20.04.2018 | Stadttheater | 1:30h ohne Pause | Altersempfehlung 15+

Mein Kampf


George Tabori


Ein charakterloses talentfreies Muttersöhnchen, das an Verstopfung leidet, taucht in einem Wiener Männerasyl auf und hofft an der Kunstakademie angenommen zu werden. Sein Name ist Adolf Hitler. Gleichzeitig mitleidig und genervt nimmt sich Mitbewohner Schlomo Herzl seiner an, belehrt und schützt ihn. Dabei unbeabsichtigt nimmt Hitler, lernresistent und dennoch formbar, mehr und mehr tyrannische Gestalt an.

Schräg, knallbunt und überhöht zeigt diese bitterkomische Theater-Karikatur, dass wir nicht von Ideologien befreit sind, die sich in einer Persönlichkeit konzentriert auch heute noch zu historischem Horror entwickeln können.

George Tabori, 1914 geboren in Budapest, emigrierte 1935 nach London, arbeitete als Auslandskorrespondent in Sofia, Istanbul, Palästina sowie Ägypten und ging 1947 in die USA, wo er als Drehbuchautor für Hollywood arbeite, bevor er in den 70er Jahren nach Europa zurückkehrte, um hier einer der wichtigsten Theatermacher zu werden. Er starb 2007 in Berlin.

Serdar Somuncu, geboren 1968 in Istanbul, ist ein Schriftsteller, Kabarettist und Regisseur. Er inszenierte u.a. an den Schauspielhäusern in Bochum, Bremen und Oberhausen. Außerdem trat er als Schauspieler auf und übernahm Rollen in Fernsehserien, wie beispielsweise in Schwarz greift ein oder in Broken Comedy. Somuncu, der u.a. den Deutschen Literatur-Theater-Preis und den Prix Pantheon erhielt, inszeniert zum ersten Mal am Theater Konstanz.

 


Theatre Talk

Am 12. und 23. Mai finden zwei Gesprächsrunden zur aktuellen Inszenierung von "Mein Kampf" statt. Drei Fragestellungen sollen uns bei den Gespräche mit hochkarätigen Gästen leiten:

Umgang mit Symbolik der NS-Zeit im öffentlichen Diskurs - Was ist sinnvoll? Kunst ist der Schmerz und nicht der Arzt - Was darf Kunst? Erinnerungskultur früher und heute - Wie wollen wir zukünftig gedenken?

Weitere Infos gibt es hier.


Gehe ich zur Vorstellung?

Die Journalistin Veronika Fischer hat eine Umfrage erstellt zum Thema "Welcher Theatertyp bist du?" - Hier geht's zum Fragetool.


Die Inszenierung des Extremsatirikers Serdar Somuncu erwies sich als eine in jeder Hinsicht umsichtige Neuschreibung des zeitgenössischen Theaterklassikers. Es ist, kurz, die Erfindung von Hitler (Peter Posniak) durch einen Juden (Schlomo Herzl: Thomas Fritz Jung) oder die Möglichkeit einer unmöglichen Liebe. Posniak als «Hitler», ein Schauspielergrossereignis! Der einzige Skandal das Fernbleiben des Stadtobersten.
…Serdar Somuncu wollte Zündstoff liefern für eine schonungslose Debatte um Faschismus und Antisemitismus; dass sie zum guten Ende doch stattfand, ist eine starke Leistung aller Beteiligten.
…Die Inszenierung ist ein Sieg der Kunst über die Interessenpolitik und ein Beispiel dafür, wie unser Denken die Welt erfindet.
Daniele Muscionico, NZZ, 23.4.18
Und als sich das halbnackte Gretchen (großartig: Laura Lippmann) mit dem kleinen Ali in einen improvisierten Marienschleier hineinkuschelt, meint man in der rührenden Mutterszene schon die kommende Pietà zu sehen - das Kind wird erst mit Liebe erdrückt, dann mit blindem Hass. Ein selten ruhiger Moment in einer ebenso intelligenten wie hoffnungslos überdrehten Inszenierung.
…Dann gehen die Lichter aus. Bitterer könnte dieses Stück nicht enden: Für jedes tote Monster wachsen zwei neue Biester nach.
Anton Rainer, Süddeutsche Zeitung, 23.4.18
Auch Somuncus Tabori-Inszenierung ist politisch eine vollkommen eindeutige Stellungnahme gegen Neo-Nazitum, ja wohl sogar etwas pädagogischer als der tiefgründige tabulose jüdische Witz Taboris. Somuncu will aber vor allem eine an neuer schriller Comedy angelehnte Sicht über Taboris Humor stülpen.Bernhard Doppler, Deutschlandfunk, 21.4.18
Und Thomas Fritz Jung als Herzl und Andreas Haase als Lobkowitz in Trumpfrisur (warum ausgerechnet diese Figur?) sind ein wunderbares Paar, mit Tempo und Spielwitz, übertrumpft noch von Pete Posniak als junger, verklemmter Hitler, der mal in dessen Tönen herumnölt, dann aber wieder ganz normal spricht.
…wird deutlich, welche Wut auf diese Welt Somuncu hat. Das wird in zwei Bildern besonders virulent. Zum einen lässt er immer wieder Statisten auftreten, die sich an die Seite setzen und als Sinnbild der Wegschaukultur nicht einen einzigen Blick auf die Bühne werfen, wo beispielsweise gerade ein Mensch von Jugendlichen zusammengeschlagen wird, sondern Zeitung lesen oder mit ihrem Smartphone spielen. Zum anderen der Schlussmonolog von „Himmlisch“, süffisant von Tomasz Robak gespielt, der eine schwarze Puppe wie ein Tier zerteilt und ausschlachtet: ein böser Blick auf die deutsche Flüchtlingspolitik, kaum zu ertragen. Bei allem öffentlichen Wirbel im Vorfeld ist „Mein Kampf“ eine spannende Inszenierung geworden, mit Furor und tollen Schauspielern.
Manfred Jahnke, Die deutsche Bühne Online, 21.4.18
Mit Gretchens Auftreten gelingt ihm eine starke Szene, wenngleich man sich auch hier alle Mühe geben muss, den aufdringlichen Frauke-Petry-Bezug zu ignorieren. Bei Tabori bringt Gretchen ihrem geliebten Schlomo ein Huhn vorbei, das Hitler später schlachten wird. In Konstanz ist es statt des Federviehs eine kleine Flüchtlingspuppe: von Gretchen in gespielten Geburtswehen zur Welt gebracht. …Ein Flüchtlingskind als Kuscheltier, Religiosität als Instrument der Selbstbeweihräucherung: Das sind durchaus entlarvende Bilder. Und wenn Gretchen später ihres Geliebten überdrüssig wird, sich stattdessen lieber dem jungen Hitler an den Hals wirft, dann lässt sich darin auch der Schwenk von einer bloß auf Kuscheltierniveau gelebten Willkommenskultur 2015 hin zu einer Abschottungspolitik 2018 erkennen. Das eben noch geherzte Flüchtlingskind wird dann vom Metzger – mit dem schön zynischen Namen Himmlisch – brutal ausgeweidet: so beklemmend wie gelungen.Johannes Bruggaier, Südkurier, 23.4.18
Auf kongeniale Art und Weise zeigt der Kabarettist und Regisseur Serdar Somuncu, wie durchsichtig unsere und damit auch die Interessen einer Medienlandschaft geworden sind, die Empörung schürt, wo Mut die Provokation in scheinbare Tabus steuert. Denn wer an diesem Abend bei der Premiere von "Mein Kampf" im Konstanzer Stadttheater dabei ist, spürt schnell, dass es hier um vieles geht, aber nicht um die schreckliche Herabsetzung von Menschen, die der Shoah einst Platz bot – zumindest fernab der Bühne. …Stattdessen folgen die Zuschauer im voll besetzten Theater einem Gebräu aus historischer Bräune mit zeitgenössischem Schokoladenüberzug. Denn Lobkowitz (druckvoll, Andreas Haase) ist hier nicht nur Koch, sondern gleich noch Trump; Gretchen (fatalistisch-machtvoll, Laura Lippmann) nicht nur Herzensdame, sondern gleich noch Flüchtlingsmama und der gute alte Schlägertrupp mit Sturmhaube gleich noch nonverbaler Handlungsverstärker zwischen AfD und Pegida. …Und Hitler lässt sich formen: Peter Posniak spielt das bisweilen mit einer naiven Brillanz, die finster zürnend aufleuchtet. ….Natürlich kann man diese Melange aus Sarrazin ("Schlomo schafft sich ab") und Gezi-Park, Fake News und neuer Rechter als geschmacklose Katastrophe kasteien, doch wird sie so genau das, was Tabori einst als Farce verstand: Die Welt steht Kopf und wir lachen – weil wir uns nicht (mehr) anders zu helfen wissen. Der russische Theoretiker Michael Bachtin nannte das einmal "das abstoßend Komische", in Konstanz ist es das mahnende Lachen über die Drohgebärden vor unserer eigenen Tür.Markus Mertens, Badische Zeitung, 23.4.18
Einen durchweg positiven Eindruck hinterlassen die Schauspieler des Konstanzer Ensembles. Allen voran Thomas Fritz Jung als Schlomo Herzl und Peter Posniak als Hitler. Beeindruckend, wie der vor allem in den aus dem tatsächlichen „Mein Kampf“ inspirierten Monologen das sperrige Deutsch Hitlers parodierend herunterleiern kann, nur um im nächsten Moment in das bekannte herrische Schnarren oder in ein unsicheres Winseln zu verfallen.Stefan Fuchs, Schwäbische Zeitung, 23.4.18
Doch die locker-satirische Darstellungsform schlug in bitterböse Realität um, als Gretchen auf der Bühne ein „Flüchtlingskind“ gebiert. Da wusste der ganze Saal: Frau Lippmann hat ein Wahnsinns-Organ! Die Figur des Faust’schen naiven Gretchens in Somuncus Inszenierung stellt eine Personifizierung des von rechten Hetzern vereinnahmten deutschen Volkes dar.
…Peter Posniak spielte sich als Hitler um Kopf und Kragen und lavierte wunderbar sprachlich sowie gestisch zwischen dem verunsicherten Jungen und dem diktatorischen Demagogen. Auch Thomas Fritz Jung konnte die innere Ruhe des Schlomo Herzls dem Publikum bis zum Schluss vermitteln.
…Die Kunstfreiheit ist ein spannungsgeladenes Grundrecht, das seine Grenze in der Würde anderer findet. Damit Kunst ihre Funktion erfüllen kann, muss sie hin und wieder unbequem sein. Diese Pluralität erträgt eine gesunde Demokratie und wahrt zugleich die Rechte von Minderheiten. Kunst, über die es sich nicht zu diskutieren lohnt, kann weg.
F.Spanner, seemoz, 23.4.18


AUSSTATTUNG / BÜHNE: Damian HitzKOSTÜME: Damian HitzDRAMATURGIE: Daniel GrünauerMIT: Laura Lippmann, Vanessa Radman, Thomas Fritz Jung, Andreas Haase, Peter Posniak, Tomasz RobakWEITERE: Stefan Eberle, Carolin Schmelz, Bernd Oßwald, Tanja Jäckel, David Jordan, Edgar Albert, Peer Homann, David Jordan, Hamilkar Oueslati, Adiran Schwahn, Jakob Holupirek, Gregor Bohna, Jonathan Bohna