11.10.2019 | Stadttheater | 1:50 h inkl. einer Pause

Kasimir und Karoline


Volksstück von Ödön von Horváth
REGIE: Zenta Haerter, Christoph Nix


Oans, zwoa, gsuffa! Willkommen auf der Wiesn! Hier treffen Groß und Klein zusammen, um den Alltag zu vergessen und sich zu amüsieren. Nur einer hat keine Freude - Kasimir. Gestern hat er seine Stelle verloren und heute soll er lustig sein? Dass seine Verlobte Karoline ihn verlässt ist nur verständlich, denn Sie will hoch hinaus. Sie will feiern - trotz Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und heraufdämmernder Nazidiktatur. Konsum und Vergnügungssucht trifft auf Perspektivlosigkeit und Abstiegsängste.

Neben der Bestialität der menschlichen Beziehungen verlieren selbst die ausgestellten Jahrmarktsabnormitäten ihre Unheimlichkeit. Es ist eine glitzernde und gleichzeitig entzauberte Welt, die Ödön von Horváth in seinem 1932 entstandenen Volksstück entwirft. Brutale Gemütlichkeit trifft auf sentimentale Wiesnlieder, Gläser zerbrechen, Nasen und bald alle gesellschaftlichen Träume.

Die Achterbahnfahrt wird hier zur perfekten Metapher einer politisch-wirtschaftlichen Zeitenwende, in der die Menschen im freien Fall einer ungewissen Zukunft entgegentaumeln. Längst zählt Kasimir und Karoline zu den berühmtesten deutschsprachigen Klassikern - eine gesellschaftliche Zustandsbeschreibung, die auch heute nicht an Aktualität verloren hat.

Interview mit Regisseur Christoph Nix im Rahmen von "Lutz Mittendrin".

Zenta Haerter und Christoph Nix haben den Stoff aus der Zeit zwischen den Weltkriegen in einer in wesentlichen Teilen unveränderten Fassung auf die Bühne gebracht. Gekonnt transportieren sie dabei die Spannung zwischen Jahrmarkt und grauem Alltag, zwischen guten und bösen Seiten der Figuren – zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
… Das Kostüm (Bozena Szlachta) trennt die in unterschiedlichen Materialien und Farben gekleideten pittoresken Figuren des Rummels von den BesucherInnen, die wie ihr Leben in schwarz, grau und weiß gehüllt sind. Ein besonderer Kniff: Die asymmetrischen Schnitte der Kleidungsstücke spiegeln die Ambivalenz der Charaktere wieder, während die Auswahl der Teile ihren gesellschaftlichen Status abbildet.
… Die Rolle des Kasimir ist auf zwei Darsteller aufgeteilt. Julian Härtner gibt den aktiven, lebensbejahenden, nach außen gekehrten jungen Kerl Kasimir. Ebenso überzeugend ist Odo Jergitschs träger, lethargisch dreinblickender, introvertierter Kasimir, der sich kaum von der Stelle rührt. Unterstützt wird das Geschehen durch die Geigen- und Hackbrettklänge der Schweizer Noldi Adler und Tobi Töbler, die ihr musikalisches Können in der Variation von Harmonie und Disharmonie oder mit Sirtaki im Zeitraffer unter Beweis stellen.
Franziska Spanner, Seemoz, 16.10.19
Intendant Christoph Nix und Choreografin Zenta Haerter gelingt es, die Zeitlosigkeit von Horváths Stück herauszuarbeiten. Co-Leitungen sind sehr in Mode. Aber dass sich ein Regisseur und eine Choreografin den Regiestuhl teilen, das ist selten. Die Zusammenarbeit von Christoph Nix und Zenta Haerter für Ödön von Horváths «Kasimir und Karoline» am Theater Konstanz beweist, dass sich das ändern sollte. Denn dort, wo dem scharf denkenden Intendanten Nix sozusagen die Worte fehlen, setzt Zenta Haerters Choreografie ein.
…Das Appenzeller Musikduo Noldi Alder an der Geige und Töbi Tobler am Hackbrett verstärkt die zirzensische Atmosphäre mit perlenden, beinahe traumartigen und auf jeden Fall traumhaften Tönen.
… Nix und Haerter belassen Horváth in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Aber sie ziehen ihm mit Akrobatik und Zirzensik, mit spiegelnden Decken und Böden (Bühne Christoph Nix) und surrealen, schief-gezackten, grau-weiss-schwarzen Kostümen von Bozena Szlachta eine artifizielle Haut über, die das Geschehen konserviert und zeitlos macht.
Valeria Heintges, Thurgauer Zeitung/ St.Galler Tagblatt, 15.10.19
Entschlackt ist der Phrasenmüll der Weimarer Republik, auf den Glutkern gekühlt ist diese Geschichte um lauter recht nette Leut und deren Vergnügungssucht. Spiesser, Kleinbürger und Angestellte, das war einmal. Hier zeigt sich der nackte Mensch jenseits von Gender und Klasse, doch im Gewand seiner grossen und kleinen Feigheiten.
«Kasimir und Karoline» in Konstanz ist auch eine Version von Welttheater: Die Schweizer Alpenmusiker Noldi Alder und Töbi Tobler an der Geige und am Hackbrett erzeugen den Sog eines musikalischen Spiralnebels. So wird Horváths Stück eine Art Shuttle in eine neue Raum-Zeit-Dimension. In Raum und Zeit teilt sich auch die Figur des Kasimir. Überfordert ist der junge Kerl (Julian Härtner); unbeweglich-stoisch, festgefroren in einem stillstehenden Autoscooter ist der alte Kasimir, der sich erinnert. Odo Jergitsch darf seiner Schwermut und seinem Schmerz zwischendurch in einem Tanz Luft machen, wenn das Hackbrett für ihn einen Rembétiko spielt. Dann ist Kasimir auch der alte Grieche, der am Ufer des Meeres über die Vergeblichkeit seiner Pläne lacht.
Auf der Bühne existiert weder Stimmung noch «Milljöh». Es regiert das harte Nebeneinander von Logik und Traumwissen. Haerter und Nix gelingt, was Horváth als «Gebrauchsanweisung» für das richtige Verständnis seiner Stücke verlangt hatte: Sie wollen Distanz und Stilisierung. In Konstanz zeigt sie sich im Kampf des Bewussten gegen das Unbewusste. Die daraus resultierende Herzenskälte weitet den Blick auf einen neuen Horváth. Er ist hier weit mehr als ein Nestroy für Intellektuelle. Er ist sein eigenes Weltgericht und wiegt sein eigenes Weltgewicht.
Daniele Muscionico, NZZ, 14.10.2019
Gemeinsam mit Regiekollegin und Tanzchoreografin Zenta Haerter hat Intendant Christoph Nix ein Setting erschaffen, das bemerkenswert schlüssig erscheint. Als zentrale Fahrgeschäft sehen wir kein Riesenrad und keine Achterbahn, sondern: einen Spielautomaten, Sinnbild für die Herrschaft des Apparats über den Menschen, für Sucht und Abhängigkeit statt Lust und Vergnügen.
Die lichtesten Momente in dieser so düsteren wie ambivalenten Inszenierung sind den Schauspielern vorbehalten. Das gilt vor allem für Antonia Jungwirth, die als Karoline mit ihrem naiven Aufstiegswillen … herrlich rustikal auftritt. Überzeugend auch Julian Härtner und Odo Jergitsch… André rohde gefällt als schmieriger Schürzenjäger … Schön auch, wie Peter Cieslinski als moderner Arthur Schopenhauer die Karrikatur eines Bildungsbürgers gibt.
Johannes Bruggaier, Südkurier, 14.10.19

Weitere Informationen zur Ödön von Horváth Gesellschaft

https://www.horvath-gesellschaft.de/

NÄCHSTE VERANSTALTUNGEN


MUSIKALISCHE LEITUNG: Noldi AlderAUSSTATTUNG / BÜHNE: Christoph NixKOSTÜME: Bozena SzlachtaCHOREOGRAFIE: Zenta HaerterDRAMATURGIE: Elisa ElwertMIT: Antonia Jungwirth, Sylvana Schneider, Odo Jergitsch, Julian Härtner, Harald Schröpfer, Peter Cieslinski, André Rohde, Florian Rummel, Jonas Pätzold, Raouf Tchakondo, Luise Lein, Elisabetha Doering, Olga Doering, Theresa SchäffauerMUSIK: Töbi ToblerWEITERE: Claudia Schiller, Lorenz Leander Haas, Chloé Charlotte Simone Schöneck, Annika Stross, Andree Kruse, Alisa Fulgraff