05.03.2016 | Werkstatt | 1:05h ohne Pause

Judith


Friedrich Hebbel


Bethulien steht die Vernichtung bevor: Die letzte Stadt, die sich ihm ergibt, werde er mitsamt ihrer Einwohner für alle Zeiten auslöschen, so schwor es der gottgleiche Heerführer Holofernes. In tiefster Verzweiflung entschließt sich Judith aus dem Volk der Ebräer, das zu tun, was sich kein Mann traut: Sie begibt sich in das Lager des Holofernes mit dem Ziel, diesen zu töten. Allein tritt sie vor ihn – er ist belustigt und zugleich fasziniert von Judith und ihrer Kühnheit, ihm die Stirn zu bieten. Sie aber betört Holofernes, verbringt die Nacht mit ihm – und tötet ihn.
Die apokryphe Bibelgeschichte von Judith, auf der Hebbels Drama beruht, erzählt von Versuchung, Willensstärke und Glaubenstreue im Angesicht der Vernichtung. Bei Friedrich Hebbel bilden Trieb und Schmerz, Gebot und Versuchung, Eros und Thanatos die Essenz des Stücks, das voll von Göttern scheint und doch vom Wesen des Menschen handelt. Regisseur Thokozani Kapiri fragt nun mit seiner Inszenierung im Zeitalter der Massenmedien und medialen Inszenierungen von Terror, Anschlägen und Krieg nach unterschiedlichen Blickwinkeln und Sichtweisen – in einer Zeit da Gotteswille zur Begründung für Gräueltaten bemüht wird und  „Gut und Böse“, „Die“ und „Wir“ wieder erschreckend aktuell ist.

 

Der frische Blick auf das schwerblütige Drama der biblischen Märtyrerin ist ebenso mutig wie verwegen.Elisabeth Maier, Nachtkritik
Erstaunlich ist, wie es dem Team um Thokozani Kapiri gelingt, die Aktualität des Stoffes im Spiel der Drei zum Ausdruck zu bringen. Erstaunlicher vielleicht noch, dass diese stark gekürzte Fassung nicht das Gefühl mit gibt, dass etwas Wesentliches in der Geschichte unterschlagen wird. Im Gegenteil, die banale Sprache der Medienwelt wird hier konfrontiert mit dem hohen Pathos der Hebbel’schen, die in dieser Gegenüberstellung zum eigentlichen Medium der gedanklichen Auseinandersetzung wird und den Schein des Entertainments erst kenntlich macht.

Manfred Jahnke, Die Deutsche Bühne Online 5.3.2016