Es muss nicht Kurt Weill oder Paul Dessau sein, um Bert Brecht zum Klingen zu bringen. Paul Amrod kann das auch. Der in Konstanz lebende New Yorker Pianist hat Gedichte neu vertont und präsentiert sie nun selbst am Klavier in dem konzentrierten 60-minütigen Liederabend „Jazzt den Bertolt“. Das ist reizvoll, denn so hat man Brecht-Lyrik noch nie gehört. Ob es nun um Alkohol und Liebe, Geld und Moral oder das Vaterland geht – Amrod trifft immer den richtigen Ton. In der szenischen Anleitung von Jasmina Hadziahmetovic singen, spielen, tanzen und sprechen drei Schauspieler Brecht.
Karg und sparsam, wie es Brecht in seiner Dramaturgie vorschreibt, das Bühnenbild (C. R. Müller). Desillusionstheater. Und das ist notwendig. Denn wenn Amrod in die Tasten greift,
mal leise, mal temperamentvoll sein Piano hüpfen lässt, ist der Zuschauer geneigt, Brechts Verbot, „romantisch zu glotzen“ für Momente zu vergessen und sich ganz der gescholtenen Kulinarik hinzugeben. Doch Brecht muss Brecht bleiben. Aus der berühmten Brecht-Gardine ist eine veritable, verschiebbare Tür geworden, ein Waschbecken steht verfremdet herum und
komplizierte Beziehungskrisen lassen sich am besten mit Tisch und Stuhl verhandeln. Was dann noch fehlt, lässt sich mit ein paar (unkaukasischen) Kreidestrichen auf dem Boden skizzieren. In diesem äußerst brecht’schen Ambiente können Susi Wirth, Andrej Kaminsky
und Enrique Keil alkoholgeschwängerte oder ernüchternde Balladen von der sexuellen Hörigkeit und anderen menschlichen Katastrophen in den Raum stellen. Susi Wirth hat für diese Schräglagen des Lebens genau die richtige Stimme, Opfer und Täterin im Krieg der Geschlechter. Andrej Kaminsky lässt Brecht genau dann berlinern, wenn es um Heimat und Exil
geht, außerdem ist er in der Lage eine ganz Flasche (Theater-)Whisky ex zu trinken.
Sicher eine der dichtesten und anrührendsten Szenen des kurzen Abends ist Enrique Keils Klagelied aus dem finnischen Exil. Stühle und Waschbecken haben den angestammten Platz verlassen, alles durcheinander ein Felsbrocken liegt tonnenschwer im umgedrehten Tisch.
„Fischreiche Wässer, schönbaumige Wälder, vieltöniger Wind“ schreibt Brecht, singt Enrique Keil, das Radio am Ohr, auf Nachrichten von draußen wartend.
Viele Gedichte kommen als Ballade daher und werden musikalisch auch so behandelt. Von daher jazzt der Bertolt nicht immer. Aber wenn, dann richtig. Gerne hätte man Paul Amrod und den Schauspielern noch etwas länger zugehört.