12.05.2012 | Stadttheater

Grete


nach Goethes Faust
REGIE: Anja Gronau


Eine Schauspielerin stürzt auf die Bühne - und wir befinden uns mitten in einem Theaterstück, das so packend, so fasziniernd, so lustig, traurig, liebevoll, empathsich, rionisch, berührend, begeisternd war, dass man nach dem Schlussapplaus zu nichts anderem Lust hatte, als es noch einmal zu sehen, von vorne bis hinten (Badische Zeitung)

Ausgezeichnet mit dem Friedrich-Luft-Preis 2004 der Berliner Morgenpost und dem Ersten Preis beim 4. Internationalen Monodrama-Festival THESPIS 2004 in Kiel. Eingeladen zu IMPULSE 2005.

Scheitern und zu Grunde gehen - diese Unbedingtheit im Handeln, nicht nur alle Schranken der bürgerlichen Existenz, sondern alle Bedingungen des Lebens selbst hinter sich zu lassen, formuliert Faust. Gretchen handelt danach.
Gretchen bricht aus den gesellschaftlichen Normen aus und durchlebt die große Tragödie der Verstoßenen. Sie zieht ihre Familie ins Unglück, wird zur Mörderin am eigenen Kinde und befreit sich, indem sie nicht, wie Faust ihr anträgt, flieht, sondern sich ihren Taten stellt. In Faust II wird sie, die durch die Bedingungslosigkeit Erlöste, zur Erlöserin des verblendet gescheiterten Faust.
GRETE untersucht, welche Möglichkeiten der heutigen Aneignung diese Frauenfigur zwischen Hingabe und Auflehnung, jenseits des Klischees vom blondzopfigen Mädchen, bietet.

Gretchen im klassischen Outfit mit Dirndl und blondem Zopf, voll Anmut und kindlichem Liebreiz, vielleicht ein bisschen schlicht, dafür aber noch in der Rolle des Opfers gradlinig und fromm - so oder so ähnlich lautet das Klischee der bekanntesten Jungfer deutscher Theaterseligkeit. Die Regisseurin Anja Gronau und die Schauspielerin Claudia Wiedemer geben dem Gretchen einen Abend ohne Rücksicht auf Faust und zeichnen Goethes berühmte Frauenfigur jenseits der gängigen Bilder als einen heutigen Menschen im Wechselspiel zwischen Hingabe und Auflehnung. „Es wird mir so, ich weiß nicht wie." Gretes Welt verändert sich von Grund auf, sei es wegen der Liebe oder der Freiheit, auch um den Preis des radikalen Scheiterns. Fausts Credo, im Handeln nicht nur aus den Grenzen der bürgerlichen Existenz auszubrechen, sondern alle Schranken des Lebens selbst hinter sich zu lassen, findet in Grete seine wahre Entsprechung: Sie steht mit voller Überzeugung, trotz der realen Umstände, für ihre Ideale ein.
Die Inszenierung GRETE ist neben JOHANNA und KÄTHE Teil einer "Trilogie der klassischen Mädchen", die Anja Gronau und Claudia Wiedemer im Berliner "Theater unterm Dach" in Folge gemeinsam erarbeitet haben. Als "beste Berliner Aufführung" erhielt sie den Friedrich-Luft-Preis; die Jury bezeichnete die freie, aber erkennbar auf Goethes „Faust" basierende Arbeit als „Suche nach dem unzerstörbaren Kern menschlicher Existenz und Ermunterung zu seiner Verteidigung". Mit beeindruckender Phantasie haben Regisseurin Anja Gronau und die Grete-Darstellerin Claudia Wiedemer durch Rückgriffe auf die Grundelemente des Theaterspiels einen Abend komponiert, der die Figur der Grete originell, konsequent und gegenwärtig in den Mittelpunkt rückt.

MIT: Claudia Wiedemer

© Marcus Lieberenz