12.06.2012, Südkurier

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Verschärfte Fragen


In einem der sehr lesenswerten Texte im Programmheft zum Stück „Welt 3.0 – Maschinerie Hilfe“ fragt sich Thomas Spiekermann, warum die Kunst nicht längst als elementarer Faktor in die Entwicklungshilfe einbezogen worden sei. Zumal im Fall Afrikas, wo Theater tatsächlich bei den Menschen ankommt. Schließlich wagt er die Behauptung, dass abstrakte Themen, zu denen er demokratisches Verständnis oder Kampf gegen Korruption zählt, am besten über die Kunst vermittelbar seien. Ganz sicher fließt in die Worte des Chefdramaturgs des Konstanzer Stadttheaters auch die Erfahrung ein, die er selbst während der dreijährigen Kooperation„Crossing Borders – von See zu See“ des Theater Konstanz mit dem malawischen Theater NanzikambeArts gesammelt hat. Vor allem in den zwei Jahren, in denen er zusammen mit den weiteren Autoren Clemens Bechtel, ThokoKapiri und Misheck Mzumara das Stück erarbeitete. Denn, wie es weiter heißt im Text, vermag „der langfristige Diskurs zwischen Menschen verschiedener Kulturen und durch das Medium der Kunst Verständnis für andere Strukturen und Inhalte fördern.“
Das Stück selbst scheint Spieckermanns Worte zunächst zu konterkarieren. Nicht weil es abstrakt daherkommen würde. Die auftretenden Personen sind zwar eher Typen denn Individuen, doch der menschliche Faktor ist deutlich spürbar. Susi Wirth als kettenrauchende NGO-Projektkoordinatorin, die dazu verdammt ist, stets das Gute zu wollen und fast immer das Böse zu schaffen, Noah Bulambo als Chief des Dorfes, dessen Bewohnern der Segen der

Elektrizität versprochen wurde und der zwischen den Interessen zerrieben wird. Gerade die Szenen im Dorf lassen die scheinbar oder anscheinend ausweglose Situation ins Auge springen. Wo sich die einen Fortschritt versprechen, werden die anderen eingeschränkt. Und profitieren wieder andere. Die Szenerie ähnelt den schier endlosen Diskussionen hierzulande bei der Diskussion neuer Straßen. Nur dass es in diesem afrikanischen Dorf um gesellschaftliche Verwerfungen geht.
Im Stück, das in der Spiegelhalle des Konstanzer Stadttheaters Uraufführung hatte und das nach seiner Spielzeit am See durch alle großen Städte Malawis ziehen wird, geht es um den Stellenwert von Entwicklungshilfe, einer mindestens ebenso komplizierten Materie wie Straßenplanung in Deutschland. Deshalb durchkreuzt das Stück in gewisser Weise Spieckermanns Worte. Die Inszenierung und mit ihr das Agieren der Schauspieler beider Seiten befördern bewusst kein Verständnis im Sinne der Synthese zweier sich widersprechender Standpunkte, sondern scheint die Gegensätze und die Probleme noch zu verschärfen. Eines Tages explodiert die Turbine im Dorf, im Laufe der Bauarbeiten wird fast ein Kind überfahren, der deutsche Gutmensch Uwe schwängert die Tochter des Chief und kehrt nach Deutschland zurück.
Clemens Bechtel und Thoko Kapiri haben als Regisseure wechselnde Formen gefunden, um diese Geschichte der unterschiedlichsten Interessen und Sichtweisen zumeist auch kurzweilig zu erzählen. Es gibt den Erzähler von Misheck Mzumara, welcher der nicht unkomplizierten Geschichte eine klare Struktur verleiht und sogar Humor mit ins Spiel bringt. Da gibt Julia Philippi – neben der PR-Managerin, die von Deutschland aus versucht, das Projekt zu retten, weil man hier schließlich auch verdienen will – mit Mikro und weißblonder Bob-Perücke den Madonna-Verschnitt als Paradebeispiel – für ein selbstherrlich-eitles Marketing in eigener Sache unter Zuhilfenahme dunkelhäutiger Babys. Immer wieder steigt die Schauspielerin aus ihrer Rolle aus, um ihre Wut über die sich als Helfersyndrom kaschierende zynische Verkommenheit hinauszuschreien. Das hat etwas Befreiendes.
Gute Kunst stellt Fragen und hält sich mit Antworten zurück, so heißt es. So erinnert das Bühnenbild von Till Kuhnert und Michael Bauleni an eine Installation aus Tafelbildern, die dem afrikanischen Kontinent ein Bild geben. Die Inszenierung ist keine leichte Kost, man muss offene Fragen ertragen können, drängende Fragen. So kann Theater aussehen, das bei den Menschen angekommen ist. Viel Beifall.


© Ilja Mess