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21.03.2018 | Schiesser-Areal | 1h ohne Pause | Altersempfehlung 15+

Aby Warburg. Gespräche mit einem Nachtfalter


Gerd Zahner
Uraufführung


Schizophren lautet die Diagnose, mit der Aby Warburg 1921 in das Asyl Bellevue in Kreuzlingen aufgenommen wird. Das Chaos des ersten Weltkriegs hat den empfindsamen jüdischen Bankierssohn, Kunstwissenschaftler und Buchliebhaber zu psychotischer Verzweiflung gebracht. In seinem Wahn ahnt er die Brutalität des kommenden Regimes voraus. Im Dialog mit Psychiater Ludwig Binswanger und seiner Pflegerin scheinen Wahn und Wirklichkeit in umgekehrten Verhältnissen. Auf dem Schiesser-Areal in unmittelbarer Nähe der früheren Psychiatrie Bellevue entsteht mit poetischen Bildern eine Innensicht einer Persönlichkeit, die Kunst- und Kulturwissenschaft einmalig geprägt hat.

Spielort: Kult-X im Schiesser Areal, Hafenstr. 8, 8280 Kreuzlingen

Zahner spielt intensiv mit dieser Ausgangslage, erweckt zwei brillante und ebenbürtige Geister zum Leben, lässt sie in heftigen Dialogen aufeinanderprallen, bis sich die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn verwischt. Dazwischen Sonja Kreis, Erzählerin und Pflegerin.
Vorwerk schafft starke, eindringliche Bilder, die Zahners Sätze und Dialoge untermalen, aber auch mit ihnen konkurrieren. Der Regisseur lässt die drei Darsteller jeden Zentimeter des Raums nutzen, ihr ungemein körperliches Spiel begeistert.
Dieter Langhart, Thurgauer Zeitung/St.Galler Tagblatt, 25.3.2018
Das Bühnenbild von Elena Bulochnikova zeigt den Schwellenzustand auf, in dem das Stück spielt: Das Dazwischen zwischen Innen und Außen, der geschlossenen Anstalt und der Welt außerhalb, wird durch Plexiglasaufsteller markiert. …Erinnerungen werden zwar überschrieben, doch beim Wegwischen des Geschriebenen bleibt sein Abdruck. Es ist eingeschrieben und kann nie ganz ausgelöscht werden.
Die vielschichtige Inszenierung, die dem Publikum ein Bild der Persönlichkeiten malt, schafft es zudem, den anthroposophischen und ethnologischen Backround mit aufzunehmen, wenn sich Binswanger und Warburg wie in einem Übergangsritual in Trance tanzen, zu lauter, wummernder Goa-Musik. Wieder eine Betonung des Übergangs, des Zwischenzustands, in dem sich der Kranke oder einzig klar Sehende – das ist die zentrale Frage – befindet.
Antonia Moretti, Seemoz, 23.3.2018
Das Stück wirkt befremdlich, alptraumhaft, verwirrend und entfaltet so und durch die herausragenden Schauspieler, seine Genialität. Es wird nicht die wirre Gedankenwelt eines psychisch Kranken gezeigt, sondern aufgefordert, sich darauf einzulassen, nachzuvollziehen und vielleicht sogar ein wenig zu begreifen.Pia Wolf, Kreuzlinger Zeitung/Südkurier, 23.3.2018