01.02.2019 | Spiegelhalle

Marc Chagall: Bilder und Texte


Vortrag mit Lesung und Bildprojektion


Vortrag: Brigitte van Kann

Marc Chagalls Bilder prägen unsere Vorstellung von den Orten, an denen die Juden in Russland lebten. Dank Chagall gehören Figuren wie der Geiger auf dem Dach zum imaginären Inventar dieser vernichteten und versunkenen Welt.  Seine Bilder stehen im Spannungsfeld zwischen dem traditionellen ostjüdischen Leben und der Moderne, zwischen Verharren und Aufbruch, Abschied und Erinnerung. Sie versöhnen die Bibel mit der Revolution.

Wie ist die  ungeheure Wirkung von Chagalls Schtetl-Bildern zu erklären?
Es sind ihre vielfach gebrochenen Spiegelungen in der Literatur, die Fährten zu einer Antwort legen: Auch die Prosa der Zeit nahm bildgewaltig Abschied von einer Jahrhunderte alten Lebenswelt, die dem Ansturm einer neuen Epoche mit ihren Umbrüchen und ihrer totalitären Gewalt zum Opfer fiel.

In literarischen Schtetl-Bildern hielten Schriftsteller wie Scholom Alejchem, Isaak Babel, Joseph Roth und Der Nister, der die jiddischen Buddenbrooks schrieb, noch einmal fest, was die kleine ostjüdisch-russische Stadt von allen anderen unterschied - und erschufen dabei, gemeinsam mit Marc Chagall, das Schtetl als europäischen Sehnsuchtsort. Ein Nachhall davon lässt sich selbst noch in den Büchern des israelischen Autors David Grossman finden.

Der Vortrag nimmt den Maler gegen das verbreitete Vorurteil der Kitschproduktion in Schutz.  Er geht der Entstehung der westlichen „Schtetl-Nostalgie" nach und versucht überdies, ein realistisches Bild des Schtetls zu geben. Auch seine Zeit als Bühnenmaler im Staatlichen Jüdischen Theater Moskau wird geschildert. Der Vortrag ist nicht im Hinblick auf einen akademischen Rahmen, sondern für ein interessiertes Publikum konzipiert: Information verbunden mit Kunstgenuss!   

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