27.02.2012, Südkurier

Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner


Spenden erwünscht


Ingrid Lausunds erfolgreiche Farce „Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" nun auch am Stadttheater Konstanz

Harald Schmidt hat abgesagt. „Sehr nett und menschlich". Eben so, wie man ihn vom Fernsehen her kennt. Aber braucht es für die Gala ein prominentes Zugpferd? Genügt es nicht, eine echte Afrikanerin einzuladen? Eva, im Rollstuhl, aber in Abendkleid und mit High Heels, zeigt sich entrüstet. Das sei doch „ganz, ganz schlimm", eine Schwarze, zumal eine Freundin, „vorzuführen". Rainer ist da anderer Meinung und traut sich eine Gegenrede zu. Politisch unkorrekt sei es doch, sagt er, eine Schwarze auszuschließen, „nur weil sie schwarz ist". Doch Eva denkt nicht daran, ihn damit laufen zu lassen und enttarnt Rainer als „autoaggressiv rassistisch". - Schallendes Gelächter im Publikum.

Fünf Personen haben sich in Ingrid Lausunds Farce „Benefiz - jeder rettet einen Afrikaner" (UA 2004) verabredet. Zu einer Probe für einen Gala-Abend zugunsten einer Schule in Sierra Leone. Ein „ernstes Thema, Afrika", sagt Leo. Oberstes Ziel der Veranstaltung ist daher: Authentizität wahren. Nun aber, nach einem ersten Warm-up, hocken die fünf Ehrenamtlichen verbiestert im Vorgarten eines Holzhauses, Grillatmosphäre inklusive (Ausstattung: Gregor Sturm). Schnell hatte sich gezeigt, dass sie nicht nur von einem diffusen Willen geleitet werden Gutes zu tun, sondern auch von Eitelkeiten und Befindlichkeiten.Die Anlässe dazu sind banal. So bricht zwischen Eva - ja, die schon wieder - und Christine ein Zickenkrieg aus, weil die eine das Wort Hungersnot nach Meinung der anderen nicht innig genug betont... Charity ist nicht immer witzig, auch wenn das Publikum vor Lachen tobt. Das Wort betteln kommt nicht vor bei diesem Einsatz, der zu einer harten Probe für die Helfer wird. Sie stehen solidarisch zusammen und doch sich selbst im Weg. Christine besteht darauf, das „einzigartige Leid" hinter den Zahlen täglicher Hungermeldungen ausmalen zu dürfen. Aber zeigt man als Lockerungsübung für den Geldbeutel wirklich Bilder von dahinsiechenden Kindern? Gott sei Dank versagt der Diaprojektor den Dienst.

Welche Masche zieht am besten: Betroffenheit, Kitsch, Mitleid, schlechtes Gewissen, Schock, Glamour, Unterhaltung oder doch Glaubwürdigkeit? Der bibelfeste Eckhard gibt am Ende mit einer Brand- und Wutrede, die Grillzange fest in der Hand, eine Idee davon, welche Strategie zielführend sein könnte: Macht's mit Nächstenliebe. Dass Eva den dollen Barmherzigkeitsmonolog von Eckhard als „zu lang" kritisiert, ist nicht etwa gemein, sondern realistisch: Die da oben auf der Bühne spielen ein Doppelspiel, Probe und Ernstfall.Dass nicht immer klar ist, woran sie sind - was auch für uns, vom Armutsthema „Afrika" peinlich berührte Wohlstandsmenschen gilt -, macht nicht nur den Reiz dieses Stücks aus, sondern rettet es davor, selbst als Betroffenheitsveranstaltung à la RTL-Spendenmarathon und andere „Lasst-Armut-Geschichte-werden"-Events auseinanderzufallen.

Regisseur Alexander Marusch hat Lausunds „Benefiz"-Gala nicht nur temporeich, sondern mit ihren komödiantischen, ja boulevardesken, aber auch kritischen und zynischen Zwischentönen inszeniert, nahe an Yasmina-Reza-Formaten übrigens. Bewahrt bleibt die Vorwärts-Zurück-Moral des Stücks bewahrt. Oder was ist davon zu halten, wenn Eva am Schluss der Vorstellung sich in bester epischer Theatertradition ans werte Publikum wendet und ihm vorhält, dass schon mit dem Aufwand dieses Abends ein Schulhaus hätte gebaut werden können? Und wenn am Ausgang des Stadttheaters eine Spenden-Box für das (Konstanzer) Schulprojekt Karakor Sonkuralla in Sierra Leone steht? Spenden erwünscht! Auch wenn wir wissen, dass Millionen Afrikaner heute ärmer sind - nicht trotz, sondern aufgrund von Entwicklungshilfe.

Die fünf Gutmenschen lösen ihre Doppelrollen begeisternd auf: Julia Philippi als politisch überkorrekte Eva, als Klageweib und Zeugin der Anklage; Monika Wiedemer überzeugt als herrschsüchtige Domina - und gibt, so nebenbei, das traurige Bildnis einer Trinkerin; Philip Heimke heißt zwar im Stück Leo, aber dieser Löwe reißt und beisst nicht, er liebt es sportiv und ist für den Ulk zuständig. Rainer alias Ralf Beckord macht den Eindruck eines überforderten Zeitgenossen, vielleicht ist er es auch; Eckhard, Otto Edelmann, ist ein aufrechter Christenmensch, der auch ohne Grillzange beeindruckt. - Verdienter Schlussbeifall.