05.10.2012

Die Stunde da wir nichts voneinander wussten


Peter Handke


Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen in Peter Handkes Stückvorlage ohne Sprache. Figuren betreten einen Platz, verweilen, agieren begegnen einander, sind sich behilflich, stehen sich im Weg, finden zusammen und trennen sich. Nichts scheint von Bedeutung. Und doch bildet sich auf dem Platz nach und nach eine kleine Gesellschaft. Ohne Abbild zu sein. Nicht Namen, Biographien oder das Gesagte formen Figuren, sondern nur das Ausführen von Handlungsanweisungen.

Ausgehend von Handkes Stück über Begegnungen konfrontiert eine Gruppe von Tänzern und Schauspielern den Zuschauer mit Bildern einer fremdenfeindlichen Gesellschafts-struktur. Die Konflikte um deutsche Einwanderer in die Schweiz erwecken immer öfter den Anschein, als seien sich Deutsche und Schweizer fremd. Dabei sind wir einander ähnlicher als uns lieb ist. Unsere Sprache und unsere Kultur unterscheiden sich bei genauerem Hinsehen nur im Detail. Was aber bringt Schweizer wie Deutsche immer wieder dazu, misstrauisch die Unterschiede hervorzuheben? Nicht nur untereinander, sondern auch im Umgang mit anderen Kulturen. Doch anstelle nach Gemeinsamkeiten zu suchen, betonen wir das Fremde und belegen es mit Vorurteilen - sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz.

Choreograph und Regisseur Martin Stiefermann hat mit seinem Team eine Form gefunden, in der Sprache und Ausdruck von Schauspiel und Tanz sich ergänzen, sich reiben und vermischen. Die Bilder kommen und gehen - von der fast unmerklichen Ausgrenzung im Alltag bis hin zum wütenden Volksmob. Wie bei Handke scheinen sie folgenlos zu bleiben. Und doch wiederholen sie sich, folgen demselben Muster, bewegen sich nur in neuem Zusammenhang und bleiben, trotz der Konsequenzen für den Einzelnen, im Großen und Ganzen folgenlos. Ein Perpetuum Mobile unserer Angst vor dem Fremden.

 

TRAILER: DIE STUNDE DA WIR NICHTS VONEINANDER WUßTEN


© Video: Max Fürth / Titelbild: Ilja Mess


© Ilja Mess