13.04.2017 | Spiegelhalle | 1:25 | JTK | Altersempfehlung 15+

Gomorrha


Von Roberto Saviano und Mario Gelardi | Übersetzung aus dem Italienischen von Brigitte Korn-Wimmer


Was ist ein Leben wert? Die süditalienische Camorra hat in Europa mehr Menschen getötet als jede andere kriminelle oder terroristische Organisation. 4000 Morde in den letzten 30 Jahren - ein Toter alle drei Tage. Doch die Camorra ist mittlerweile weit mehr als ein Mafia-Klischee: Sie kontrolliert nicht nur den Drogenhandel, sondern dominiert den Bau-, Transport- und Müll-Sektor und mischt kräftig im internationalen Lebensmittel- und Modegeschäft mit. Sie ist eine der am weitesten entwickelten Wirtschaftsorganisationen der Welt, lebendiges Sinnbild eines entfesselten Kapitalismus einer lebensverbrauchenden Ökonomie.

Gomorrha, der dokumentarische Roman des italienischen Autors Roberto Saviano, erlaubt einen intimen Einblick in das, was unter der glänzenden Oberfläche unserer Konsumgesellschaft schwelt. Saviano erzählt in einzelnen Anekdoten über die Macht der Camorra und den Sog des Illegalen, über archaische Blutrache und globale Geschäfte und schafft so eine collagierte Reportage von enormer Wucht. Gomorrha machte den Autor berühmt, aber auch zu einem Gefangenen: Seit zehn Jahren lebt er unter ständigem Personenschutz, denn die Camorra droht, ihn umzubringen.

Adam Nalepa war von 2002 - 2006 fest am Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert und debütierte dort auch als Regisseur. Seit 2007 ist er überwiegend in seinem Heimatland Polen tätig, wo er für seine Inszenierungen polnischer und deutscher Literatur (Grass‘ Blechtrommel, Schillers Maria Stuart, Mayenburgs Der Stein) mit zahlreichen Theaterpreisen ausgezeichnet wurde.

 

The adaptation of the literary Work Gomorra by Roberto Saviano was made by arrangement with Mondadori Libri, Milano, and Agenzia Letteraria Roberto Santachiara.


Jürgen Roth:
Das Unternehmen Camorra in drei Kapieln

Der Journalist Jürgen Roth, geboren 1945, beschäftigt sich intensiv mit der italienischen Camorra. Neben brisanten TV-Dokumentationen veröffentlicht er u.a. Bücher wie "Mafialand Deutschland" oder "Der tiefe Staat: Die Unterwanderung der Demokratie durch Geheimdienste, politische Komplizen und den rechten Mob". Hier finden Sie seinen Aufsatz "Das Unternehmen Camorra in drei Kapiteln".


Regisseur Adam Nalepa und Dramaturgin Anna Langhoff gelingt so ein Lehrstück, das nicht im brechtschen Sinne funktioniert, da es keinerlei moralischen Zeigefinger hochhält, sondern rein informativ. So verlässt man Gomorrha gut unterhalten – der Soundtrack zum Beispiel ist hervorragend – und auch ein ganzes Stückchen schlauer.Veronika Fischer, Magazin Saiten St.Gallen, 20.04.2017
Nalepa, das hatte er schon im Vorfeld bekundet, will mit dieser Inszenierung nicht belehren, sondern dokumentieren. Und die fünf Schauspieler – neben Biermann und Dathe ein famoser Julian Härtner und ein brillanter Tomasz Robak, vor allem aber ein junger Julian Jäckel, der seinen Erstauftritt mit bewundernswerter Bravour absolviert – fügen sich in dieses, für Schauspieler nicht immer leichte, Rollenverständnis ein. Und haben nicht nur deshalb den stürmischen Premieren-Applaus mit sieben „Vorhängen“ in der ausverkauften Spiegelhalle redlich verdient.Hans-Peter Koch, seemoz, 18.04.2017
Was in der Spiegelhalle tatsächlich beeindruckend wahrzunehmen ist: Alle, auch den koksenden Franco, speit das System am Ende wie Kodder aus, der ihm im Hals steckt. Menschen als natürlich nachwachsende Verfügungsmasse, die von einer selbst korrupten Politik verraten und von der Welt ignoriert werden. Und keine Wahl haben.Maria Schorpp, Südkurier, 15.04.2017
Es beginnt in den Tiefen der Spiegelhalle, in der Theaterrauch in der Luft steht wie Zementstaub. Unter Adam Nalepas Regie gibt der junge Julian Jäckel den wohl noch jüngeren Kit, den der Anblick der toten Chinesen (noch) entsetzt. Die Situation ist aufgeladen, die Stimmen vermischen sich im Hall der Aufführungsstätte. [...] Man wüsste gern, dass hier "nur" Theater gespielt wird. Doch die Realität wird so aussehen - oder noch erschreckender.Brigitte Elsner-Heller, St. Galler Tagblatt Online & Thurgauer Zeitung, 19.04.2017