24.03.2017 | Stadttheater | 2:30 H inkl. Pause

Der gute Mensch von Sezuan


Version 1943 | Von Bertolt Brecht mit Musik von Paul Dessau
REGIE: Jo Fabian


Drei Götter kommen mit einer Mission auf die Erde: Es soll ein Mensch gefunden werden, der gut ist zu seinen Mitmenschen und trotzdem seine eigene Existenz damit nicht gefährdet. Wenn das möglich ist, kann die Welt so bleiben, wie sie ist. In der Prostituierten Shen Te finden die „Erleuchteten" einen solchen guten Menschen. Bevor die Götter verschwinden, schenken sie Shen Te das nötige Startkapital für einen kleinen Tabakladen, dem allerdings durch Shen Tes Güte schnell der Bankrott droht. Ein Vetter muss her, der mit erbarmungslosen Entscheidungen Shen Te immer wieder zu retten versteht. Ist Güte in dieser Welt naiv und nicht lebensfähig?
Brechts Parabelstück wurde 1943 in Zürich uraufgeführt.

Jo Fabian nutzt und verbindet in seinen Arbeiten Ausdrucksformen unterschiedlicher Genres wie Schauspiel, Tanz, Performance, Konzert und Installation. In Konstanz inszenierte er zuletzt Die Macht der Gewohnheit.


Fabian arbeitet mit starken Bildern, die manchmal überdeutlich sind, wie, wenn sich Natalie Hünig als Shen Te in Shui Ta verwandelt und hierzu ein Herz herausreißt und wegwirft. Und zugleich der Tischler Lin To (André Rohde) als Gekreuzigter erscheint. Andere Bilder, vor allem, wenn sie in eine strenge Choreografie überführt werden, wirken sehr fein. Wie im Brechtschen Theater werden Überschriften auf das Bühnenportal projiziert, rechts und links sind kleine Tafeln, auf die der Text projiziert wird, nicht immer synchron mit dem, was auf der Bühne zu hören ist. [...]
Stärker als in anderen Inszenierungen spielt Wang in Konstanz eine zentrale Rolle als Vermittler zwischen der künstlichen Welt der Bühne und den Zuschauern. Thomas Fritz Jung spielt diese Rolle als humorvollen Charmeur mit großer Beweglichkeit. Wang und der Musiker sind sozusagen die Antreiber auf der Bühne, die das Ensemble voran peitschen, ein Ensemble, das sich von der klugen Regie Fabians überzeugen ließ und gemeinsam zu beeindruckenden Bildern aufläuft [...]. Tolles Ensembletheater.
Manfred Jahnke, Die Deutsche Bühne Online, 26.03.2017
Dieses Leben, in dem die gute Tat nicht mehr ist als eine Fassade für den Eigennutz, zeigt Fabian als wunderbar unterhaltsames Gaukelspiel mit revuehaft schrägen Klangelementen und dezent ironischen Kostümierungen. Das geht vorallem deshalb auf, weil die Schauspieler in all der Komik niemals die Tragik aus dem Auge verlieren. Wie Natalie Hünig insbesondere in Shen Tes zweiter Identität als Shui Ta mit mephistophelischer Düsternis für Profit und Ordnung sorgt, ist einfach großartig. Johannes Bruggaier, Südkurier, 27.03.2017
Jo Fabian gelingt all das hochgradig ironisch und hochprozentig von heute, er liest aus Brecht einen Kommentar zur Willkommenskultur. Wir schaffen das! [...] Und wenn die gute Shen Te (schön und klar wie ruhiges Wasser, Natalie Hünig) alles Elend der Welt auf ihre Schultern lädt, vor dem Ansturm der Flüchtlinge, die sie ruinieren, stoisch bleibt, dann ahnt der Zeitgenosse: Das kann nicht lange gutgehen. [...] Das Ensemble agiert geeint, eingeschworen, es ist wirkungsstark wie eine wörtliche Brecht-Parole. Daniele Muscionico, Neue Züricher Zeitung, 27.03.2017
Was Jo Fabian dem vielfach umgearbeiteten Stück mitgibt, das in einer konzentrierteren Fassung von 1943 auf die Bühne kommt, ist seine charakteristische Handschrift, die sich dadurch auszeichnet, dass die verschiedenen Elemente, derer sich Theater bedient, fein aufeinander abgestimmt sind. [...] Die Bilder in ihrer düsteren Ästhetik bleiben in Erinnerung; Geräusche wie das bedrohliche Trommeln der "Masse"; aber auch die Brüche, die das Epische Theater vorsieht, und die hier als heiter-ironische Kommentare eingesetzt werden. Und natürlich die Irritation darüber, keine konkrete Anleitung erhalten zu haben, was nun zu denken sei. Das ist nicht angenehm, aber gut so.Brigitte Elsner-Heller, Thurgauer Zeitung & St. Galler Tagblatt, 28.03.2017