13.05.2013, Südkurier

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Zerrbild mit zwei Höllenhunden


Von MARIA SCHORPP

Max Frischs' „Biedermann und die Brandstifter" erweist sich am Konstanzer Stadttheater als wahrer Klassiker

Tausendmal sei ihm die Frage gestellt worden, wen er mit den beiden Brandstiftern im Auge habe. Die Nazis oder die Kommunisten? Max Frisch gab eine nicht wirklich überraschende, diesbezüglich unentschiedene Antwort: Die beiden treibe die pure Lust am Zündeln an. Apolitische Pyromanen seien sie. Und dann sagte er noch, eine Parabel, und das ist „Biedermann und die Brandstifter", erhalte ihre Bedeutung „erst durch die Konfrontation mit den brennenden Problemen der Gegenwart an dem Ort, wo sie gespielt wird".

Und in der Tat schaut das Publikum in der Konstanzer Inszenierung von Frischs Stück, das in seinen allerersten Anfängen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammt und 1958 in Zürich uraufgeführt wurde, zwei amüsanten Teufeln zu. Stefan Faupel als Ringer Schmitz und Jonas Pätzold als Kellner Eisenring beherrschen die Perfidie, dass es einen gruseln kann. Schon Max Frisch beweist im Stück, dass er dieses gemeine Spiel mit den Schwächen der Menschen bis auf den Grund durchschaut hat. Wie die beiden Schauspieler dies in der Regie von Sascha Bunge in heutige Figurensprache übersetzen, ist grandios.

Biedermann? Wer versteht sich heute noch als Biedermann, wo wir doch das Bild von aufgeklärten und informierten Bürgerinnen und Bürgern von uns haben. Auch Frischs Gottlieb Biedermann liest die Zeitung. Zum Schluss, dass sie alle aufgehängt gehörten, die Brandstifter, würden wir uns in Zeiten der politischen Korrektheit nicht mehr hinreisen lassen. Wie überhaupt Frischs Lehrstück ohne Lehre heute oszilliert zwischen Aufklärungsehrgeiz der Nachkriegszeit und Zeitlosigkeit.

So ist das Bühnenbild im Konstanzer Stadttheater auch gehalten in diesem Chic der Wirtschaftswunderära, der uns heute so deprimiert. Angelika Wedde hat die tapezierten Wände in Ockergelb gehalten und Babette, Biedermanns Frau, sowie das Dienstmädchen Anna der Zeit entsprechend eingekleidet. Gerade bei letzterer, die von Jessica Rust formidabel überzeichnet wird, geben das schwarze Petticoat-Kleid und die übertrieben in die Stirn geformte Tolle durchaus Anlass zum Nachsinnen.

Es ist ein Abend schauspielerischer Glanzstücke. Jana Alexia Rödiger spielt Frau Biedermann als Fabrikantengattin, deren Alltag durch die Bruchstellen, die sie in ihrem schönen Heim zusammenzuhalten hat, zur unfreiwilligen Komödie geworden ist. Dabei hat Sascha Bunges kluge Regie Frischs Leerstellen keinesfalls mit zu viel Psychologie, aber auch wenig politischen Anspielungen aufgefüllt. Es wird nicht erklärt, sondern aufgezeigt. Was zu sehen ist, ist nach wie vor dazu angetan, gelinden Schrecken zu verbreiten.
Warum dieser Biedermann sich beharrlich weigert, das Offensichtliche ernst zu nehmen? Aus den Benzinfässern auf dem Dachboden, der Lunte und den Zündhölzern sowie den unmissverständlichen Reden der beiden in den Höllenfarben gekleideten Eindringlinge den einzig möglichen Schluss zu ziehen? Bunge zeigt jedenfalls Menschen, die es verstehen, sich den Bedingungen ihres Daseins aufs Vorteilhafteste anzupassen. Mit Schläue lässt es sich auch leben, wie Jessica Rust als kleines Teufelchen so amüsant vorführt. Herr Knechtling, der sich nicht abfinden wollte, war nicht schlau, deshalb ist er tot. Am schlausten aber sind Schmitz und Eisenring.

Es kommt einer Kränkung gleich, so dumm lässt die Inszenierung die Biedermanns am Ende dastehen. Zum Gespött der beiden Höllenhunde geworden. Dabei wollte Biedermann, als er die beiden ins Haus ließ, besonders clever sein. Thomas Ecke gibt den verunsicherten Bürger, der den entschlossenen Geschäftsmann mimt und der weiß, dass er bei seiner Publikumsansprache die „Damen" nicht vergessen darf. Er will alles richtig machen und verliert dabei seinen Verstand. Besonders schön gemeinsam mit Jana Alexia Rödiger beim Gansessen zu sehen. Ein herrlich schauriges Schauspiel. Ob die Inszenierung mit dem offensichtlichen Versuch, den NSU-Terror zu vertuschen, in Verbindung gebracht werden muss? Jein. Die Inszenierung hat es mit ihrem herausragenden Ensemble, ergänzt durch Raphael Fülöp und David Süßmilch, geschafft, einen ziemlich abgenudelten Klassiker wieder mit Inhalt zu füllen, der aufmerksam macht. Und das in der Manier eines Klassikers: als Zerrbild des bürgerlichen Menschen.