12.10.2013 | 1 Std. 30 Min. ohne Pause

Herztier


Mario Portmann nach dem Roman von Herta Müller
Uraufführung


Rumänien zur Zeit des Ceausescu-Regimes. Eine Gruppe junger Menschen trifft sich regelmäßig zum heimlichen Lesen und Schreiben von Gedichten. Ununterbrochen von der Geheimpolizei beobachtet, können sie nur insgeheim deutsche Bücher lesen, die für sie ein hoffnungsvolles Gegenbild zur Armut Rumäniens zeichnen. Dass sie selbst Gedichte verfassen, steigert das Misstrauen der Spitzel. Der Alltag wird vom Gefühl permanenter Überwachung bestimmt; jederzeit ist mit Durchsuchung oder plötzlicher Verhaftung zu rechnen. Freundschaften zu schließen bedeutet unter den Verhältnissen einer Diktatur, das Risiko des Verrats einzugehen. Im Zwiespalt zwischen inniger Verbundenheit und dem Drang nach Ausbruch aus diesem brutalen System begibt sich die Protagonistin in Richtung Grenzgebiet und erhoffter Freiheit.

»Herztier« ist der zweite Roman der Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, die selbst 1987 Rumänien verließ. Sie zeichnet darin ein unvergessliches Bild eines totalitären, menschenfeindlichen Staates und der elementaren Gefühle seiner Bewohner zwischen allgegenwärtiger Angst und rauschhafter Liebe - einer Gesellschaft, die durch Unterdrückung und materielles Elend an ihr Ende kommt.

Nach dem Ende der Diktatur 1989 und Rumäniens Eintritt in die Europäische Union 2007 scheint es angemessen, sich nun in der Werkstatt Europa mit dem EU-Neuling und einem wichtigen Teil seiner Geschichte auseinanderzusetzen.

Öffentliche Mitteilung der Jury des Günther-Rühle-Preises bei der „Woche der jungen Schauspieler" in Bensheim 2015:

"Herztier", Theater Konstanz

1. Die Inszenierung "Herztier" vom Theater Konstanz ist uns als eine sehr stimmige Gesamtkomposition von Textfassung, räumlicher und medialer Gestaltung und einer hochengagierten Arbeit der Schauspieler in nachdrücklicher Erinnerung geblieben. Wir finden es ganz außerordentlich, wie sich diese zwei jungen Darsteller einer Diktatur-Erfahrung genähert haben, von der sie aus eigenem biografischen Erleben wahrscheinlich nichts oder so gut wie nichts wissen. Umso mehr schätzen wir, dass es ihnen gelungen ist, Klischees in der Zeichnung von Figuren und Situationen zu vermeiden, was geradezu einen Seltenheitswert hat, wenn man Produktionen aus Film, Fernsehen und leider auch aus dem Theater zu diesem Thema Revue passieren lässt. Dass Regie und Darsteller trotz des persönlichen und historischen Abstandes zum Stoff sich nicht auf ein bloßes Erzählen oder zitierendes Spiel zurückziehen, sondern versuchen, die Erfahrungen der Figuren auch emotional deutlich zu machen, finden wir sehr mutig. Die Deformationen, aber auch die Sehnsüchte der Figuren werden für den Zuschauer unmittelbar erfahrbar gemacht.

2. Eine Besonderheit dieser Produktion war für uns ebenfalls, wie die dichte Sprache Herta Müllers im Spiel der beiden physisch wird. Eine Szene ist uns besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben: die bis in die Fingerspitzen gestreckten Hände bei Lolas Partei-Ausschluss und das nochmalige Recken, um den anderen mit Einverstandenheit geradezu zu übertrumpfen. Da wird eine einzige Geste paradigmatisch für das Verhalten von Menschen in Diktaturen.

Das Theater Konstanz gratuliert dem Gewinner des Günther-Rühle-Preises 2015, dem Schauspieler Thomas Halle in der Inszenierung „Ich bereue nichts" des Badischen Staatstheaters Karlsruhe.

 

AUSSTATTUNG / BÜHNE: Mario PortmannKOSTÜME: Luise Voigt, Ausstattung, Video, SoundDRAMATURGIE: Michael Gmaj, Andreas BauerMIT: Julia Alice Ludwig, Wolfgang Erkwoh


PRESSEREZENSIONEN


17.10.2013 ? THURGAUER ZEITUNG

Hart, aber liebevoll

Ein harter Stoff, der geradezu liebevolle Hände gefunden hat, die ihn auf die Bühne geleiten und damit einem grösseren Publikum zuführen, als es vielleicht Herta Müllers Roman vermag. Eine Theaterarbeit ohne Makel.