Ein Text über unterschiedliche Modelle der Selbstzerstörung, der 1781 erschien, durch viele Ausrufezeichen den Geist der Zeit widerspiegelt – und nun auf der Konstanzer Bühne in Wulf Twiehaus’ Inszenierung wieder so atemberaubend frisch, so aktuell wird, indem er Mechanismen der Entstehung von Gewalt aufzeigt. Zum Auftakt (tatsächlich spielt Musik keine unwesentliche Rolle) die karge Stimme von Neil Young, die Einsamkeit meint, während auf der Bühne eine Langeweile inszeniert wird, hinter der Abgründe lauern: Der alte Moor (Frank Lettenewitsch), seine angehende Schwiegertochter Amalia (Monika Vivell) und Nesthocker Franz (Enrique Keil) sitzen auf einem Plüschsofa und trinken Tee. Nicht das, was man sich vom Leben erträumt.
Volker Thieles Bühnenbild ist eine dunkle Treppen landschaft mit Sofas und Monitoren, die Überblendungen zwischen dem Moorschen Anwesen und den Böhmischen Revieren der Räuberbande zulassen – eine schöne Metapher dafür, dass stets beide der vorgestellten Varianten des Scheiterns an den moralischen Grundsätzen möglich gewesen wäre. Das Vorgehen macht es leicht, Baader-Meinhof und politisch nicht unterfütterte Jugendkriminalität in ihrem Ergebnis als identisch zu erkennen, idealistische Selbstverblendung somit mit blanker Lust an der Gewalt in Verbindung zu bringen; Kriegsmassaker und Massenvergewaltigungen schliessen sich nahtlos an – die Begründungen mögen unterschiedlich ausfallen, als Absolution können sie nicht gelten.
Während in den Wäldern Karls Kumpan Spiegelberg (Michael Müller) den Prototyp des lustvoll agierenden Schlägers und Vergewaltigers abgibt, in Karl (David Benito Garcia) dagegen eine viel versprechende Karriere hätten liegen können, zeichnet Enrique Keil auf der Bühne einen Franz, der schaudern lässt. Mehr noch als die anderen Figuren ist Franz psychologisch fein durchgezeichnet, ist einer, der in den Schlagzeilen der Boulevardblätter als ein Mörder auftauchen könnte, der seine Opfer verspeist, um sich deren Kraft anzueignen.
Wie Enrique Keil als Franz in Momenten innerlich zur Ruhe kommt, in denen die Strategie seiner teuflischen Taten entwickelt ist, gehört zu den grossen, verstörenden Momenten des Abends – mehr noch als die Szenen, in denen die Gewalt offen nach aussen gekehrt wird, in denen reichlich Theaterblut zum Einsatz kommt und Heavy Metal das Klima akustisch noch anheizt. Interessant auch, dass Amalia, die Karl versprochen ist (Monika Vivell), über Wulf Twiehaus mit opportunistischen Zügen ausgestattet wird – und auch Vater Moor (Frank Lettenewitsch) ist ein Vater, der seinen Söhnen gegenüber keine Verantwortung übernimmt und somit nicht unschuldig bleibt. Am Ende steht das Scheitern eines Aufbruchs, und die Lethargie der Etablierten steht nicht als Alternativmodell.
Mit Wulf Twiehaus und seiner vielschichtigen Interpretation ist das Ensemble aufgeblüht, bringt kompakte Energie auf die Bühne. So stellt man sich Theater vor.