12.06.2012, Schwäbische Zeitung

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Entwicklung, jein danke


Die Republik Malawi erstreckt sich entlang des Malawi- Sees. Der ist neun mal so groß wie der Bodensee und steht auf Platz neun der Weltrangliste großer Binnengewässer. Bei uns ins Fernsehprogramm schafft es der Staat im Südosten Afrikas aber nicht einmal, wenn es um die Naturwunder dieser Welt geht. Das gilt auch für die politische Berichterstattung. Als 2010 der amtierende Präsident plötzlich auf sämtliche Entwicklungshilfegelder verzichtete, damit ein Drittel seines Staatshaushaltes einbüßte und die aus dem wirtschaftlichen Niedergang resultierenden Proteste blutig niederschlagen ließ, erfuhr man in Deutschland kaum etwas davon. Malawi liegt nicht im Blickfeld der mitteleuropäischen Berichterstattung. Für das Theater Konstanz aber liegt es im Fokus des Interesses. Die Konstanzer kooperieren schon seit drei Jahren mit dem Nanzikambe- Theater im südlichen Teil des Landes, haben die aktuelle Spielzeit ganz unter das Motto „Afrika – in weiter Ferne so nah“ gestellt und zum Abschluss einen Projektabend zu den Problemen von Entwicklungshilfeprojekten vorgestellt. Von deutscher Seite aus waren Regisseur Clemens Bechtel und der Konstanzer Chefdramaturg Thomas Spieckermann unterwegs. Aus Malawi kamen als Autor Mishek Mzumara und als Regisseur Thokazani Kapiri dazu. Sie haben ein auf eigenen Recherchen basierendes Stück mit dem Titel „Welt 3.0 – Maschinerie Hilfe“ geschrieben. Es geht um die Einwohner eines kleinen Dorfes und wie sie auf das sogenannte Powerhaus reagieren. Es soll Strom erzeugen, fliegt aber zuerst einmal in die Luft. Man lernt das Dorfleben kennen und bekommt mit, was Entwicklungshelfer alles sein können: verschämte Idealisten, überforderte Budgetjongleure, kalte Zyniker, Helfer mit herrenmenschlicher Attitüde. Im Gegensatz zu ähnlichen Projekten nähert man sich einem schwierigen Thema tatsächlich über Figuren und Geschichten. Da ist ein Entwicklungshelfer, der enthusiastisch die Welt retten will und sich in die Tochter der Dorfchefs verliebt. Sie wird schwanger. Ist das Liebe? Oder ist die junge Frau nur hinter seinem Geld her? Der in das Projekt involvierte Ingenieur dagegen hat schon zu oft erlebt, wie Entwicklungshilfegelder in Korruptionskanälen versandeten oder traditionelle Strukturen zerstörten. Er ist der Zyniker des Teams, während die Projektkoordinatorin (Susi Wirth) das Beste aus der Situation machen will. Man hat sich bemüht, alle Probleme einzuarbeiten, die Hilfsprojekte vor Ort produzieren. Ein Mitarbeiter etwa fährt einen Jungen an, und schon steckt die Teamleiterin im Netz der Korruption. Der Dorfchef will Geld sehen, nur dann geht die Arbeit am beschädigten Powerhaus weiter. Solche Geschichten könnten die Stärke des Konstanzer Projekts sein, konnte man doch tatsächlich Erfahrungen vor Ort einarbeiten. Da vier Autoren geschrieben haben, wirkt der Text aber auch inhomogen und thematisch überladen. Das hat für die Uraufführung Konsequenzen, in der man zum ersten Mal ein gemischt malawischdeutsches Ensemble auf der Bühne sieht. Geht es um die Dorfszenen, hat der Abend dank Noah Bulambo, Otooli Masanza, Jeremiah Mwaungulu, Mishek Mzumara, Dipolathu Katimba Atmosphäre. Sie agieren mit angenehmem Understatement und verlieren sich nicht in folkloristischen Eskapaden. Clemens Bechtel und Thokozani Kapiri haben aber kein Mittel gefunden, den deutschen Schauspielern ihre Figuren näherzubringen. Vor allem Thomas Ecke ist als Ingenieur eine Art Dschungelcamp-Aspirant, ein kalter Zyniker ist er nicht. Dass der Abend zunehmend problematisch wird, hat auch mit dem Bühnenbild und der Ausstattung zu tun. Michael Baulenis verstellt die Spielfläche mit kunsthandwerklichen Objekten, und Till Kuhnert hat die Entwicklungscrew ausstaffiert, dass man sie für Touristen in einem Erlebnispark „Afrika” halten kann. Ganz aufs falsche Gleis gerät die Konstanzer „Welt 3.0“, sobald der Abend zu einem Bashing westlicher Gutmenschen ausholt, die Geld spenden oder wie Madonna Kinder adoptieren und dabei nichts von dem Land wissen, in dem sie doch nur eigene Interessen durchsetzen. Da wirkt das Theater plötzlich sehr angestrengt und als wolle es beweisen, dass es sich mit seinem Malawi-Projekt auf der politisch korrekten Seite der Hilfe-Maschinerie bewegt.


© Ilja Mess