11.04.2015 | Werkstatt

Der Freie Fall nach Oben


Von: Clarissa Georgi, Jan Jarozek, Iris Musolf, Julia Philippi und Michael Semper. Text: Bastian Winkler


»Der freie Fall nach oben« zeigt ein Geschwisterpaar, das allein und abgeschottet in einer Hochhauswohnung lebt. Beide sind gehandicapt und folgen ohne eine Chance auf Gelingen einer Selbstverbesserungsideologie, die sie gänzlich gegen sich selbst, gegen ihre eigenen Voraussetzungen agieren lässt. Ottla stottert - und will Sängerin sein. Anok ist einbeinig - und will Läufer sein. Das Selbstbild als verbesserter Mensch wird ihnen zur Qual und zum Movens zugleich: In immer absurderen und gewalttätigeren Übungen scheitern sie an ihrem Anspruch. Ihrem eigenen Anspruch? Jede Identität können sie sich nur als Gegenteil dessen vorstellen, was sie sind, solange sie noch üben müssen, sie schlussfolgern: Wer falsch rum ist, muss sich umdrehen. Jede Interaktion zwischen den Geschwistern zielt darauf, ihr fremdgesteuertes self assessment aufrecht zu erhalten. Dabei leiden sie keinen Moment an der Sinnlosigkeit ihres Tuns, sondern an einem Überangebot an Sinn. Denn Antworten sind schon immer vorhanden, bevor sie überhaupt fragen können. Ihrer Welt mangelt es nicht an Propheten. In Gestalt einer banalen und aus der Populärkultur bekannten Figur tritt ein solcher auf: Arnold, das förmlich fleischgewordene Über-Ich. Arnold bringt die Sätze und Bilder mit, die Anok und Ottla wie ferne Erinnerungen erscheinen, Empfehlungen im Befehlston, die die Erschöpften erneut aufrichten und von vorn beginnen lassen.

AUSSTATTUNG / BÜHNE: Iris Musolf DRAMATURGIE: Clarissa GeorgiMIT: Jan Jaroszek, Julia Philippi WEITERE: Mit tatkräftiger Unterstützung von Annegret Bauer, Elisabeth Friedrich, Ben Liese, Tom Semper, Katinka Vahle. In Kooperation mit dem Ballhaus Ost Berlin und Der Theaterscheune Teutleben.

© Pierre-Jérôme Adjedj