13.06.2012, dpa

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Entwicklungshilfe für Anfänger - «Welt 3.0» uraufgeführt


Wie befreit strahlen die Gesichter der neun Darsteller unter dem Schlussapplaus. Schwarz und weiß stehen hier Hand in Hand, fünf Schauspieler aus Malawi in Südostafrika, vier aus Konstanz. Die Uraufführung von «Welt 3.0 - Maschinerie Hilfe» setzte den Abschluss unter eine dreijährige Zusammenarbeit des Theaters Konstanz mit Nanzikambe Arts aus Malawi. Sie schloss das Projekt «Crossing Borders - von See zu See» ab. Gefördert wurde die Inszenierung von der Kulturstiftung des Bundes.
Nicht nur die Schauspieler, auch die Autoren und die Regisseure Clemens Bechtel und Thoko Kapiri kommen aus beiden Welten. Über acht Wochen lang haben sie zusammen gearbeitet und gelebt. «Es war nicht einfach, nicht für die Schauspieler und nicht für uns,» bekennt Thoko Kapiri: «Deutsche Schauspieler stellen zu viele Fragen, anstatt einfach zu versuchen.» - Aber natürlich stellen sie Fragen. Denn starker Tobak ist der Stoff: Entwicklungshilfe und Geld. Wie ist es richtig einzusetzen? Kann es überhaupt sinnvoll eingesetzt werden, ohne bestehende Strukturen zu gefährden? - Und wo verläuft die Grenze zur Korruption?
Diese Fragen werden auch im Stück gestellt, einer fiktiven Story, die eine reale Vorlage hat. Von drei Projekten, welche die Theatermacher im März 2012 in Malawi besucht haben, wurde ein Stromprojekt zur Blaupause, wie der Konstanzer Chefdramaturg Thomas Spiekermann erklärte.
Gespielt wurde in Konstanz dreisprachig, mit deutschen Untertiteln. In Deutsch, Englisch und Chichewa, eine der vielen Sprachen Malawis. Erzählt wird auf drei Ebenen: Die deutsche Organisation, die hierzulande Spendengelder einwirbt und Projekte plant. Die Organisation in Afrika. Und drittens das Dorf, in dem das Ganze dann umgesetzt werden soll. Ein kleines Kraftwerk («Powerhouse») ist geplant, verwirklicht werden soll es unter tatkräftiger Mithilfe der Dorfbewohner, die dafür Land und Arbeitszeit zur Verfügung stellen sollen. Gratis natürlich. Allein mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Die Hilflosigkeit oder auch die Verlogenheit der Helfer werden in Form der Projekt-Koordinatorin und des zynischen Ingenieurs dargestellt. Dazu kommt der Freiwillige, der außer gutem Willen nichts mitbringt. Und diese drei stoßen dann auf das reale Afrika, das rein gar nichts mit den gewohnten Afrika-Welten unserer Filme («Jenseits von Afrika») und Musicals («König der Löwen») zu tun hat.
«Wir spielen hier nur Theater». Diese Botschaft wird offensiv transportiert. Immer wieder reflektieren die Schauspieler ihre Rolle. Und sie spielen mit den Erwartungen und Klischees der Zuschauer: «Wo bleibt der Elefant?» Am Ende scheitert das Projekt, und das Licht bleibt aus. Die Fortsetzung der Geschichte spielt in Afrika: Denn nach der letzten Aufführung in der Konstanzer Spiegelhalle am 7. Juli reist das gesamte Ensemble nach Malawi. Dort wird durch das Land getourt, mit einfachsten Mitteln überwiegend im Freien gespielt.


© Ilja Mess