17.02.2017 | Stadttheater | 1:30 ohne Pause

Bakchen


Neudichtung von Raoul Schrott nach Euripides


Kadmos, der alte Gründer der legendären Stadt Theben, hat die Herrschaft an seinen Enkel Pentheus übergeben. Dieser kämpft mit aller Macht gegen einen neuen Kult, in dem er eine gefährliche Störung der Ordnung sieht: Der Gott Dionysos fordert, aus Kleinasien kommend, seine Huldigung ein. Pentheus aber lässt nicht ab, gegen den Gott zu streiten, selbst als er erkennen muss, dass er gegen übermächtige Kräfte kämpft. Als Dionysos die Frauen in seiner Gefolgschaft in Raserei und Trance verfallen lässt, folgt Pentheus ihnen heimlich - bis seine eigene Mutter ihn im Wahn für einen Löwen hält. Die Tragödie beschreibt den Niedergang einer Gesellschaft, die sich mit aller Macht an ihre alten Sitten und Strukturen klammert, während das Neue unaufhaltsam einbricht.
Euripides verarbeitete in seinen Dramen Umbrüche und gesellschaftlichen Wandel im antiken Athen. Die Bakchen, benannt nach den Frauen, die das Gefolge des Gottes Dionysos bilden, ist eine Tragödie der großen Gegensätze: Der Geschlechter, von Ordnung und Chaos, von fremden und eigenen Werten.

Mark Zurmühle studierte Regie und Schauspiel am Max Reinhardt Seminar Wien. Er inszeniert u.a. am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, am Thalia Theater Hamburg und am Schauspiel Frankfurt und war 15 Jahre lang Intendant des Deutschen Theater Göttingen. In Konstanz inszenierte er bereits 2015/16 mit Medea äußerst erfolgreich einen großen antiken Stoff.


Mit wenigen Handgriffen schälen Autor Schrott und Regisseur Zurmühle aus dem klassischen Stoff die aktuelle Tragödie hervor. [...] Dass diese raffiniert durchdachte Inszenierung zum großen Theater gerät, verdankt sich dem darstellerischen Niveau. Es ist eindrucksvoll, wie Peter Posniak mit dionysischem Charme sein Publikum umgarnt, großartig, wie Georg Melich die Verunsicherung zur Geltung bringt und eine Freude, Arlen Konietz' Pentheus beim Abwehrkampf gegen die neue Ideologie zu beobachten. Herausragend aber an diesem so wunderbar berührenden Abend ist eine Figur, deren Interpretation sich jeder Beschreibung entzieht. Wenn Sylvana Schneider als Agaue, Mörder ihres Sohnes Pentheus, dessen geschundenen Körper begutachtet und allmählich begreift, was ihm, was ihr, was uns allen geschehen ist: Dann ist das in dieser Tiefe und Intensität eine einzige Katastrophe. Und damit das pure Theaterglück.Johannes Bruggaier, Südkurier, 20.02.2017
Diese Frauen! Stark sind sie, jede hat einen Namen. Angeführt von Agaues Schwester Ino (eiskalt: Jana Alexia Rödiger), stürmen sie Dionysos nach ins Gebirge, werden zu Mänaden, Bakchen, und rasend tanzen sie zur verzerrten E-Gitarre (Choreografie Efrat Stempler, Musik Albrecht Ziepert). Mark Zurmühle interpretiert die Vorlage aus einer zeitgenössischen Position heraus. Denn die Menschenfänger sind nach wie vor unter uns, diese Halbgötter wie Dionysos. In weißen Kleidern schwebt er vom Schnürboden herab, lässt sich die Gitarre reichen, lässt sich Zeit mit seinem leisen Lied für Agaue (verzückt: Sylvana Schneider). Dieser Blick! Peter Posniak spielt Dioysos als Rockstar, als unschuldigen Verführer, seine Augen lächeln lüstern.Dieter Langhart, Thurgauer Zeitung / St. Galler Tagblatt, 20.02.2017


AUSSTATTUNG / BÜHNE: Eleonore BircherKOSTÜME: Eleonnore BircherCHOREOGRAFIE: Efrat StemplerDRAMATURGIE: Henrik KuhlmannMIT: Jana Alexia Rödiger, Sylvana Schneider, Georg Melich, Peter Posniak, Arlen Konietz, Jörg Dathe, Andreas HaaseMUSIK: Albrecht ZiepertWEITERE: Miriam Dold, Árpád Porcza, Philipp Teich
Chor: Waltraud Graulich, Milda Jasiunaite, Yvonne Flaig, Veronika Meschenmoser, Alina Stocklöv, Julia Jaworek, Eliana Sachpatzidou, Jonna van der Leeden, Lena Günther, Anna Weiss;
Choreinstudierung: Silke Schneider; Lucia Wunsch