26.09.2015 | 1:35h ohne Pause

Das Mass der Dinge


Neil LaBute. Deutsch von Jakob Kraut


Adam trifft auf Evelyn. Er jobbt als Aufseher in einem Museum. Sie sprüht dort einen Penis auf eine im Nachhinein mit einem Feigenblatt versehene Männerstatue. Für die Kunststudentin ist die Aktion ein Statement gegen Zensur, für Adam schlicht ein Regelverstoß. Aus den ungleichen Charakteren wird ein Liebespaar. Selbstbewusst beginnt Evelyn das Leben Adams umzukrempeln und ihn sukzessiv zu verändern. Neue Kleidung, Kontaktlinsen, Fitnessstudio sind nur der Anfang. Aus dem linkisch-schüchternen und unscheinbaren Adam wird ein attraktiver junger Mann. Adams Metamorphose fällt auch seinen Freunden auf, doch ahnt niemand, wie weit Evelyns Beeinflussung gehen wird. Der nordamerikanische Dramatiker Neil LaBute schreibt eine abgründige Satire darüber, zu welchen Grenzüberschreitungen Menschen bereit sind, um ihre Visionen zu realisieren.

WULF TWIEHAUS studierte Regie an der Hochschule »Ernst Busch« in Berlin. Neben seinen Inszenierungen arbeitet er als Dozent an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg und an der Theaterakademie Mannheim. In Konstanz inszenierte er u.a. »Tschick« und den Johnny Cash-Abend »It takes One to know me«.

Im Rahmen des Internationalen Autorenlabors mit Neil LaBute 2014 unterhielt sich der künstlerische Leiter Andreas Bauer mit dem Dramatiker über Theater, Filme und amerikanischen Ehrgeiz


Andreas Bauer: Neil, wenn man zu Deiner Person und Deiner Arbeit als Dramatiker und Regisseur recherchiert, stolpert man immer wieder über ein Zitat: „I could do that!" (dt. „Das kann ich auch!" oder "Ich schaffe das!"). Wie kamst Du zu dieser Haltung und was bedeutet sie für Dich?

Neil LaBute: Ich glaube es gibt eine Zeit im Leben, in der man sich vom reinen Zuschauer oder Zaungast weiter entwickeln möchte - hin zu einem „Macher", wenn nicht sogar zu einem Künstler. Für mich gab es diesen einen Moment während einer Produktion, die ich sah, bei der es bei mir innerlich „Klick" gemacht hat und ich mir sagte: „Das kann ich auch!". Tatsächlich bin ich der Meinung, dass „Kunst" all das ist, was ich nicht tun kann. Deshalb sehe ich mich selbst weniger als „Künstler", sondern als Arbeiter, als Handwerker. Bei dem Begriff „Künstler" denke ich zuerst an einen Maler oder einen Komponisten - das, was die tun, ist für mich Kunst!

AB: Nachdem Du also diesen Erkenntnismoment hattest, „das" auch zu können - was hast Du damit angefangen, was passierte als nächstes?

NL: Es war ein langer Weg, wie bei den Meisten - und dann, nach 15 Jahren hat man auf einmal über Nacht Erfolg (lacht). Nach meinem Abschluss lehrte ich an der Universität und schrieb Theaterstücke. Ich hatte keinen Agenten oder einen Verlag, sondern verschickte Stücke an Festivals und Workshops. Und eher per Zufall drehte ich dann einen Film. Ach, eigentlich passierte das aus Frust: Ich hatte eines meiner Skripte, „In the company of men", an eine Filmproduktion verkauft. Es begann eine lange Zeit des Wartens auf den Drehbeginn und die frustrierte mich total. Ich dachte damals „Mein Gott, was machen diese Leute nur?!"
Dann kamen sie auch noch zu mir und baten mich, die Option auf meinen Text zu verlängern. Da sagte ich „Nein! Ich werde mich auf gar keinen Fall länger an euch binden! Ihr braucht ja ewig, um was auf die Reihe zu kriegen!" Genau während dieser Zeit dachte ich, „Hey, ich kann den Film auch selbst machen". Ich wusste aus dem Dunstkreis des Sundance Film Festivals, dass man Filme für 25.000$ drehen kann. Ich sagte mir: „Ich kann 25.000$ für einen Film zusammenkratzen, das schaffe ich!". Vieles von meinem Erfolg in der Filmbranche ist also meiner puren Beschränktheit geschuldet.

AB: Wie meinst Du das?

NL: Natürlich kann man für 25.000$ einen Film drehen - aber niemals fertigstellen. Irgendwie habe ich also „In the company of men" dann editiert, zusammengeschnitten und beim Sundance eingereicht. Sie nahmen ihn an und erst dann wurden Leute darauf aufmerksam und finanzierten mir die Fertigstellung. Hätte ich also gedacht „Ich brauche mindestens 125.000$ für den Film" - ich hätte niemals damit angefangen. Aber weil die Hürde für mich machbar war, dachte ich mir: „Ich schaffe das!" Vor allem wenn man jünger ist, lässt man sich doch nicht einfach sagen, man würde etwas nicht schaffen, oder?! Darauf sagst Du doch nur „Ach wirklich? Das wollen wir mal sehen. Ich zeig's Dir!" Ich glaube, dass vieles in meiner Karriere darauf beruht, dass irgendjemand „Nein" zu mir gesagt hat und ich erwiderte „Aber ich mag 'nein' als Antwort nicht!". (lacht) Ich sage lieber 'Ja!' und finde einen Weg, es zu schaffen.

AB: Das klingt jetzt sehr „amerikanisch"...

NL: Hm, ja, ich weiß. Obwohl, weißt Du, vielleicht nicht ausschließlich amerikanisch. Aber ich denke schon, dass Amerikaner eine bestimmte Art von...Ehrgeiz haben. Vielleicht ist es eher eine Art blindes Gespür für „ich-muss-das-jetzt-selbst-herausfinden". Eben wie Forschungsreisende oder aus einer Vielzahl von Ländern herausgeschmissen, sagten sie sich jetzt: „Go West!" (lacht). Und ich war immer jemand, der nach Westen ging. Sogar wenn es ums Theatermachen geht. Als die Universität während meines Studiums nicht genug Platz für Theater zur Verfügung stellen konnte, habe ich mir eben außerhalb der Uni Räume angesehen und gesagt: „Hier kann man auch ein Stück machen!". Und entweder habe ich ein Stück ausgesucht, das in diesen speziellen Raum passte oder habe einfach ein Stück für diesen Raum geschrieben. Es geht also um diese „Can-do"-Einstellung. Und die hat mich zumindest bis hierher gebracht - an das Ufer des Bodensees. (lacht)

AB: Was ja nun wieder auch ein prima Ort ist...

NL: ...er ist sogar recht herrlich! Ich genieße die Zeit hier zu sein und auch die Arbeit macht großen Spaß, an einem Ort wie diesem.

AB: Kannst Du denn hier Ähnlichkeiten oder Unterschiede feststellen zum US-amerikanischen Theater?

NL: Ihr habt hier eine Menge Schauspieler, euer Ensemble. Und wenn das nicht ausreicht, engagiert ihr sogar noch Gäste oder holt Statisten aus der Stadt! Das sind im Vergleich Luxus-Voraussetzungen. Und davon kann man zumindest als Autor in den USA nur träumen. Wie auch von euren langen Probenphasen. Bei uns leben die Theatermenschen wie Zigeuner, mal hier, mal dort - wo eben das nächste Stück gemacht wird. Wir haben keine Staats- oder Stadttheater und selbst wenn es bei uns Theater mit einem funktionierenden Abosystem gibt, die auch finanzielle Unterstützung aus öffentlichen Mitteln bekommen, könnten diese nie eine Inszenierung wie euren Sartre in der Spiegelhalle produzieren, vom Konzilstück ganz zu schweigen.

AB: Und welche Folgen hat das Deiner Meinung nach?

NL: Die Theaterszene in New York wird von dieser speziellen „Business-Atmosphäre" bestimmt, alles wird ausschließlich aus ökonomischer Perspektive betrachtet und entschieden. Das ist nicht mein Ding und Gott sei Dank kann ich mir das mittlerweile auch aussuchen. Deshalb würde ich lieber in einem System wie dem euren arbeiten, oder Off-Broadway. Dort hat man die Gelegenheit, Schauspieler zu engagieren, die für ein Stück am besten geeignet sind. Am Broadway jedoch geht es nur darum, wie ich jeden Abend 1000 Leute in ein Theater bekomme - und das ist eine einfache Rechnung: Du brauchst einen Star, den 1000 Leute jeden Abend sehen UND dafür auch noch 200$ ausgeben wollen, z.B. Hugh Jackman oder Denzel Washington. Und die sind am besten für das Stück, weil ihre Namen Tickets verkaufen, so einfach ist das! Es geht also vor allem um Namen und Zahlen.
Wenn man auf diese Art Theater machen will, hat das natürlich Folgen. Die Leute fragen nur noch: „Warum soll ich mir ein Stück von jemandem ansehen, den ich nicht kenne? Mit Schauspielern die ich nicht kenne? Warum soll ich dafür Geld ausgeben?"
Nun, die Antwort könnte sein: „Weil es einfach sehr gut ist!" Aber dieses Risiko will natürlich heutzutage dort niemand mehr eingehen - schon gar nicht für 200$, vom sogenannten 'Zeitinvestment' einmal ganz abgesehen. Auch die Vielzahl und Vielfältigkeit der Stücke eurer Amerika-Spielzeit wären an keinem einzigen Theater in den USA denkbar. Darauf bin ich wirklich etwas neidisch!

 

AUSSTATTUNG / BÜHNE: Katrin HieronimusKOSTÜME: Katrin HieronimusDRAMATURGIE: Laura EllersdorferMIT: Johanna Link, Jana Alexia Rödiger, Peter Posniak, Tomasz Robak, Look who is backWEITERE: Nicole Greue, Alisa Fechter