11.05.2019 | Spiegelhalle | 1:20h ohne Pause

Meer


Schauspiel von Jon Fosse, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
Deutsche Erstaufführung
REGIE: Wulf Twiehaus, Isabell Twiehaus


In Jon Fosses letztem Theaterstück kommen die Fäden seiner preisgekrönten Autorenschaft zusammen: Mit einer sprachlichen Virtuosität begegnen sich sechs Figuren an einem unbekannten Ort des Möglichen als auch zugleich Unmöglichen.

Ich bin der Kapitän. - Ich bin der Gitarrenspieler. Wie eine Beschwörungsformel wiederholen zwei Männer diese Sätze, als müssten sie sich ihrer selbst versichern. Der eine kommandiert ein Schiff, das es womöglich gar nicht gibt; der andere macht Musik, die niemand hört. Beide treiben sie auf einem Meer, das so real wie unwirklich ist, allgegenwärtig und abwesend zugleich, Ort und Nicht-Ort. Geisterhaft erscheinen bald andere Gestalten: ein junges Paar, ein älteres, vielleicht dasselbe zu verschiedenen Zeiten, vielleicht nur Halluzinationen: Menschen, die einander kennen oder zu kennen glauben, obwohl sie sich nie begegnet sind. Ein unendlich weiter Raum öffnet sich zwischen ihnen, in dem die Sprache zum Rauschen der Wellen wird - gleichförmig und unwirsch, beruhigend und bedrohlich - und das Sein, wie wir es kennen, allmählich mit sich fortträgt.

Die deutschsprachige Erstaufführung Meer des großen norwegischen Theaterautors Jon Fosse am Theater Konstanz verzichtet weitestgehend auf Bilder, um stattdessen Raum für eigenen Ideen eines alternativen Daseins zu lassen. Im Inneren der Spiegelhalle am Hafen herrscht demnach Minimalismus (Bühne: Katrin Hieronimus). Ein ausgerissener Baumstamm befindet sich in der Mitte des Parketts. Um ihn herum versammeln sich im Laufe des Stücks sechs Figuren. Wie das an Treibgut erinnernde Holzstück sind auch sie alle irgendwie entwurzelt. Unter ihnen der fabelhaft von Odo Jergitsch verkörperte Kapitän, der litaneihaft immer wieder erzählt, dass er große Schiffe über die Meere manövriere…
… Was das skurrile Ensemble eint, ist die Sehnsucht: nach der Vergangenheit oder einer besseren Zukunft – und immerzu nach Heimat. Sie alle sind Verlorene auf einem weiten Ozean.
..Das Stück zeugt von der Souveränität, bei Gegenwind nicht unterzugehen. Politisches Theater in einem hochpolitischen Haus vor lieblicher Seekulisse kann man nur begrüßen.
Björn Hayer, Der Freitag, 16.5.2019
…jetzt die deutsche Erstaufführung eines Stückes, das der bekannteste lebende norwegische Theaterautor, Jon Fosse, als sein letztes angekündigt hatte: „Meer“. Ein deprimierendes, aber sehenswertes Stück über Menschen, die sich nicht mehr sehen und nur noch um sich selbst kreisen.Karin Wehrheim, SWR2 am Morgen, 13.5.2019
Der Kapitän befindet sich auf einer Reise zwischen den Welten. Auf einem Schiff, das den Heimathafen längst verlassen hat. Nur noch schemenhaft am Ende des Horizonts seine Vergangenheit erspäht. Ob er sich wirklich auf einem Schiff befindet oder entwurzelt halluziniert, lässt das Stück bis zum Ende offen.
…Ist das junge Mädchen die Schwester vom Kapitän? Haben beide nie die Liebe ihrer Eltern erfahren? Ein tragischer Moment. Gut gespielt, ausdrucksvoll, wenig Text. Mit Mimik und Gestik schafft es die Schauspielerin, ihr Dilemma zu offenbaren.
Er …(Regisseur Wulf Twiehaus)… hat es geschafft, den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Bis zur letzten Sekunde.
Sebastian Küster. Südkurier, 14.5.2019
Während man den Schauspielern lauscht, wie sie ihre Sätze deklamieren, spürt man, dass sich die Aussagen verschränken und wie Musikinstrumente Teil einer Sinfonie werden. Fosse hat sicherlich viel mehr kunstvolle Bezüge angelegt, als die, die man beim Zuhören entdeckt. Das Stück macht Lust, den Text auf eine große Tapete zu schreiben und mit Kreisen und Linien die Partitur des Gehörten zu rekonstruieren.
… Regisseur Wulf Twiehaus und die Schauspieler machen ihre Sache hervorragend und auch die blätterlosen Baumruine, die mitten auf der Bühne liegt symbolisiert die Lebensstarre.
Johannes Schacht auf sch-8.de.18.5.19