18.01.2019 | Stadttheater | 1:45h ohne Pause

Draußen vor der Tür


Heimkehrerdrama von Wolfgang Borchert


Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will. So beschreibt Autor Wolfgang Borchert selbst sein einziges, innerhalb von nur acht Tagen niedergeschriebenes Stück Vergangenheitsbewältigung. Darin reihen sich nicht enden wollende Stationen des Stolperns aneinander - denn: Er war zu lange weg, der Soldat Beckmann. Und er kommt ganz anders aus dem Krieg als er wegging.

Nach tausend Nächten draußen in der Kälte voller Sehnsucht kommt er endlich nach Hause. Aber nichts ist mehr, wie es einmal war. Beckmann, der Mann ohne Vornamen, ist eine weit über die geschichtliche Verortung hinausweisende, moderne Figur, die, von der Welt vollkommen entfremdet, an der zerstörerischen Macht des Krieges scheitert. Er ist einer von vielen, die nach Hause kommen und die doch nicht Zuhause ankommen. Er bleibt stecken: draußen, vor der Tür - zwischen Leben und Tod, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Der aus Wien stammende Nikolai Gemel spielt den Kriegsheimkehrer mit eindringlicher Selbstbezogenheit, als einen Gefangenen seiner eigenen Erinnerungen und Alpträume. Johanna Link berührt als empathisches, gegenüber diesem Fremdkörper aber letztlich hilfloses Mädchen. Und Harald Schröpfer überzeugt in der Rolle des Oberst, den er bei aller Schneidigkeit jedoch nicht zur Karrikatur verkommen lässt. Dass Regisseurin Mikat bei aller Düsternis des Stoffes mehr bietet als bloßes Betroffenheitstheater, zeichnet diesen Abend aus. Das Kriegstrauma dient ihr als Folie, auf der sie existenzielle Fragen wie Einsamkeit, wahrheitssuche und Todessehnsucht verhandelt.
Johannes Bruggaier, Südkurier, 21.1.19
Die Verantwortung, sie wiegt auch heute noch schwer, wie es Regisseurin Mareike Mikat auf den Punkt bringt. Der Applaus der Premiere machte es deutlich: neben der großartigen schauspielerischen Leistung war es ein guter Zug, dieses „damals“ zurück in unsere Zeit zu holen.Oliver Fiedler, Singener Wochenblatt, 29.1.19
Regisseurin Mareike Mikat inszeniert das Drama als Totentanz, losgelöst vom Krieg. Zu Beginn spielende Kinder, sie sind die einzigen, die leben. Beckmann, mehr tot als lebendig, trägt schmutzstarrende lange Unterwäsche zu Motorradstiefeln. Zwei Schauspielerinnen und drei Schauspieler in strahlend weissen Kostümen führen Beckmann als Chor der Untoten durch den Totenreigen und spielen für ihn die anderen Figuren. Auf ihren leuchtend weiss geschminkten Stirnen Pausenzeichen gemalt. Mit den roten Accessoires und schwarzen Requisiten werden die Farben der Reichskriegsflagge zitiert.Julia Nehmiz, St.Galler Tagblatt Online 20.1.19
Er steht verzweifelt mit seinem Hinkebein draußen vor der Tür – und zwar ständig; authentisch apathisch und ausdauernd verkörpert durch Nikolai Gemel.
…Dabei vermischen sich die Personen um den Protagonisten mit dem Chor; sie verlieren dadurch ihre Menschlichkeit. Mehr als einmal läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Gleichzeitig stellt die Inszenierung dadurch den messerscharfen Text in den Vordergrund.
…Unterstrichen wird dieser ‚Schwebezustand‘ durch das einfallsreiche Bühnenbild (Simone Manthey), eine mobile Plexiglas-Wand, die den Heimkehrer zunehmend an den Rand der Bühne, an den Rand des Wahnsinns drängt.
…Alle Personen, denen er begegnet, finden ihn abstoßend und niemand möchte etwas mit ihm zu tun haben. Bis auf das Mädchen (sehnsuchtsvoll einfühlsam: Johanna Link), das ihn zwar auch für ein „Gespenst aus dem Krieg für den Frieden provisorisch repariert“ hält, aber seine „trostlos traurigen Augen“ liebt. Aber auch sie stopft mit Beckmann nur ein eigenes Loch: Auch ihr Mann ist im Krieg geblieben.
…Was Mareike Mikats Inszenierung definitiv gelingt, ist, das Publikum zu berühren. Emotionen werden durch ein eindrucksvolles, ständig im Wandel befindliches Bühnenbild, Soundeffekte und Requisiten, mit denen die Darsteller eifrig arbeiten, sowie die schauspielerische Leistung des Ensembles gezielt hervorgerufen.
Franziska Spanner, Seemoz, 5.2.2019

NÄCHSTE VERANSTALTUNGEN


AUSSTATTUNG / BÜHNE: Simone MantheyKOSTÜME: Simone MantheyDRAMATURGIE: Eivind HauglandMIT: Katrin Huke, Johanna Link, Nikolai Gemel, Jonas Pätzold, Harald Schröpfer, Peter Cieslinski, Tomasz Robak, Eva Warth, Paula Vietor, Hannah Hellstern, Paul Reitberger, Jonathan Bohna, Gregor BohnaWEITERE: Bernd Oßwald, Elena Bulochnikova, Rabea Schubert, Johanna Schaden, Andree Kruse, Stefan Eberle