08.12.2018 | Spiegelhalle | 2:10H inkl. Pause

Wer hat Angst vorm weißen Mann


Komödie nach dem Drehbuch von Dominique Lorenz


Das Naturrecht des Clowns ist es, eine Ordnung inmitten der Hölle zu finden, in der jeder Augenblick ein Wunder ist. Eben das erzählt die mit Andreas Giebel und Brigitte Hobmeier verfilmte Komödie.

Der erzkonservative Metzgermeister Franz ist seit einem Schlaganfall schwer eingeschränkt. Dennoch terrorisiert er mit seinem Starrsinn weiter die Familie. Tochter Zita kämpft um den Erhalt der verschuldeten Metzgerei, während ihr Bruder Anton plant, eine angesagte Lounge daraus zu machen. Niemand kann es Franz recht machen, schon gar nicht der Asylbewerber Alpha aus Kongo, den Zita notgedrungen schwarz beschäftigt. Dann kommt es zum folgenschweren Unfall: Franz und Alpha bekommen einen Stromschlag. Franz stirbt, doch sein Geist hängt für alle unsichtbar auf der Erde fest. Nur einer kann ihn sehen: Alpha. Fortan sind die beiden Männer schicksalhaft aneinander gekettet. Gemeinsam versuchen sie, die Traditionsmetzgerei zu retten.

Die moderne Märchenerzählung ist Volkstheater in der Tradition von Nestroy und Raimund, Karl Valentin und Molière, sprachmächtig und sprachwitzig, krachledern und feinsinnig - ein verstecktes Sozialdrama, eine Studie in Toleranz und Menschenwürde, die ex negativo Gutes zeigt: irgendwo zwischen Weißwurst und Schwarzarbeit.

Die Komödie „Wer hat Angst vorm weißen Mann“ nach dem gleichnamigen Film ist in der Konstanzer Spiegelhalle angekommen. Ein schöner Spielort für subversives und unterhaltsames Volkstheater. Und um mit Helden zu beginnen, die oft im Hintergrund bleiben: Ausstatter Christian Schlechter hat die Metzgerei mit überdimensionierten Weisswürsten möbliert, dass es eine Freude ist.
…hat das Publikum Spass daran, wie sich Odo Jergitsch als grantelnder Franz im schwarzen Beerdigungsanzug und Ramsès Alfa, der als Hilfsmetzger immer mehr Spass an der nicht nur bayerischen Gaudi findet, ihre geschliffen doppeldeutigen Wortgefechte liefern.
Brigitte Elsner-Heller, Thurgauer Zeitung, 11.12.18
Aus ernst wird lustig, aus böse wird gut. Alles ist falsch an diesem Abend – und genau deshalb wunderbar richtig. Im Lachen lernen wir wieder, unsere eigenen Rassismen zu hinterfragen: etwa die Arroganz, mit der wir auf die Glaubenstraditionen von Naturvölkern herabblicken. Oder auch die Überhöhung unserer eigenen Kulturgüter vom deutschen Bier bis zur bayrischen Weißwurst. Die Produktionsröhre auf der Bühne presst letztere in der Größe eines Kleinwagens hervor (Ausstattung von Christian Schlechter): ein wunderbar absurdes Bild.
Odo Jergitsch gibt einen herrlich rustikalen Bilderbuch-Bayern ab, Antonia Jungwirth eine Tochter, die dort anpackt, wo andere noch diskutieren. Und Ramses Alfa gelingt das Kunststück, bei mancher bewusst klischeehaften Überzeichnung seiner Rolle nie die Würde der Figur zu verraten.
Es gehört Mut und Geschick dazu, Rassismus so leicht, so unterhaltsam zu inszenieren. Wenn es gelingt, lässt sich damit mehr erreichen als mit noch so vielen Sonntagspredigten.
Johannes Bruggaier, Südkurier Online, 9.12.18