26.03.2012, Südkurier

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Das richtige Leben im falschen


Das Theater Konstanz spielt in der Spiegelhalle Brechts anti-nationalsozialistisches Gräuelmärchen „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe"

Rudolph Moshammer spielt auch mit. Er steht etwas steif in der Kulisse, einer Art Einkaufsmall fürs Prekariat (Bühne: Achim Naumann D'Alnoncourt), den Yorkshire Daisy auf dem Arm, die schwarze Perücke tief im Gesicht. Daneben ein zweiter guter Bekannter, ausgestattet mit mörderischem Kragen und dunkler Brille, Karl Lagerfeld. So kennt man beide. Sie reden auf die Zuschauer in der Spiegelhalle ein, züngeln spektakulär, aber niemand hört sie. Ihre Stimmen kommen als Fertigprodukt aus der Box. Sie sind anwesend, aber zugleich weit weg. Moshammer & Lagerfeld stehen für kein Firmenlabel, sondern für einen anderen Topos: Reichsein. Und dass sie so furchtbar einträchtig zusammenstehen? Man weiß ja, Reich und Reich gesellt sich gern.

Das wusste natürlich auch Bertolt Brecht, der diesen Gemeinplatz in den Untertitel seines Gräuelmärchens „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe" auf- und damit die Pointe leider vorwegnahm. Aber unabhängig davon weiß der gemeine Theaterbesucher, was er vom Meister des Lehrstücks zu erwarten hat: Anweisungen für das richtige Leben im falschen. Sein „Gräuelmärchen" gehört zwar nicht zu den ausgewiesenen Lehrstücken, aber es kommt nicht ganz ohne Merksätze aus, heißt es doch am Schluss der Konstanzer Inszenierung von Martin Nimz: „Sie leben beide. Doch zum Essen setzt sich der / Und der geht weg und schafft das Essen her". Unschwer zu erkennen, wer da fett am Tisch sitzt. Das war so, das ist so. Dagegen hilft keine Theater-Rebellion.Die erste Fassung der „Rundköpfe und Spitzköpfe" entstand 1932, die Uraufführung erfolgte 1936 in Kopenhagen. Da hatte Brecht seine Heimat schon verlassen. Das Stück gilt als erster Reflex des Dramatikers auf die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Brecht entwirft hier eine Parallelgesellschaft in dem Irgendwoland Jahoo: Die Politik ist ratlos, die Wirtschaft ohne Perspektive, die Zahl der Arbeitslosen wächst mit gleicher Geschwindigkeit wie die Unzufriedenheit der Menschen. Soziale Unruhen drohen. Eine neue Kraft muss her - im „Reich" übernimmt diesen Job der „Führer", in Brechts Stück schicken die Mächtigen Angelo Iberin in die Bütt. Der neue starke Mann - in Konstanz eine Frau, Kristin Muthwill - kennt die Ursache allen Übels. Er macht einen Fremdkörper im Volke aus: die Spitzköpfe. Sie nehmen den „der Scholle verwachsenen" Rundköpfen die Butter vom Brot. Nicht Reich unterdrückt Arm, lautet die neue Doktrin, sondern des Kopfes Form scheidet Gut und Böse, Tschuchen und Tschichen.

Nein, hier irrte der luzide Marxist Brecht, dem Hitler als Modell für Iberin diente - Muthwill rollt hochbegabt die Rhetorik des „Führers" aus, mit der Chaplin-Melone auf dem Kopf, gehört ihr „Großer Diktator" ins schöne Fach der Karikatur. Rassenhass und Rassenverfolgung, die in seinem Stück als kapitalistischer Trick verharmlost werden, waren (und sind) keineswegs nur ein Vorwand für die „Klassenfrage". Das „Tausendjährige Reich" hat Brecht eines Besseren belehrt - nachzusehen in der Parabel des (un)aufhaltsamen Aufstiegs von „Arturo Ui", geschrieben 1941. Mit dem Holocaust hatten die „Rundköpfe und die Spitzköpfe" eigentlich ausgespielt. Das erklärt auch, warum das Stück selten auf den Spielplänen steht.

Das alles weiß Nimz. Der Regisseur präsentiert nicht, sondern er erarbeitet daher Brecht. Er verpasst seiner Inszenierung das bunte Kostüm der Commedia dell'arte, dazu gehört die Parodie auf Typen wie Moshammer oder Lagerfeld (Thomas Fritz Jung und Frank Lettenewitsch); er baut die Pächter-Truppe, die unter dem Herrn de Guzman (Klaus Redlin) leidet, zeitgemäß in Franchise-Unternehmer um - wobei sich unser Mitleid mit ihnen in Grenzen hält; das Pferd, das der so wendige wie windige Hamburger-Pächter Callas (großartig Odo Jergitsch) im Original begehrt und das zum Streitfall wird, ist nun ein stinkender Traktor. Moderne Zeiten halt.

Nimz gelingt ein launiger, aber auch lauter Theaterabend - dabei versteht sich die Commedia dell'arte auch als Text dienendes Spaßtheater. Er hat willige Schauspieler, die gleich mehrere Rollen bekleiden, „Rundkopf" Lettenewitsch ist als Vizekönig, Pachtherr und als Richter unterwegs; Susi Wirth macht als Callas' Frau, als Puffmutter und als Oberin was her; an eine reife Pipi Langstrumpf erinnert Jessica Rust als flotte Nutte Nanna; filmreif Max Hemmersdorfer als überdrehter Anwalt. Musik gab's auch: Felix Rösch hat die Kompositionen von Hanns Eisler bis zur Unkenntlichkeit neu arrangiert. Warum auch nicht. - Nach drei Stunden Bühnenarbeit wirkt der Beifall des Premierenpublikums allerdings arg matt. Begeisterung tönt anders.