08.11.2019 | Stadttheater | 2:20H inkl. einer Pause

Die Tage der Commune


Schauspiel nach Bertolt Brecht. Musik von Hanns Eisler.


Paris, Frühjahr 1871. Der Deutsch-Französische Krieg ist zu Ende, und die von der Regierung bewaffneten Proletarier der Nationalgarde weigern sich, die Waffen abzugeben. Stattdessen reißen sie die Macht an sich und proklamieren die Kommune. Während der französische Abgeordnete Adolphe Thiers und Otto von Bismarck sich über den Niederschlag des Aufstands beratschlagen, spannt sich zwischen dem Kommunarden Jean und Babette eine neue Liebe. Madame Cabet kümmert sich derweil darum, die Familie zusammenzuhalten und zu ernähren. Zwischen den Straßenschlachten und den politischen Debatten im Rathaus sind es die alltäglichen Kämpfe, Freuden und Sorgen des kleinen Mannes, die im Mittelpunkt stehen.

Das Stück, das Brecht aus historischen Zitaten zusammensetzte, zeigt, wie Einzelschicksale von den großen politischen Ereignissen durchdrungen werden. Der Aufstand, der insgesamt dreiundsiebzig Tage dauerte, scheiterte letztendlich nicht an seiner Kraft, sondern an einem Mangel von Organisation und Zusammenhalt.  Das Stück beginnt voller Hoffnung und endet als Trauerlied.

In Konstanz hat Brecht-Enkelin Johanna Schall das Stück auf die Bühne gebracht, hat es von seinem Ende her erzählt und dabei eine wohltuend von Ballast befreite Textfassung zugrunde gelegt. In Brecht-Manier wird dabei zunächst das Theater als solches mit ausgestellt, indem die Versuchsanordnung auf eine schiefe, aus Gitterrosten bestehende Ebene drapiert wird. Kein Ort, sich geruhsam niederzulassen (Bühne: Nicolaus-Johannes Heyse).
…Austariert und frisch wirkt trotz des schwerwiegenden Themas das Ensemblespiel, das Tempo in die Schulstunde bringt und sich den einen oder anderen Scherz (mit Brecht, mit dem Publikum) erlaubt.
Brigitte Elsner-Heller, St.Galler Tagblatt/ Thurgauer Zeitung, 12.11.2019
Auch in der Inszenierung von Johanna Schall am Theater Konstanz steht die Gewaltfrage im Zentrum. Die Regisseurin bezieht sich dabei in der szenischen Arbeit auf die Aufführungsfassung des Berliner Ensembles von 1962, die die Texte von Brecht umstellt, damit das Publikum die vergangene Geschichte besser historisieren kann und diese so näher an die Gegenwart herangeholt wird. Zu Beginn des Abends stehen auf einer Schräge, bestehend aus 36 Kellergittern, davon eines rot (Bühne: Nicolaus-Johannes Heyse), zehn Schauspielerinnen und Schauspieler mit dem Rücken zum Publikum auf der Bühne. Im Zwielicht singen sie das Lied von der Kirschenzeit („Les temps de cérises“), das zum Lied der Kommune wurde: ein wunderbarer poetischer Auftakt. Aber dann werden alle nacheinander erschossen. Es wird also vom Ende her erzählt, so haben dann auch alle Darstellenden geronnene Blutkrusten im Gesicht und rote Spuren auf den Kostümen (Kostüme: Jenny Schall) während der gesamten Vorstellung.
… Da wird keine Figur verraten, aber alle Kleinigkeiten, die den Alltag so ausmachen, werden auserzählt, so dass die Empathie des Publikums herausgefordert wird.
… Johanna Schall erzählt mit Witz die Geschichte, wie die Politik immer den Alltag beherrscht, und jeden Einzelnen zu einer Haltung, zu einer Entscheidung zwingt, die auch Familien und alte Freundschaften zerreißen kann.
… Ein gelungener Abend. Tosender Beifall.
Manfred Jahnke, Die deutsche Bühne Online, 9.11.19
"Die Tage der Commune" laufen Gefahr, ins Pathetische abzusacken. Nicht wegen ihrer Machart, sondern weil ein Stoff, in dem Menschen mit hehren Idealen zu Opfern werden, per se zum Pathos neigt. Johanna Schall fängt das Pathos durch Komik ab. Sie nähert das vorwiegend frontal zum Publikum ablaufende Spiel der Groteske an und macht die Politiker, die auf Stühlen sitzend auf die Bühne gefahren werden, – Thiers, Favre, Bismarck – nachdrücklicher noch, als es bei Brecht angelegt ist, zu Karikaturen.
… Geblieben ist zur Freude des Rezensenten die Musik von Hanns Eisler. Nur selten kann, was an ihre oder an die Stelle der Kompositionen von Kurt Weill oder Paul Dessau gesetzt wird, überzeugen, wenn man nicht gerade Tantiemen dafür erhält. Torsten Knoll, von Anfang bis Ende rechts vorne auf der Bühne, hat sich im Wesentlichen darauf beschränkt, die Instrumentierung zu ändern und rhythmisch, eher vorsichtig, einen schmissigen Drive hinzuzufügen. Die berühmte "Resolution" der Kommunarden wird auf Einzelstimmen und das Kollektiv verteilt, ganz im Sinne des "Keiner oder alle".
Thomas Rothschild, Nachkritik, 9.11.19

NÄCHSTE VERANSTALTUNGEN


MUSIKALISCHE LEITUNG: Torsten KnollAUSSTATTUNG / BÜHNE: Nicolaus-Johannes HeyseKOSTÜME: Jenny SchallDRAMATURGIE: Franziska BolliMIT: Renate Winkler, Sarah Siri Lee König, Jana Alexia Rödiger, Dan Glazer, Thomas Fritz Jung, Peter Posniak, Arlen Konietz, Sebastian Haase, Ralf Beckord, Axel Julius Fündeling, Thomas Ecke, Ferah KocaustaWEITERE: Bernd Oßwald, Nicole Greue, Alvaro Nogales Gómez-Imaz, Marléne Douty, Klara Steiger, Lela Mader, Andree Kruse, Laura-Isabell Kraußer