Weil ich hoffen will. Weil ich leben will.» Aba will leben. Ob sie leben wird und frei werden wird, lässt das Stück offen. Ihr Bruder Kodjo wird nicht leben. Soesman hat ihn erschossen, der Plantagenbesitzer, der ihn vom Sklavenschiff weg gekauft hatte. Kodjo hatte ein anderer gekauft, für 500 Gulden, und Aba und Kodjo wurden getrennt.

Politische Themen für Junge

Der niederländische Autor Ad de Bont bringt einem jungen Publikum immer wieder politische und soziale Themen näher. Mit «Mutter Afrika» hat er 2002 ein Stück geschrieben, das den transatlantischen Dreieckshandel zwischen Afrika, Europa und ihren Kolonien in Amerika thematisiert, um von Rassismus und Entwurzelung zu erzählen, von Gewalt und Erniedrigung, aber auch Widerstand und Zuneigung. Gewinner gibt es keine in seinem Drama. Nur Aba kann es schaffen in ein Leben in Freiheit. Westafrika, Mitte des 19. Jahrhunderts. Der verschuldete Attenquan (Ingo Biermann) steht auf einer schiefen Rampe (Ausstattung: Martin Käser) und seine Kinder werden verhungern, wenn ihm nichts einfällt. Er bietet sich der Westindischen Handelskompanie an, doch er ist zu alt und wird ausgelacht von den Weissen. Die greifen sich Aba (Sophie Köster) und Kodjo (Robert Baranowski). Da teilt sich die Bühne, die Rampenhälften scheren zur Seite, der Vater taumelt, die Kinder fallen in den vergitterten Bauch des Schiffes, das sie nach Surinam bringen wird. Ein symbolträchtiger Einfall, die schiefe, dreieckige Bühne.

Oben und Unten

Sie teilt die Welt in ein Oben und ein Unten, in Weiss und Schwarz, in Herren und Geknechtete. In den ersten Szenen sprechen alle sieben Spieler (die sich in die neunzehn Rollen teilen) fast ausschliesslich ins Publikum, nur mählich entstehen Dialoge und Zugewandtheit. Starr und unnachgiebig ist diese Welt, in der es letztlich nur Gefangene gibt: klimakranke Ehefrauen, verliebte Töchter, unterwürfige Schlägertypen - lauter Egoisten. Am prägnantesten Soesman (Ingo Biermann), dem Prinzipien wichtiger sind als Menschenleben. Regisseur Bernd Schlenkrich packt die drei Schauplätze deckungsgleich auf die schiefe Ebene, arbeitet mit dezenten Attributen, mit Reduktionen und Symbolen wie den verstreuten rohen Kaffeebohnen, mit Tempowechseln. Und der sudanesische Musiker Mohamed Badawi lässt Wärme einfliessen an der Oud und Eindringlichkeit an der Bongo. «Mutter Afrika, Mutter aller Länder. War es gestern, war es heute, war es morgen?»