Mutter Courage in Kurdistan - oder wenn der Krieg eine Pause macht



von Christoph Nix

Nachts sitzen unsere Bühnentechniker und Schauspieler mit den Soldaten vor dem Theater, sie schwatzen mit Händen und Füßen, trinken Tee und unsere Beschützer zeigen der „stummen Kathrin", wie man das Magazin eines Schnellfeuergewehrs wechselt. Wenn Alissa oder Kristin sich weigern, solch ein Gewehr zu berühren, dann lachen die Männer, so wie solche Männer lachen, verständnisvoll und überlegen zugleich.

Es ist eine liebevolle Stimmung, im September 2011 nach dem Krieg, wir haben zwei Stunden gespielt, aber das Publikum hat das gesprochene Wort nicht verstanden, obwohl Heimkehrer aus Deutschland im Auditorium sitzen, auch Deutsche, wie der missmutige Generalkonsul und Vertreter der bundesrepublikanischen Wirtschaft, um sich Brecht zumuten zu lassen. Es gibt eben Leute, die bleiben unerreichbar, was haben sie nur gelernt auf ihren diplomatischen Akademien: dass Kultur im Feuilleton steht.

Im Programmheft des Internationalen Theaterfestivals von Erbil steht etwas anderes: here is civilization, humanity an art, creative art, new systematic renovation a talent.

Als die Mutter Courage, gespielt von der Isländerin Solveig Arnardottir, ihre Tochter Kathrin (gespielt von Kristin Muthwil) tot im Arm hält, springen die über 700 Zuschauer auf und klatschen, kurz und heftig, einmal, aber sehr heftig, wie es ihrer Tradition entspricht.
Wir sind glücklich, die Schauspieler und der Regisseur, die Kollegin von Ton und Licht, die Anspannung hat sich gelöst und doch wissen wir nicht wirklich, ob die Szenen von Vergewaltigung und Sexualisierung zuviel waren für ein islamisches Land, zuviel auslösten an Schmerz, zuviel rührten am Tabu, das uns fremd bleiben wird. Der Norden des Irak ist liberal, wird von den Kurden offen gehalten und doch sind wir in einem Land, in dem die Frauen wenig vorkommen auf der Strasse und in der großen Literatur.

Ein Theaterfestival hat gerade stattgefunden, mit Gruppen aus der Schweiz (Sensitive Chaos), Schweden (Fröken Julie), Griechenland (Meta-The end of the world), Italien (Mato de Guera), Frankreich, Polen und dem südlichen Irak. Theaterleute aus gesicherten Verhältnissen treffen auf Kollegen, die sich ihres Lebens nicht sicher sein können. Viele kleine Freundschaften sind entstanden mit den Iranern, mit japanischen Tänzern, mit den Busfahrern, den Platzanweisern und erst recht mit den Teilnehmern der Workshops.

Johannes hat an der deutsch-irakischen Schule einen Theaterworkshop gegeben für Viertklässler, die sich nichts mehr wünschten, als nach Hause, nach Deutschland zurück zu kehren. Ich habe mit Professoren und Studenten der „Fakultät Theater" Szenenunterricht nach Augusto Boal gegeben, den Narren im Norden des Irak gesucht und Brüder gefunden.
Als an unserem letzten Abend in Erbil die Theatergruppe aus Bagdad auftrat
und das Stück spielte „ Democracy in the orient - A Sickness by Heiner Müller The Horatier", da war es still, so still wie selten auf dem Festival in Erbil.

Wieder ist es die Nacht, die es kühl werden lässt, wieder entdecken wir einen neuen Ort, den Campus der Kunstuniversität und wieder fällt der Strom aus, wieder geht das Licht an und vier große Geländewagen fahren auf das Spielfeld: Ein Mann im Anzug springt heraus, gekleidet wie alle Männer, alle Politiker vom Orient bis zum Okzident. Dann folgen ihm andere, starke junge arabische Spieler, in Unterwäsche gekleidet und es eröffnet sich eine große Choreographie, zunächst und lange Zeit ohne ein einziges gesprochenes Wort. 11 oder 12 Schauspieler kämpfen um einen Platz, sichern sich einen Stuhl, endlich ein Platz in der Mitte, ein Platz im Parlament, besser noch in der Regierung, im Mittelpunkt, an der Macht, und wir sehen zum x-ten Male das Spiel des Mannes mit dem Stuhl, sie könnten Clowns sein, aber sie wollen die Macht, Stühle fliegen, werden wieder aufgefangen, Männer springen und landen, tanzen, als sei nichts geschehen. Nein, Männer weinen nicht, besonders nicht im Orient, und dann beginnt gesprochener Text, mit ihm der Auftritt der Frau: die Protagonistin, die Anklägerin, die Wäscherin, beschämt und sie kämpft, unterliegt, unterliegt doch nicht.
Theater aus Bagdad, in arabischer Sprache, die hier kaum einer versteht, großes Theater, kraftvoll und wütend, geboren aus der Verzweiflung, erst vor drei Tagen ist einer aus der Gruppe erschossen worden, zu Hause in der Küche: Democracy in the orient.
Dr. Haytham Abdulrazaq hat diese Inszenierung zu verantworten. Wir müssen uns diesen Namen merken, auch wenn es uns schwer fällt, denn er hat etwas zu sagen und er arbeitet unter lebensgefährlichen Bedingungen, vielleicht nicht hier in Erbil, aber in Bagdad, er kämpft mit seinen orientalischen Männern und der anmutigen Frau für ein Theater unter demokratischen Verhältnissen, mit den besten ästhetischen Mitteln der Schauspielkunst.

Wenn wir später einmal sagen, wir hätten nichts davon gewusst, lag es auch an unserer Presse in Europa, der dieses, eines der vielen Theaterfestivals einen weiteren Vorbericht nicht wert war, zu weit, vielleicht, keine Sendezeit, vielleicht keine Hotels wie in Salzburg oder Avignon, ganz sicherlich.

Wir duften Brecht spielen im Orient, wir haben keinen Pfennig von der Deutschen Kulturverwaltung dafür bekommen, nur der ehemalige Außenminister Frank Steinmeier hat uns eine Geldspende aufgetrieben, weil er sagte, Erbil sei eine große Hoffnung. Wir waren mit über 20 Personen - Azubi und Inspizientin, Schauspielern und Technikern - da, das war ein Geschenk. Einen haben wir zurückgelassen, den Bühneninspektor Sebastian Schnorr, der wartet noch auf den LKW, der nicht kam, und wir haben nicht genug Geld, um unsere Licht- und Tonanlage dort zu lassen. Unseren christdemokratischen Kulturbürgermeister haben wir wieder mitgebracht - und wir sind uns einig, der Islam ist Teil einer großen, internationalen Theaterkultur: Das Frühjahr kommt! Wach auf, Du Christ! Der Schnee schmilzt weg! Die Toten ruhen ! heißt es am Ende bei Brecht, und den Rest lassen wir heute einmal weg.


Prof. Dr. jur. Christoph, Intendant Theater Konstanz

22. September 2011