27.09.2014 | Spiegelhalle | 2:35 h (inkl. Pause)

Amerika


nach dem Roman von Franz Kafka in einer Fassung von Thomas Spieckermann


Franz Kafkas Sehnsucht nach Freiheit und fernen Ländern entsprang schon früh die Idee, einen Roman über Amerika zu schreiben. Sein Werk blieb aber unvollendet, 1913 hat Kafka die Arbeit daran eingestellt. In dieser Zeit neigten sich die großen Auswanderungswellen aus Europa in die neue Welt ihrem Ende entgegen. Zuvor war über mehr als hundert Jahre hinweg Amerika ein bedeutendes Ventil für die grassierende Armut und Überbevölkerung in den deutschen Staaten zur Zeit des demographischen Übergangs und der industriellen Revolution.

Vor diesem Hintergrund zeichnet auch Kafka in seinem Text sein Bild von Amerika. Der junge Karl Roßmann muss aus moralischen Gründen - er hatte in Prag ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen - nach Amerika auswandern. Als Mittelloser hofft er auf den »amerikanischen Traum«, der sich zunächst auch einzustellen scheint, als er seinen reichen Onkel an der Ostküste trifft. Dieser verstößt ihn aber wieder, so dass Roßmann sich auf den Weg nach Westen macht. Hier verwendet Kafka das zweite Amerika zugeschriebene Stereotyp: das Road-Movie und die Reise in den Westen. Wie bei Kafkas anderen Romanfiguren auch erfüllen sich Roßmanns Hoffnungen nicht. Kafka sah den Kapitalismus als »System von Abhängigkeiten«; in dieses System aus Entfremdung, Perfektion und Grausamkeit gelingt es Roßmann nicht einzudringen - dabei will er doch lediglich ein »brauchbarer Arbeiter« in seiner neuen Heimat sein.

Andrej Woron wurde in Polen geboren und studierte in Warschau Malerei, bevor er nach Berlin übersiedelte und begann, am Theater zu inszenieren. Seine bildgewaltigen Inszenierungen, wie z.B. »Das brennende Dorf«, gehören seit vielen Jahren zum festen Be­standteil des Spielplans des Theater Konstanz.


© Ilja Mess