29.09.2018 | Spiegelhalle | 1:45h ohne Pause | Altersempfehlung 14+

Hundeherz


Schauspiel nach Michail Bulgakow


Im Geiste von Goethes Faust und Mary Shelleys Frankenstein hat der russische Schriftsteller Michail Bulgakow mit Das hündische Herz eine spannungsgeladene und aberwitzige Groteske über einen fantastischen Laborversuch geschrieben, der im Kampf zwischen Schöpfer und Geschöpf gipfelt.

In Moskau ereignet sich eine Sensation. Dem angesehenen Chirurgen und Wissenschaftler Prof. Preobrashenski, Koryphäe auf dem Gebiet der Verjüngungsoperationen, gelingt ein waghalsiges Experiment: die Verpflanzung menschlicher Organe in einen Hundekörper. Die faustische Tat hat aber ungeahnte Folgen: Unerwartet überlebt der Hund und entwickelt nach und nach menschliche Charakterzüge - aus Lumpi wird Lumpikow. Während die Fachwelt darüber jubelt, mutiert Lumpikow schon bald zum Alptraum seines Schöpfers.

Von der sowjetischen Regierung sofort zensiert und verboten, ist die Erzählung aus dem Jahr 1925 eine bissige Satire auf ihren propagierten „neuen sowjetischen Menschen". Doch welches Menschenbild propagiert der heutige Kapitalismus in einer Gesellschaft, in der die Leistungsoptimierung in allen Lebensbereichen gefordert wird?

Mit Andrej Woron ist in Konstanz ein Theaterkünstler regelmässig Gast, der es wagt, masslos zu sein in jeder Hinsicht. Auch sein «Hundeherz», diese sowjetische Parabel auf den Kampf um einen guten Menschen, ist grelles, poetisches Rumpelkammer-Theater der Phantasie. Denn Woron wendet sich an die Sinne der Zuschauer. Er will Berührung und Rührung, und welchen Sinn hätte denn Theater, wenn es uns nicht ergreift und dorthin bewegt, wo wir noch nie waren?Daniele Muscionico, NZZ, 6.10.18
Ein gelungenes Stück über einen unglaublichen Stoff.Judith Schuck, Kreuzlinger Nachrichten, 11.10.18

Die zweite Premiere zum Auftakt der Spielzeit am Theater Konstanz ist nun die Inszenierung dieser wahnwitzigen Geschichte, und Regisseur Andrej Woron ist der Mann der Stunde. Die Opulenz seiner Bühnenarbeit mischt sich perfekt mit dem ebenfalls grenzenlosen Einfallsreichtum Bulgakows.
… Im Kreis wunderbar agierender Schauspieler kommt Nikolai Gemel diese besondere Rolle zu. Er macht aus dem liebenswürdigen, nicht nur über Krakauer philosophierenden Taugenichts, der sich krümmt oder behaglich ausstreckt, eine menschliche Figur, die ihre Menschlichkeit ablegt und ihren «Schöpfer» in die Enge treibt. Wer hier «gut» und wer «böse» ist, bleibt die Frage. Auch, ob die Welt wieder in Ordnung ist, als der Hund wieder Hund sein darf. Regisseur Andrej Woron hat zum Fest geladen, zu einem wunderbaren Fest. In allem, mit allen.
Brigitte Elsner-Heller, Thurgauer Zeitung/St.Galler Tagblatt, 2.10.2018
Andrej Woron hat Bulgakows allegorischer Groteske aus dem Jahr 1925 zu der Frage, was es heißt, ein Mensch zu sein, gar ein neuer Mensch, noch eins draufgesetzt. An und an lässt er ein lebendiges Karussell die Bühne der Spiegelhalle mit Tschinderassabum umkreisen, um damit anzuzeigen: Was da gerade abgeht, ist der pure Irrsinn. Maria Schorpp, Südkurier, 2.10.18
Woron arbeitet am Theater wie an einem Gemälde: Das Bühnenbild ist seine Leinwand. Mit groben Pinselstrichen und feinen Details malt er ein opulentes russisches Wohnzimmer, das sich im Handumdrehen in einen weissgekachelten OP-Saal verwandelt. Das statische Bild allein wäre ein Kunstwerk für sich, doch damit ist es bei Woron lange nicht genug. Er füllt die Inszenierung bis zum Rand mit Russland-Bildern, die er teils ins Ironische überzeichnet. Das zeigt sich, wenn André Rhode als Hipsterprolet verkleidet zur Penisverlängerung «kommt», oder Antonia Jungwirth als Revolutionärin nicht nur die Fassung, sondern auch mal die Hose verliert. Es sind (homo-)erotische Momente, die nicht ausbleiben dürfen, schrille, bunte Kostüme (Magdalena Musial), die mit winzigen Details Highlights setzen, aber vor allem sind es Szenen, die vor Skurrilem nur so strotzen. Hier sei nur das ornithologische Flötenkonzert genannt – man möchte sich die Szene mit nach Hause nehmen und in Dauerschleife laufend übers Bett hängen.Veronika Fischer, Magazin Saiten St.Gallen, 2.10.2018
Die Premiere von Hundeherz ist auch Auftakt für neue Mitglieder des Ensembles. Renate Winkler spielt das Hausmädchen und ist mit ihrer Frida-Kahlo-artigen Aura fast schon zu schön für eine einfache Angestellte, die sie mit Witz und Esprit zeichnet. Harald Schröpfer hat die Rolle des bourgeoisen Professors bis ins Detail verinnerlicht und changiert gekonnt zwischen Sanftmut und Cholerik. Und Nikolai Gemel ist Lumpi. Er hat die Körpersprache des Hundes studiert und hält die Anspannung während des gesamten Stückes aufrecht – bis in die Zehenspitzen. Vermenschlicht erinnert er an den Wiener Xanax-Rapper Yung Hurn und gibt überzeugend den alkoholaffinen Kneipenmusiker.Veronika Fischer, seemoz, 2.10.2018

NÄCHSTE VERANSTALTUNGEN


MUSIKALISCHE LEITUNG: Torsten KnollAUSSTATTUNG / BÜHNE: Andrej WoronKOSTÜME: Magdalena MusialCHOREOGRAFIE: Ana MondiniDRAMATURGIE: Miriam FehlkerMIT: Renate Winkler, Antonia Jungwirth, Nikolai Gemel, Harald Schröpfer, Axel Julius Fündeling, André Rohde, Jonas Pätzold, Denis Ponomarenko, Michael Käse, Jens WeberWEITERE: Armin Peterka, Rabea Schubert, Elena Bulochnikova, Hannah Albrecht, Karl Briesen