25.02.2018 | Stadttheater

PRO.LOG




Am Sonntagvormittag um 11.00 Uhr halten kompetente LiteraturwissenschaftlerInnen der Universität Konstanz einen Vortrag über ein Schauspiel, das vor wenigen Tagen Premiere hatte. Im zweiten Teil der Veranstaltung erläutern DramaturgInnen und SchauspielerInnen des Theaters ihre Lesart des jeweiligen Stückes. Neben der Qualität der Referate schätzen die Zuhörer besonders die Äußerungen der Schauspieler zu ihren Rollen, etwas, was sie sonst nicht erleben. Sehr wichtig ist uns die anschließende Diskussion aller Beteiligten. Diese Sonntagseinführungen sollen auch junge ZuschauerInnen auf das Theater neugierig machen und ihnen einen Zugang zu zeitgenössischer Theaterarbeit vermitteln. Dieses Format ist trotz des Termins am Sonntagvormittag gut eingeführt und wird von 40 - 80 Personen regelmäßig besucht.

PRO.LOG zu Salome am 15.04.18 mit Dr. Julia Boll

Im modernen Theater ist „Salomé" als Einakter von Oscar Wilde (uraufgeführt 1896 in Paris) fest verankert. Die Stieftochter des römischen Herrschers Herodes Antipas, die als Preis für einen erotischen Schleiertanz den Kopf des Johannes des Täufers fordert, wird im neuen Testament gar nicht namentlich genannt. Von späteren Geschichtsschreibern und vor allem in der späteren Kunst als sexuell manipulative Frau dargestellt: so lässt Wilde sie sich in den gefangenen Johannes verlieben und beschreibt ihre Besessenheit mit dem abweisenden Prediger, dessen Tod sie in Kauf nimmt, um ihn besitzen zu können.

Im römisch besetzten Judäa gilt Johannes auch als politischer Widerstandskämpfer, den Herodes Antipas verhaften lässt, um eine Rebellion zu verhindern, und an dessen Überleben er ein großes Interesse hat, denn sein Tod würde seinen Einfluss nur stärken. Doch Salomes Einsatz ermöglicht Johannes den Märtyrertod und macht schlussendlich den Weg für die Rebellion frei. Auf seine Enthauptung folgen erst weitgreifende Aufstände und dann der erste jüdische Krieg gegen die Römer.

Das meist namenlose Mädchen im Zentrum der Geschichte jedoch bleibt eine Projektionsfläche für Leidenschaften, Ängste, Hoffnungen und Wünsche.


Pro.Log zu "Mein Kampf" am 29.04.18 mit Prof. Dr. Albrecht Koschorke

Welcher Weg führt von wirren Reden im Männerheim an die Spitze eines totalitären Staates? Das ist der Kern des Rätsels von Hitlers unwahrscheinlicher Karriere. Der Vortrag ist als eine Art Sachkommentar zu Taboris Stück gedacht. Er wirft ein Schlaglicht auf Hitlers „Wiener Lehr- und Leidensjahre" und die Mystifikationen des betreffenden Kapitels in Mein Kampf.


Pro.Log zu "Betrunkene" am 27.05.2018 mit Prof. Dr. Maria Zhukova

Wenn sich unter dem Schleier der Nacht Marta und Mark, Karl und Linda, Rosa und Gabriel reigenhaft untereinander treffen, laufen ihre Gespräche unentwegt auf existenzielle Fragen vom Glück und vom Gott, von der Liebe und vom Leben hinaus. Das Stück von Wyrypaev verspricht aber nicht allein die philosophische Anspannung, denn alle Gott- und Glückssuchenden sind stockbetrunken, und der Dramatismus schöpft aus der kulturübergreifenden Maxime in vino veritas, die mit vielen Bezügen auf russische Literatur von Fedor Dostojewski bis Sergej Dowlatow dezent gewürzt ist.