29.02.2012, Thurgauer Zeitung

Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner


Ablasshandel mit Afrika


Spenden für Afrika? Das Theater Konstanz fragt bissig und witzig nach, im Stück «Benefiz - jeder rettet einen Afrikaner».

Entwicklungshilfe ist chic, Kritik an der Entwicklungshilfe ebenso. In halb Deutschland wird Ingrid Lausunds Satire «Benefiz - jeder rettet einen Afrikaner» seit drei Jahren gespielt. In Konstanz erst recht, denn das Theater steckt mitten in seiner Afrika-Spielzeit und taucht den Schwarzen Kontinent facetten- und einfallsreich ins weisse Scheinwerferlicht: bissig, griffig, angriffig.

Wirklichkeit und Bühne
Lausunds Stück hat reichlich von allem, und Alexander Marusch (Regie) und Michael Gmaj (Dramaturgie) lassen es mit fünf starken Spielern knallen und fast in eine Farce kippen, ohne die Figuren anzuschwärzen. Konstanz hat eins draufgesetzt: Es hat die Anregung der Kreuzgemeinde Konstanz-Allmansdorf aufgegriffen, mitzumachen und im Foyer für ihre Initiative zu sammeln (ein Schulhaus in Sierra Leone), während auf der Bühne fünf Bürger antreten, für ein Hilfsprojekt in Afrika einen Benefizabend zu proben, und kläglich scheitern.

Die Zusammenarbeit mag aufgesetzt wirken, ist es aber nicht. Denn sie zwingt den Zuschauer, die Zuschauerin, sich der Frage zu stellen: Spende ich oder tu ich's nicht? Und warum oder warum nicht? Der Stand der Kreuzgemeinde hatte an der Premiere einen schweren Stand neben der Bar, und die Spendenurnen schienen wenig Beachtung zu finden. Ein Barometer zeigt den aktuellen Spendenstand an - und stellt bei jeder Vorstellung erneut die Frage: Soll ich, soll ich nicht? Das Programmheft vereint kluge und kritische Texte, die über das Stück mit den intelligenten Dialogen hinausreichen.

Drinnen ist es ebenso peinlich, gut zu sein, wie schändlich, nicht gut zu sein. Fünf Menschen treffen sich in einem Garten, der kühlen Vorortchic verströmt (Ausstattung: Gregor Sturm), um ihren Anlass zu retten. Jetzt müssen sie selber ran, denn die Promis haben abgesagt. Bald wird deutlich, wie unterschiedlich ihre Begabungen sind und ihre Motive zu helfen. Gemeinsam ist ihnen nur das Halbwissen über Afrika und die Fähigkeit, hinter jedem Wort des andern versteckten Rassismus zu wittern. Rasch fliegen laute Worte.

Moral und Ratlosigkeit
Da ist Eckhard, Gastgeber und Grillmeister. Im Flammenleibchen, das an Afrika erinnert, schwingt er wie ein Prediger die moralische Keule, bis den andern und dem Saal der Atem stockt - Otto Edelmann in Höchstform, unüberbietbar. «Willst du das wirklich so machen?», fragt der junge Leo (Philip Heimke). Rainer weiss nicht einmal, ob Sierra Leone an der West- oder Ostküste Afrikas liegt; Ralf Beckord gibt ihn als Ignoranten, der plötzlich eingesparte Cocktails mit Spendengeldern aufrechnet. Eine schüchtern-emotionale Julia Philippi als Eva sitzt im Rollstuhl, fegt aber quer über die Bühne und lästert über die «scheiss Kalenderspruchrhetorik». Bleibt Christine, die coolste von allen. Monika Wiedemer bietet neben Heimke das körperlich präsenteste Spiel.

Wie Eckhard beim Essen Patenonkel werden will und sich beim Kinderangebot für Pablo entscheidet, sagt Eva: «Schau mal, das Mädchen hier hat keine Arme. Warum hast du nicht das Mädchen genommen?» Oder beide? Oder keins? Die Fragen bleiben.